Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1910-09-02 · 35 (2.9.1910) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3316406-3316441--53638-3347401
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

ilsfK •?> 848 DIEÄELT hineingedeutet hat, muß ganz und gar dem Streben zugeschrieben werden, in Spinoza um jeden Preis den Juden hervorzukehren. Bedenkt man einerseits, daß in der spinozistischen Konzeption sämtliche eleatischen, platonischen, stoischen, neuplatonischen und scholastischen Gedankengänge wie in einem Brennpunkt sich vereinigen, und anderseits, daß die jüdische Philosophie des Mittelalters, und besonders die Kabbala, von neuplatonischen und scholastischen Einflüssen durchtränkt war, so erscheint dieser Anteil der jüdischen Philosophie an dem Gedankenbau Spinozas als höchst problematisch. Spinozas Bedeutung besteht nicht in diesen oder jenen einzelnen Gedanken, die er hie und da aufgelesen haben mochte, sondern in der wunderbaren Verschmelzung aller bisherigen philosophischen Ergebnisse mit der mechanischen Weltanschauung des anbrechenden Zeitalters. Die Wurzeln seines Systems ragen ja bis in die Anfänge des antiken Denkens hinein, und erstrecken sich bis in die letzten wissenschaftlichen Resultate seiner Zeit. No. 35 Ein orientalischer. Zug verrät sich bei Spinoza allerdings in einem Mystizismus, der in dieser Gestalt dem griechischen Denken unbekannt war. Das Allumfassende der spinozistischen Substanz ist, im Grunde gesehen, nichts anderes als Nirwana. Denn Nirwana ist keineswegs ein Nichtseiendes, eine einfache logische Verneinung des Seins, wodurch das Sein überhaupt, das Sein als solches, aufgehoben würde. Nirwana ist die Aufhebung der Bestimmtheit des Seins, und da jede Individuation an irgendwelche Willensrichtung gebunden ist,, indem der Wille es ist, der die eine Seite des Seins im Gegensatz zu der andern hervorhebt, so bedeutet Nirwana die Aufhebung aller Willenstendenzen. Ein Sprung ins Nirwanenhafte gelingt uns durch die ratio intuitiva. Es ist wahr, daß wir diesem Begriff des Nichts in der Kabbala begegnen, wo es merkwürdigerweise mit der Gottheit identifiziert wird. Allein dies ist eine ganz aparte, für sich stehende Erscheinung, die das jüdische Denken in keiner Weise charakterisiert. o o o o o o o o o o o o o o AUS DER BEWEGUNG o o o o o o o 3 o o o o o o o Der V, Poale=Zion~Parteitag Die Tagesordnung des fürden 21.und 22. Oktober d. J. nach Lemberg einberufenen Parteitags der Jüdisch-Sozialistischen Partei Poale-Zion Österreichs wurde wie folgt festgesetzt: 1. Begrüßung und Wahl des Bureaus. 2. Bericht der Exekutive. 3. Berichte der Delegation der Krakauer Weltkonferenz und des IX. Zionistenkongresses. 4. Organisation, Presse und Verlag. 5. Die Lebensmittelteuerung. 6. Gewerkschaftliche und genossenschaftliche Aktion. 7. Die politische Lage und unsere Taktik. 8. Die Kulturbedürfnisse der jüdischen Arbeiterschaft. 9. Der Kampf um die nationale Autonomie der Juden Österreichs. 10. Wahlen. Anschließend an den Parteitag findet ein jüdischer Handelsangestelltentag statt, an dem sämtliche Handlungsgehilfenvereine Galiziens und der Bukowina ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit vertreten sein können. Der Handelsangestelltentag wird die Frage der Fachorganisation dieser zahlreichsten jüdischen Proletarierschicht (81 000 jüdischen Arbeitern in Österreich stehen mehr als 40 000 Angestellte gegenüber!) erörtern. Es wird der Anschluß an den Wiener Zentralverein oder an den Prager Zentralverband sowie die Bildung einer jüdischen Angestelltenorganisation diskutiert werden. Zu Ehren der Parteitagsdelegierten plant die Lemberger Organisation eine Theodor Herzl-Feier (Fünfzigjahresfeier) großen Stils. Deutschland Mamburg. Die Zionistische Ortsgruppe Hamburg-Altona veranstaltete Sonntag den 21. August eine Sommerausfahrt nach der Lühe, den obstreichen Marschen am linken Ufer der Unterelbe. Ein Schiff, an dessen Mast die blau-weiße Fahne wehte, brachte die Festteiinehmer aus dem Gewühl der sommerheißen Stadt in den Frieden einer grünen Landschaft, die von Kanälen und Deichen durchzogen, von unzähligen Kirschbäumen besetzt, den Beschauer ganz holländisch anmutet. An der Kaffeetafel fand man sich dann zusammen. Eine Festzeitung verbreitete fröhliches Behagen. Die Verlosung von Büchern und Bezalelgegenständen hatte ein gutes Ergebnis. Vor dem Hause gab es allerhand Wettläufe, und es wurde auf die einzelnen Läufer zugunsten des Nationalfonds gesetzt. Der Glanz einer wundervollen Vollmondnacht erhöhte den Zauber der Rückfahrt. Den Herren und Damen, die sich um die mühevolle Vorbereitung der überaus gelungenen Veranstaltung besonders verdient gemacht hatten, vor allem den Herren Leopold Landau, Referendar Gottschalck, Referendar Möller und den Damen Hecker, sei hierdurch bestens gedankt. Die Ortsgruppe veranstaltete am 25. August eine Mitgliederversammlung zur Vornahme der Wahlen für den Frankfurter Delegiertentag. Nach einer sehr eingehenden Debatte über verschiedene der dem Delegiertentag zur Entscheidung vorliegenden Fragen, in der insbesondere der Antrag auf Erhöhung des Landesbeitrages von Jt 1.— auf Jt 3.— ausführlich erörtert wurde, nahm die Versammlung mit großer Majorität folgende Resolution an: „Die zur Wahl von Delegierten zum Frankfurter Delegiertentag einberufene Versammlung der zionistischen Ortsgruppe Hamburg- Altona spricht sich gegen die Erhöhung des jetzigen Landesbeitrages von Jt 1.— vor der endgültigen Regelung der Finanzen der Gesamtorganisation aus. Sie bittet aber den Delegiertentag, zu erwägen, ob die Mittel der zionistischen Vereinigung für Deutschland nicht in der Weise verstärkt werden können, daß 1. ein Umlageverfahren für die leistungsfähigen Ortsgruppen eingeführt wird. 2. die Zuführung von freiwilligen Spenden unter Ausweis in der „Jüdischen Rundschau" auch für die Zwecke der zionistischen Vereinigung für Deutschland ermöglicht wird." Bei der sodann vorgenommenen Wahl wurden zu Delegierten die Herren Leopold Landau, L. Estermann, Rechtsanwalt David, Joseph Goldschmidt und Referendar Gottschalck, zu Ersatzdelegierten die Herren Referendar Hirsch, Referendar Möller und Leo M. Michael gewählt. Österreich Marienbad. Am 16. August d. J. wurde von vielen hier zur Kur weilenden hervorragenden Zionisten eine zionistische Versammlung veranstaltet, bei welcher der Reichsratsabgeordnete Adolf Stand aus Wien den Vorsitz führte. Schon einige Tage vorher machte sich ein lebhaftes Interesse unter dem hier zahlreich anwesenden jüdischen Kurpublikum bemerkbar, nachdem dasselbe in Erfahrung brachte, daß der in zionistischen Kreisen bekannte Kantor Blitz aus Dessau über seine Reise durch Palästina referieren werde. Es fand sich deshalb auch ein sehr zahlreiches distinguiertes Publikum ein. HerrBlitz schilderte eingehend die sehr günstigen wirtschaftlichen, ökonomischen und Schulverhältnisse jeder von ihm besuchten jüdischen Kolonie in Palästina und entwarf ein so hochinteressantes, farbenreiches Bild über diese Verhältnisse und die Erreichbarkeit von günstigen Existenzbedingungen, daß die Zuhörer mit sichtlichem Interesse den durch die Kraft der unmittelbaren Überzeugung nachhaltigen Ausführungen des Referenten lauschte und durch minutenlangen Applaus den Vortragenden lohnten. Der Vorsitzende, Reichsratsabgeordneter Adolf Stand, beleuchtete, an die Ausführungen des Referenten anknüpfend, in einem formvollendeten, lichtvollen Schlußworte die zionistische Bewegung, worauf nach einer freiwillig erfolgten Kollekte für die Dr. Gabel- Stiftung die denkwürdige Versammlung geschlossen wurde. Prag- Die jüdisch-nationale akademisch-technische Verbindung „Barissia" beendete am 25. Juni 1910 ihr XIV. Semester. Dem Rechenschaftsbericht entnehmen wir bezüglich der zionistischen Tätigkeit der Verbindung folgendes: Die zionistische Innenarbeit der Verbindung wurde im Sinne der Anfänge des Wintersemesters fortgeführt. Dr. Engel leitete auch einen großen Teil des Sommersemesters die Seminarien, die über folgende Themata abgehalten wurden: 1. A. H. Dr. Engel: Von Uganda bis Mesopotamien. 2. Cb. Otto Stern: Nietzsche und das Judentum. 3. Cb. Otto Fran kl: Rückblick auf den IX. Kongreß. 4. A. H. Dr. Alfred Engel: Aus der althebräischen Literatur. 5. A. H. Dr. Engel: Assimilaticmsperioden der jüdischen Geschichte. 6. Cb. Walter Urbach: Über die Geschichte der spanischen Juden. 7. Cb. Otto Gersuny: Dubnow und seine Stellung im Judentum. 8. Cb. Gustav Robitschek: Zionistische Tagesfragen. 9. Cb. Josef Riethof:- Zionistische

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.