Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Vorstellung machen können, so können wir doch sehr gut sein Verhältnis zu irgendeinem andern bekannten Dinge wissen, indem wir dieses unbekannte Verhältnis nach Analogie eines andern bekannten Verhältnisses konstruieren, etwa in folgender Weise: x:a==b:c Auf die Frage nun: Wie verhält sich die spinozistische Substanz zu ihren. Modi? geben wir die folgende Antwort: Die spinozistische Substanz verhält sich zu ihren Modi wie die-Melodie zu den musikalischen Tönen, in die sie auseinandergelegt werden kann. Denn ebenso wie die einzelnen musikalischen Töne nur das Gebrochenwerden einer ihrer Natur nach einheitlichen Melodie bedeuten, einer Melodie, die einem einheitlichen Gefühle des musikalischen Bewußtseins entsprossen ist, da doch das musikalische Gemüt im Moment seines musikalischen Empfindens von den einzelnen die Melodie konstituierenden Tönen nicht die leiseste Ahnung hat, genau ebenso stellen die Modi nur das Gebrochenwerden einer ihrer Natur nach einheitlichen Substanz dar, die zugleich mit ihren Modi gegeben ist, in eben der Weise, wie die Melodie zu gleicher Zeit mit den musikalischen Tönen auftaucht. Und ebenso, wie es verkehrt und töricht wäre, wenn ein mathematischer Verstand sich etwa einbilden wollte, aus dem mathematischen Verhältnis der musikalischen Töne zueinander auch das Wesen und die Bedeutung der Melodie erfassen zu können, ebenso verkehrt und absurd ist es, aus den Beziehungen der Modi zu einander heraus auch das Wesen der Substanz begreifen zu wollen. Daher wird auch Spinoza nicht müde, vor der Meinung zu warnen, als ob die Gesamtheit aller Modi die Substanz repräsentieren könne. Aber ebenso, wie das mathematische, quantitative Bewußtsein, wenn es zugleich mit einer musikalischen Intuition begabt ist, durch einen spontanen Akt seines musikalischen Fühlens der Melodie mit einemmal inne werden kann, ebenso kann auch das empirische Bewußtsein durch einen mystischen. Akt der „ratio intuitiva" in den Stand gesetzt werden, sich mit dem Wesen der Substanz in enge Berührung zu bringen. Aus alledem ersieht man, wie verfehlt alle Versuche sind, die Spinoza als einen vorwiegend ethischen Denker hinstellen wollen, von den Stümpern und Flachköpfen gar nicht zu reden, die die spinozistische Konzeption zu einem Materialismus und Positivismus plattschlagen möchten, wobei dieser ganze Begriff der Substanz samt der „ratio intuitiva", der Unsterblichkeit der menschlichen Vernunft, dem „amor dei intellectualis" über den Haufen geworfen werden und aus dem tiefen Meer der spinozistischen Gedankenwelt ein seichtes Gewässer zum eigenen Gebrauch gemacht wird, um darin nach Herzenslust herumpatschen zu können. Spinoza kümmert sich wenig was um ethische Normen. Gut und böse sind ihm bloß menschliche Satzungen, die je nach Ort und Umständen mannigfach wandeln können. Den ethischen Schwerpunkt verlegt Spinoza ausschließlich in die Macht des individuellen Gemüts, die äußern Affektionen durch einen Geistesakt von sich innerlich abzuschütteln, und in dieser Identifizierung von Tugend und Macht, in einer rein formalen Beziehung also, berührt er sich sehr enge mit dem Amoralisten Nietzsche. Der allerdings gewaltige und fundamentale Unterschied besteht nur in dem grundverschiedenen Inhalt, den jeder von diesen beiden Denkern in den formalen Begriff der Macht hineinlegt: bei Nietzsche — Instinkt nnd empirische Gewalt, bei Spinoza — Beschaulichkeit. Prinzipiell aber ist Spinoza ebenso Amoralist wie Nietzsche und vielleicht in noch weit größerm Maße. Wir würden Spinoza als einen ästhetischen Typus bezeichnet haben, wenn nicht schon der bloße Name Ästhetik ein Gefühl von Ekel in uns erregt hätte, seitdem sich von Kant her die üble Gewohnheit auf so viele trockene und unfruchtbare Köpfe vererbt hat, theoretische Betrachtungen über Kunst anzustellen, ohne selber ein intimes Verhältnis zu Dichtung zu haben. Aber wir möchten Spinoza als einen künstlerischen Denker bezeichnen. Denn wenn Spinoza die Aufgabe der Ethik in dem Bestreben erblickt, sich der schmerzend lustvollen Affekte durch einen mystischen Akt innerlich zu entledigen, die Willenstendenzen also der menschlichen Natur, die immer und überall auf ein bestimmtes Objekt, auf einen bestimmten Zweck gerichtet sind, von diesen Objekten und Zwecken loszulösen, um nur die Tätigkeit an und für sich zu erleben, so hebt er damit die ganze Ethik auf, die nie und nimmermehr von dem menschlichen Subjekt als Objekt der Handlung absehen kann, und führt uns in das Wesen der Kunst ein. Wenn wir ein meisterhaft ausgeführtes Bild vor uns haben, das uns einen Mörder im Momente seinermörderischen Handlung darstellt, so vergessen wir ganz und gar beim Anblick dieses Bildes, um welchen Zweck es sich hier eigentlich handelt, um nur die Schönheit der Tat als solcher zu bewundern. Noch deutlicher. Wenn wir einen schön konzipierten und gut ausgeführten Kriegsmarsch anhören, so vergessen wir vollständig beim Anhören der Kampfesmelodie all die blutigen Zwecke, die der Kriegsmut verfolgt, um nur die Schönheit des Mutes als solchen innerlich in uns aufzunehmen und zu genießen. Die Aufgabe der spinozistischen Ethik ist die Aufgabe der Kunst. In Spinoza haben wir den konsequentesten Amoralisten vor uns. Unter allen Denkern jüdischer Abstammung gibt es vielleicht keinen einzigen, der in einem solchen Maße dem jüdischen Geiste fremd geblieben wäre, wie es bei Spinoza der Fall ist. Vom ethischen Pathos, das dem Juden im Blute steckt, ist in Spinozas Denken keine noch so schwache Spur zu entdecken. Spinozas Denken hat einen gewissen Anstrich von Grandezza an sich, es steht der Welt kühl, reserviert und vornehm gegenüber, was so sehr von der ungestümen Hast absticht, mit der der jüdische Geist an die Dinge herandrängt. Aber dieses Denken ist von einem künstlerischen Pathos durchdrungen, dem Pathos des Betrachtens, des Zuschauens, dem sich das menschliche Leben als Drama entrollt, mitunter tragisch, mitunter komisch, meistens aber tragisch und komisch zugleich. Diese Art des Gebarens dem Weltlauf gegenüber ist dem Juden in tiefster Seele zuwider. Der Jude operiert immer mit ethischen Maßstäben; die Frage nach dem Zweck schwebt ihm immer auf den Lippen. Das jüdische Denken ist mit teleologischen Tendenzen dermaßen überladen, daß sie mit wenigen Ausnahmen auch in den Erzeugnissen der jüdischen Kunst es nicht unterlassen können, hervorzutreten. Es gibt innerhalb eines jeden Volkes zahlreiche individuelle Abweichungen von dem allgemeinen Geiste dieses Volkes, die sich so lange ansammeln, bis sie sich endlich in einem einzigen Geist konzentrieren und konkrete Gestalt gewinnen, wo alsdann dieser Geist nicht als typischer Repräsentant des Volkscharakters, sondern umgekehrt als verkörperter Protest gegen den letztern auftritt. Einen ähnlichen Protest gegen die protestlose Natur der deutschen Nation haben wir in Beethoven, Schopenhauer und Nietzsche vor uns, in dem Himmelsstürmer Byron einen Protest gegen den englischen Volkscharakter, und wir könnten noch manche andere Beispiele hinzufügen. Einen ebensolchen Protest gegen den Geist des jüdischen Volkes stellt auch Spinoza dar. Spinoza ist Hellene vom Scheitel bis zur Sohle. Hellenisch ist die ganze Art und Weise seines Phiiosophierens, das die Welt als ein für allemal Gegebenes, Fertiges und Stabiles konzipiert, alle Beweglichkeit und Mannigfaltigkeit aus einem unbeweglichen und absolut einheitlichen Prinzip ableitet und die empirischen Gestalten unserer empirischen Umgebung als ebensoviele Verzerrungen einer transzendent-idealen Wesenheit betrachtet. Sieht man von dem Umstände ab, daß das platonische System pluralistisch, das spinozistische dagegen streng monistisch ist, so möchte man sagen, daß der ganze Spinozismus von platonischem Geiste durchdrungen ist. Wenn nicht echt hellenisch, so jedenfalls ganz und gar nicht jüdisch, ist die nüchterne Art und Weise, wie er sich; dem Staate gegenüber benimmt. Vermöge ihrer ethisierenden Tendenzen kann die jüdische Natur nur schwer sich mit dem Gedanken befreunden, daß eine Gemeinschaft nicht auf eine ethische Basis, sondern bloß auf die brutaler Machtverhältnisse sich aufbauen soll. Daß man in das spinozistische System manche bei jüdischen Philosophen des Mittelalters sich zerstreut findende Gedankenelemente