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Die Welt · 1910-09-02 · 35 (2.9.1910) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Jahre 1908 unterbreitete der universelle jüdische sozialistische Arbeiterverband Poale-Zion dem -sozialistischen Bureau in aller Forrri den Antrag, innerhalb der sozialistischen Internationale eine jüdische Sektion zu bilden. Die Poale-Zion berufen sich dabei auf den Beschluß des Bureaus von Jahre 1906. Diese zum erstenmal erhobene Forderung einer selbständigen jüdischen Vertretung wurde im Brüsseler Bureau noch nicht verhandelt, und zwar auf Wunsch der poalezionistischen Antragsteller selber, die sich vorbehalten hatten, in dem geeigneten Zeitpunkt die Entscheidung anzurufen. Nun scheinen die diversen sozialdemokratischen Assimilanten und Bundisten gefürchtet zu haben, daß die Poale-Zion und die mit ihnen solidarischen zionistischen Sozialisten und „Serpisten" die Frage der jüdischen Sektion in Kopenhagen aufwerfen werden. Es folgten darauf die üblichen kopflosen Wutausbrüche jüdischer „Sachverständiger" in der „Neuen Zeit" und in der Wiener „Arb.-Ztg." Herr Medem versuchte sogar eine Theorie aufzustellen, daß die Sozialistische Internationale nur nach staatlichen Vertretungen organisiert sein darf. Es können höchstens nationale Untersektionen bewilligt werden. Die mit dem Schwerte zusammengeschweißten oder friedlich zusammengeheirateten Staaten sind Herrn Medem das Primäre: die historisch gewordenen Nationen — bloß ein untergeordneter Faktor. Herr Medem deutet sogar an, daß er nur aus Höflichkeit und offenbar angeborener Gutmütigkeit davon Abstand nimmt, die Aufhebung der polnischen und tschechischen Sektion zu verlangen. Es bleibt nur zu erwarten, daß Herr Medem nach der Aufhebung der staatlichen Autonomie Finnlands parallel zu den Maßnahmen Stolypins die Auflösung der finnischen Sektion der Internationale nicht beantragen und Gnade walten lassen wird. Indes die Aufregung der Assimilanten und Bundisten war frühzeitig und gegenstandslos. Das Wiener Verbandsbureau der Poale-Zion erachtet den gegebenen Zeitpunkt als nicht geeignet, um eine günstige Entscheidung in der Fiage der jüdischen Sektion herbeizuführen. Das Bureau hat deshalb ebenso wie dieZionisten-Sozialisten keine Delegation nach Kopenhagen entsendet. Es hat nur eine Kundgebung nach Kopenhagen gerichtet. Diese Zuschrift, die lediglich eine Begrüßung der Kopenhagener Konferenz, sowie eine historische Darstellung des Entstehens der Poale-Zion-Organisation und ihrer Stellung zur österreichischen Sozialdemokratie enthält, wurde in der Sitzung des internationalen Bureaus vom 27. August in Kopenhagen verlesen. Da sie keinen konkreten Antrag enthält, wurde sie natürlich ohne Debatte zur Kenntnis genommen. Dem Berichterstatter der Wiener „Arb.-Ztg." blieb es vorbehalten, die Kundgebung der Poale-Zion in ihr Gegenteil umzudeuten. Der „Arb.-Ztg." zufolge „begehrten die Poale-Zion ihre Zulassung zum Kongreß" und die „Anerkennung als Sozialisten". Nachdem sie derart die Wahrheit auf den Kopf gestellt, erzählt die „ATb.-Ztg." von einem debattelosen „Übergang zur Tagesordnung", um den Anschein zu erwecken, als würde es sich um die Ablehnung dieser nicht erhobenen Zulassungsforderung handeln! Die Entstellungskunst der „Arb.-Ztg." in jüdischen Angelegenheiten gehört zur Tradition dieses Blattes. r. (□□□□□□ FEUILLETON □ □□□□□ ) Spinoza und die Weltanschauung des Judentums Von Dr. R. Als Spinoza sich einmal die Frage stellte, wie wäre es denn eigentlich zu begreifen, daß, wenn das Wesen Gottes sich in allen Dingen offenbart, es doch auch in der Handbewegung des Mörders gegenwärtig sein müsse, der eben im Begriffe ist, seine mörderische Tat zu vollziehen, so hat er darauf die merkwürdige, den tiefsten Kern seiner Weltkonzeption enthaltende Antwort gegeben, daß, insofern wir die mörderische Tat auf ihren verbrecherischen Zweck beziehen, also vorzugsweise die praktische Folge dieser Handlung im Auge haben, sie allerdings verwerflich und verdammungswert wäre; insofern wir aber die Handlung an und für sich, als Tätigkeit, als Kraft, als spontane Kundgebung eines bejahenden Prinzips betrachten, sie gut und göttlich ist. In der menschlichen Natur entdeckt also Spinoza eine in ihr liegende verborgene Tendenz, sich von allen denjenigen physischen, psychischen und moralischen Bewertungen zu befreien, wonach das individuelle Bewußtsein die äußern Erscheinungen des Lebens als schmerzlich und lustvoll, als düster und heiter, als böse und gut zu stempeln genötigt wird, um in der Betrachtung eines überindividuellen, jenseitigen Seins eine unversiegbare Quelle von mystischer Freude zu gewinnen; denn da der Keim aller Wehmut und Trauer in dem Gedanken von Tod und Verwesung steckt, so muß die Erkenntnis eines Seins, das seiner Natur nach unzerstörbar ist, das erkennende Gemüt mit unendlicher Freude erfüllen. Weil aber das überindividuelle Sein im individuellen Bewußtsein diese physische, psychische und moralische Brechung notwendig erleiden muß, so kann dieses Bewußtsein einen schwachen Schimmer der göttlichen Freude nur in dem Falle erhaschen, daß es für einen Moment sich dazu hergibt, dem Leben bloß betrachtend und zuschauend entgegenzutreten, wobei es alsdann aufhört, die Einwirkungen des Seins mit seinen subjektiven Reaktionen zu beant- Seligmann worten. Hört aber auf diese Weise das individuelle Bewußtsein auf, die Erscheinungen des Lebens reaktiv zu färben, so müssen auch damit alle seine Bewertungen fallen, die alle nur eine gewisse Form dieser Reaktionen darstellen. Diese in sich gekehrte, zuschauende Erkenntnis wird von Spinoza als „ratio intuitiva" bezeichnet, in scharfem Gegensatz zu allen andern Erkenntnissen der menschlichen Vernunft, an denen irgendwelche reaktive Spuren immer kleben. Wenn in den Tiefen der menschlichen Seele eine derartige mystische Erkenntnis einmal aufdämmert, so fühlt sie sich ewig und unvergänglich, und darauf beziehen sich die Worte Spinozas in dem fünften Teil seiner Ethik, daß ein Teil der menschlichen Vernunft unsterblich ist. Die Erkenntnis der Unzerstörbarkeit ruft in dem erkennenden Gemüt ein Gefühl von Überlegenheit und Macht hervor, jedes Machtbewußtsein wird aber seinerseits von einem Gefühle der Gehobenhert und Freudigkeit begleitet. Wenn mich etwas freut, so beginne ich es zu lieben; wenn dieses Etwas mir eine unvergängliche Freude bereitet, so werde ich es unendlich lieben. Das ist der Sinn des „amor dei intellectualis" bei Spinoza, der den Schwerpunkt seines Systems bildet, in dem sich alle seine verschlungenen Gedankenfäden kreuzen und der auch ein helles Licht auf das dunkle Verhältnis der Substanz zu den Modi wirft. Was ein Modus ist, das wissen wir sehr gut. Das ist jeder einzelne konkrete Körper, jeder einzelne konkrete Gedanke, jedes einzelne konkrete Gefühl, — kurzum, jede einzelne konkrete Erscheinung äußerer oder innerer Natur. Das Wesen der Substanz aber muß unserem erkennenden, empirischen Bewußtsein für immer verborgen bleiben, denn die Substanz ist dieses jenseitige, supraindividuelle Sein, dessen wir nur in einem mystischen Akt unserer Seele für einen Moment habhaft werden können. Wenn wir uns aber vom Wesen irgendeines Dinges keine klare und deutliche

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