Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 35 - - ....... ■== DIE] Bevölkerung, und niemand kann sich dafür verbürgen, daß nicht auch diese Epidemie über die Grenzen Rußlands hinausgreift. Seit zwei Jahren, vielleicht noch langer, grassiert die Cholera in Rnßland. Sie wurde zuerst von den russischen Behörden totgeschwiegen, dann abgeleugnet, später zugegeben, aber in reduzierten Zahlen. Die Wahrheit ist ja heute noch nicht bekannt, sie läßt sich wohl auch nicht feststellen. Denn die russische Korruption wird niemals eine verläßliche Statistik zulassen, die ja die Gewissenlosigkeit beweisen würde, mit der Rußland regiert wird. Aber was gestern noch eine innere Angelegenheit Rußlands war, ist heute eine Gefahr für die ganze Welt. Wohl haben überall die verantwortlichen Ministerien alle nötigen Maßnahmen ergriffen, um den Gang der Infektion aufzuhalten. Es wird ihnen sicher auch diesmalgelingen, den unheimlichen Gast zu bannen. Aber für wie lange? Dieses Rußland ist durch seine Regierungsmethoden, durch die Willkürherrschaft seiner Beamten, durch das schonungslose Niederireten jeder freiheitlichen Regung, durch die Unterdrückung der Juden, Polen, Ruthenen, Finnen, Mohammedaner schon längst zu einer Gefahr für die öffentliche politische Moral geworden. Es sendet Polizisten ins Ausland, überwacht seine Bürger in fremden Gebieten, besticht die Presse und zieht wie eine saugende Spinne das Geld kleiner Sparer an sich, um die eigenen ausgestohlenen leeren Kassen zu füllen. Dieses Rußland ist überall auf der Weit dabei, wenn Völker gegeneinander verhetzt werden. Zu dieser langsamen Deponierung und Untergrabung der primitivsten Anschauungen über Menschenrecht und Freiheit gesellt sich nun das Rußland der Cholera und der Pest. Begreift man denn in Europa nicht, daß die medizinische Wissenschaft mit gutem Grund die Hygiene der Therapie vorzieht? Nun väre die Zeit da, diese Anschauung in die Wirklichkeit umzusetzen. Man mag heute die Grenzen sperren und die Seuche abwehren. ."Sie kommt immer wieder und sie muß kommen, solange nicht die •uropäische Bevölkerung laut und entschieden internationale Maßnahmen nicht gegen die Krankheit, sondern gegen ihren Herd fordert, ind die Regierungen zwingt, den Schutz der russischen Völker und damit den der eigenen Bürger herbeizuführen. Denn schließlich ist lie Volksgesundheit der größte Schatz eines Staates. Zu dieser Oberzeugung muß auch die russische Regierung gebracht werden. Die sanitären Verhältnisse in Rußland können aber nur dann mit Erfolg gebessert werden, wenn auch die Beamtenschaft, das rvegierungssystem, reformiert wird. Die feile und bestechliche Bureaukratie Rußlands, die mit zynischer Gelassenheit das Volk ruiniert und z. B. jüdische Ärzte zurückweist, obwohl notorischer Ärztemangel herrscht, kann nur durch Intervention des Auslandes m Paaren getrieben werden. Solange dies nicht der Fall ist, bleibt Rußland der Herd der politischen Unmoral und der das Wohl Europas bedrohenden Epidemien. Wenn der Zar reist. Die Familie des Zaren ist aus Rußland nach Deutschland gereist. Die Zarin will für ihr quälendes Nervenleiden in Friedberg in Hessen Heilung suchen, und zugleich mit ihr verlassen ihr Gatte und ihre Kinder das von der Cholera durchseuchte heilige Rußland. Ihre Reise bringt nun die russischen Sitten mit nach Deutschland. Die „Jüdische Presse" berichtet: Wiesbaden, 18. August. Ein Bild schrecklichsten Jammers und bitterster Not bot dieser Tage in der hiesigen Taunusstraße eine jüdische Familie. Aus Mainz wurden in den letzten Tagen, wie überhaupt aus ganz Hessen, fast sämtliche Russen ausgewiesen. Eine solche Familie kam vergangene Woche aus Mainz hier an. An den Röcken der Mutter hingen sieben kleine Kinder, ein achtes stillte sie auf offener Straße. Die Armen hatten weder Geld noch Unterkunft und lungerten nun stundenlang auf den Bänken der Taunusstraße umher. Durch Betteln bei ihren Glaubensgenossen suchten sie Geld zur Reise nach der Heimat zu erhalten, schienen indes wenig Erfolg zu haben, denn als sie im jüdischen Hotel „Zum Kronprinzen" ihr Glück versuchten, holte der Inhaber einen Schutzmann, der die Frau aufs neue auf die Straße setzte. Auch der Mann hatte ^ELT 845 in den Straßen der Stadt nicht mehr Glück. So bot die Familie mit ihren nach Brot jammernden Kindern inmitten des elegantesten Badelebens ein jammervolles Bild. So wird den Juden selbst in der Ferne in Erinnerung gebracht, daß sie das Unglück hatten, in Rußland geboren zu werden. Nebenbei: Wir wollen hoffen, daß die Mitteilung von dem Verhalten eines jüdischen Hoteliers gegen jüdische Schutzsuchende unrichtig ist. Andernfalls wird man sich wohl das Hotel merken. . . Eine Brüskierung des Botschafters Strauß durch die russische Regierung. Die russischen Amtsblätter enthalten folgende Bekanntmachung: „Dem amerikanischen Botschafter in Konstantinopel Oskar Strauß ist samt seiner Familie die Erlaubnis zum Besuche Petersburgs erteilt worden. Der Minister des Innern." Botschafter Strauß ist bekanntlich Jude und wollte, um die Frage der russischen Juden an Ort und Stelle zu studieren, den Ansiedelungsrayon besuchen. Diese Reise, die den Tschinowniks unangenehm werden konnte, will die russische Regierung vereiteln und sie erteilt dem Botschafter nur die Erlaubnis zum Besuche der Hauptstadt. Sie verbindet damit eine Beleidigung des diplomatischen Repräsentanten der Vereinigten Staaten, indem sie für die Reisebewilligung eine Form wählt, die im internationalen Verkehr zu mindest ungebräuchlich ist. Dann die Aufenthaltsbewilligungen für Ausländer werden gewöhnlich nicht veröffentlicht. Die Publizierung der Verordnung in einem amtlichen Blatt stellt sich als eine Anprangerung des jüdischen Diplomaten dar und gibt ihn zugleich peinlichen Zwischenfällen preis. Wenn z. B. Botschafter Strauß auch eine andere russische Stadt besuchen wollte, so hätte jeder-Gorodowoi das Recht, ihn nach seinem Paß zu fragen. Man kann neugierig sein, was die Washingtoner Regierung zu dieser Brüskierung eines ihrer höchsten Beamten sagen wird. Die Ausweisungslotterie. Eine größere jüdische Organisation Rußlands hat von ihrem Mitarbeiter zu Wesselye Terny, Gouvernement Jekaterinoslaw, einen Brief erhalten, in welchem über die Unmöglichkeit geklagt wird, bei den gegebenen Verhältnissen irgendwelche Arbeit im Dienste allgemein jüdischer Aufgaben zu leisten. Der Korrespondent berichtet u. a. über die Verfolgungen, die die jüdische Landbevölkerung in dem betreffenden Kreise von Seiten des Zemstwohauptmannes zu erdulden hat. Vor kurzem erschien dieser mustergültige Beamte in dem MarktfleckenPap alnusti-und erklärte unerwartet, daß die Zahl der dort ansässigen Juden allzu groß sei, daß daher eine Filtration not tue. Da die jüdische Bevölkerung mehr als dreißig Jahre — will sagen noch vor Erlaß der provisorischen Mairegeln von 1881 — am betreffenden Orte seßhaft ist, der Herr Zemstwohauptmann somit keinen rechtlichen Grund vorgeben konnte, um diesen oder jenen Juden auszuweisen, so schlug der beamtete Sachwalter der Bauernbevölkerung ein eigenartiges summarisches Verfahren ein. Er veranstaltete nämlich eine förmliche Lotterie mit der Maßgabe, daß die Hälfte der jüdischen Bevölkerung des Ortes zur Ausweisung ausgelost werden sollte. Die ausgelosten Exulanten schickten darauf eine Deputation nach Petersburg, um die Annullierung ihres verhängnisvollen „Loses" zu erwirken, die Deputation richtete aber nichts aus, und die „Opfer des Loses" erhielten eine achttägige Frist, um ihre Geschäfte zu liquidieren. Dann werden sie zum Wanderstab greifen müssen. Jüdische Sektion in der Internationale. Vor dem Stuttgarter Sozialistenkongreß meldeten drei jüdische sozialistische Parteien ihren Beitritt zu der Internationalen Arbeiterassoziation. Darauf folgte die bekannte Debatte im Internationalen Bureau, die Aufnahme der jüdischen sozialistischen Partei „Serp" durch die Delegation der Sozialrevolutionären Partei Rußlands, die Zuweisung der Zionisten-Sozialisten mit beratender Stimme an die sozialdemokratische Sektjon Rußlands. Die Poale- Zion verzichteten damals auf die Entsendung einer Delegation, solange keine jüdische Sektion in der Internationale besteht. Im