Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Vor allem besteht hier in Wien gar nicht die Absicht einen Emigrationskongreß in dem Sinne zu veranstalten, wie ihn die judischen sozialistischen Parteien wünschen. Es ist mangelnde Einsicht, völliges Verkennen der Tatsachen oder gar bewußte Unäufrichtigkeit, wenn die Zionisten-Sozialisten ('S. S.) in Rußland die Meinung verbreiten, es handle sich um einen Volkskongreß, an dem das Emigrantenmaterial, oder die an der Regelung der Emigration interessierten Volksschichten vertreten sein werden. Ali eine derartige Tagung denkt man in den maßgebenden Wiener Kreisen nicht. Was hier gewünscht und geplant wird, ist eine Konferenz der Organisationen, die sich mit der Regelung der Emigration befassen, in erster Linie der WohltätigkeitsOrganisationen, die bis nun bestrebt waren, die Not der Auswanderer zu lindern, ihre Interessen wahrzunehmen. Es ist auch irreführend, die Sache so darzustellen, als wäre der Kongreß eine beschlossene Sache, als wäre man in Wien gerüstet und aktionsbereit, man erwarte nur die tatkräftige Kundgebung der Sympathie aus Rußland. In der Wirklichkeit ist in Wien alles noch im embryonalen Anfangsstadium: man richtete erst vor mehrern Wochen Anfragen an die Emigrationsgesellschaften, ob sie eine Konferenz zu beschicken bereit wären. . . Das ist alles. Nun herrschen innerhalb des Einberufungskomitees nicht unerhebliche Meinungsverschiedenheiten über die Zusammensetzung und die Aufgaben des Kongresses. Der Vorsitzende des Komitees, der Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde Herr Dr. Gustav Kohn, interessiert sich vornehmlich für die rumänische Juden- und Emigrationsfrage. Er meint, die Emigration der Juden Rußlands sei hinreichend und gut geregelt. Dagegen kümmere man sich viel zu wehig um die nicht selbsttätigen Juden Rumäniens. Eine Vertretung Galiziens am Emigrationskongreß würde er ungern sehen, da er den Gedanken der Vertretung des „Emigrationsmaterials" überhaupt verwirft. Dagegen interessiert Herrn Dr. Samuely just ausschließlich die österreichisch-galizische Auswanderung. Nun behauptet aber der Präsident der „Allianz", Herr R. v. Guttmann daß es eine jüdische Auswanderurig aus Österreich gar nicht gebe* dann aber erscheine ihre Regelung infolge schwerwiegender staatspolitischer Bedenken inopportun. Ein Emigrationskongreß in Wien dessen Einberufer noch nichts getan hatten, um die Auswanderung in ihrem eignen Lande zu regeln, die nicht einmal Kenntnis von ihr haben, sie in Abrede stellen, ist ein Unding. Das Wiener Komitee wird höchstens eine zweite Frankfurter oder Brüsseler Konferenz zuwege bringen. Damit aber wäre der Emigrationskongreß für absehbare Zeit umgebracht. Durch die Agitation in der jüdischen Presse Rußlands, die,- wie bereits erwähnt, von den tatsächlichen Verhältnissen im Wiener Komitee völlig abzusehen scheint, werden aber in Rußland gerade diejenigen Kreise abgeschreckt, deren Teilnahme in Wien sehr gewünscht wird. Die jüngsten Erklärungen Baron Ginzburgs und die Einberufung der Libauer Emigrationskonferenz deuten darauf hin, daß man sich in den maßgebenden Kreisen Rußlands der Beteiligung an einem „internationalen" Emigrationkongreß gegenüber ablehnend verhält. Li bau wird möglicherweise keine Vorkonferenz, sondern ein Ersatz für Wien werden. Dem allgemeinen jüdischen Emigrationskongreß muß meines Erachtens die Regelung der jüdischen Auswanderung aus Galizien vorangehen. Nur wenn eine derartige Organisation ins Leben tritt, würde die Abhaltung eines Emigrationskongresses in Wien denkbar und nutzbringend sein. Jttzt gehört er eher nach Berlin. Daß es eine bedeutende jüdische Aus- und Abwanderung in Galizien gibt, damit rechnet der galizische Landesausschuß, der die Verhältnisse kennen muß, wie mit einer Tatsache. Der Fragebogen, der anläßlich der Enquete über die jüdische Verarmung in Galizien versandt wurde, enthält auch die Frage, ob es nicht ratsam wäre, die jüdische Emigration in neue Wege zu leiten, kurz, sie zu regeln. Ich verspreche mir gar nichts von der Enquete, aber in diesem Punkte wäre wesentliches zu erreichen. Die autonomen Behörden Galiziens teilen die staatspolitischen Bedenken unserer Emigrations-Staatsmänner nicht. Sie erwägen die Regelung der jüdischen Auswanderung. Da könnte man wohl die Einsetzung eines jüdischen A us wände rungsam tes erreichen, das von den jüdischen Gemeinden und vom Lande erhalten werden könnte. Ein derartiges Amt könnte jüdische Existenzen retten, Mißbräuche vereiteln und die Leiden der Auswanderer und ihrer zurückgebliebenen Familien lindern. Es ist notwendig, die Aufmerksamkeit der Teilnehmer der Enquete ganz besonders auf diesen Punkt zu lenken. Werden wir ein jüdisches Emigrationsamt in Österreich besitzen, die Aufgaben und Probleme der Regelung der Wanderung aus eigener Anschauung kennen, dann könnte ein jüdischer Emigrationkongreß auf breiter Grundlage nach Wien einberufen werden." Diese Äußerungen unseres Gewährsmannes werfen ein ganz neues Licht auf den Stand der Kongreßarbeiten, aber auch auf die Erzeugnisse mehrerer Emigrationspublizisten, die in der jüdischen Presse Rußlands die Auswanderung zu „demokratisieren" und zu „beherrschen" versprechen. Ihre schöpferische Phantasie ist fürwahr bewunderswert. Juden und Zigeuner. Der Einverleibung Finnlands an Rußland ist nunmehr die Gleichstellung der in Finnland ansässigen Russen mit den Finnen gefolgt. Die bezügliche Verordnung läßt erkennen, daß die russischen Machthaber das finnische Volksempfinden wenigstens in einem Punkte nicht antasten wollen. Der Schlußpassus lautet nämlich: „Juden und Zigeuner werden von diesen Maßnahmen nicht betroffen. Ihre Stellung bleibt bis zur allgemeinen Revision unverändert." Aus verschiedenen Regierungsäußerungen nun weiß man, daß diese Revision, wenigstens was die Juden betrifft, in der gesetzlichen Festlegung der Unterdrückungsbestimmungen bestehen soll. Nunmehr scheint die russische Regierung den Zeitpunkt angeben zu wollen, wann die Revision erfolgen wird: Nämlich bis Zigeunergesetze geschaffen werden. Das Schicksal der Juden bleibt somit an das der Zigeuner gebunden. Sie haben nur die Hoffnung, daß vielleicht einmal die Zigeuner eigene Vertreter in die Reichsduma entsenden werden, die dort auf eine Revision der Zigeunervorschriften dringen werden. Das Leben unserer russischen Brüder zeigt eben sonderbare Erscheinungen. Man weiß, daß infolge der Prozentnorm an den Mittelschulen viele christliche Schüler von Juden in die Gymnasien geschickt werden, damit die für die Aufnahme jüdischer Schüler nötige Anzahl christlicher Kinder erreicht werde. Man stelle sich nun die Eventualität vor, daß die Juden ihre Stimmen bei den Dumawahlen für Zigeuner abgeben, damit deren Vorschriften geregelt werden. Bis dahin bleibt im russischer Bureaukratenstil die Formel bestehen, die sich bisher nur in einern magyarischen Lehrbuch der Geographie fand: Juden und Zigeuner. Wird das Los der Zigeuner erleichtert, dann bleiben die Juden allein dem Wüten des wahnsinnigen Tschin preisgegeben . . . Die Cholera. Für alle aus Rußland kommenden Reisenden ist in den europäischen Staaten die strengste Überwachung angeordnet worden. Die österreichisch-russische Grenze ist durch Militärkordons abgesperrt Rumänien, Deutschland haben an ihren Grenzen gegen Rußland verschärften Patrouillendienst eingerichtet. Die Bevölkerung ist allerorten erregt und beunruhigt. In Wien sind zwei Personen, in Deutschland drei an der Cholera gestorben. In Italien sind einige Dörfer von der Seuche ergriffen worden. Und überall führt der Weg, den diese fürchterliche Krankheit eingeschlagen hat, nach Rußland. Dort sind in den letzten zwei Jahren 51 000 Menschen der Cholera erlegen. Und schon melden Telegramme das Auftreten der Bubonenpest unter der russischen