Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Amerika: Miss Henrietta Szold, die neugewählte Sekretärin der Federation of American Zionists, New-York, drückt ihre vollste Sympathie für die begonnene Arbeit aus und verspricht sich für die Vereinigten Staaten von Nord-Amerika die besten Erfolge. Sie stellt sich selbst für alle dortigen Arbeiten und Korrespondenzen zur Verfügung und sendet eine große Anzahl von Vereinsadressen (über 200)'ein, an die wir uns in dieser Sache zu wenden haben. Aus diesen wenigen Auszügen, die nur einen kleinen Teil der eingelaufenen Zuschriften darstellen, läßt sich erkennen, daß die zionistischen Frauen den Willen zur Arbeit haben und eine intensivere Ausnutzung ihrer Kräfte und einen regen Verkehr untereinander lebhaft wünschen. Wir möchten indes nicht verfehlen, auch auf die Zuschriften näher einzugehen, welche die Notwendigkeit einer energischen Heranziehung unserer Frauen anzweifeln und darauf hinweisen, daß die Frauen innerhalb der zionistischen Ortsgruppen genügend Gelegenheit zur Betätigung in zionistischen Dingen haben; einige fürchten sogar eine „Zersplitterung" der Kräfte durch die separate Arbeit der Frau. Es liegt, wie wir bereits in unserer letzten Notiz in Nr. 29 der „Welt" ausführten, durchaus nicht in unserer Absicht, die Kräfte der Frau der zionistischen Bewegung zu entziehen, sondern wir wollen sie weiterentwickeln, sie fördern und stärken, damit eben die Fähigkeiten der Frau, die bisher auf zionistischem Gebiete noch gar so wenig Nutzen brachten, endlich einmal in genügender Weise herangezogen und verwertet werden können. Nach den bisherigen Erfahrungen, die uns von den bekanntesten Zionistinnen bestätigt worden sind, ist den zionistischen Frauen innerhalb der Ortsgruppen nicht die genügende Gelegenheit geboten, ihre Kenntnisse in jüdischen Sachen und im Hebräischen zu vervollkommnen. In Diskussionen ergreift kaum jemals eine Frau das Wort, weil sie nicht an Diskutieren und öffentliches Reden gewöhnt ist, obwohl sie gewiß so viel Vernünftiges zu sagen hätte wie viele männliche Redner. Außerdem ist es kaum einer Ortsgruppe möglich, ihre Aufmerksamkeit der Erziehung der jüdischen Jugend in genügendem Maße zuzuwenden, da diese wichtigste Arbeit ungeheuer viel Zeit, Mühe und Kraft erfordert. Gerade diese drei Punkte sind es, die wir den Frauen vereinen stets besonders empfehlen, und niemand, der dieser Sache die nötige Aufmerksamkeit widmet, wird verkennen, daß die eingehende Beschäftigung hiermit allein die Schaffung von Frauenvereinen rechtfertigen würde. Wir bemühen uns indes, auch darauf hinzuwirken, daß die Frauengruppen die zionistischen Ortsgruppen in jeder Weise unterstützen, ihnen bei jeder Arbeit zur Hand gehen, sich an den Sammlungen beteiligen usw., so daß ein Frauenverein, dessen Mitglieder für eine intensive Arbeit in der allgemeinen Ortsgruppe wahrscheinlich nur zu einem geringen Teil in Betracht kämen, der letztern nur eine kräftige Stütze und eine gute Förderung sein würde. Wir hatten beabsichtigt zunächst nur einen Verkehr unter den Frauenvereinen aller Länder anzubahnen; es sind uns nun aus den interessierten Kreisen Zuschriften zugegangen, die einen Verkehr als nicht ausreichend betrachten, sondern einen ZusammenSchluß aller zionistischen Frauenvereine befürworten. Als Grund hierfür ist verschiedentlich die Notwendigkeit angeführt worden, von einer Zentrale aus die nötigen Direktiven zu erhalten, sich stets an eine oberste Leitung wenden und sich durch einen Verbandsvorstand überall vertreten lassen zu können. Wir haben diesen Plan eingehend erwogen. Wir glauben indes, daß es durchaus verfrüht und schädlich wäre, an die Schaffung einer solchen Organisation zu gehen, ehe eine wirkliche Notwendigkeit dafür vorhanden ist und sowohl in der zionistischen Öffentlichkeit als bei den obern Instanzen Anerkennung gefunden hat. §i □ □□□ REVUE DER WOCHE □ □□□□) Völkische Eigenart. In Königsberg hat der deutsche Kronprinz als Rector magnificentissimus eine Rede gehalten, die das freudigste Entzücken aller deutschen Antisemiten erregte. Er forderte die Wahrung der völkischen Eigenart. Eine Woche darauf hielt Kaiser Wilhelm II. in Manenburg eine Rede, in der sich folgende Stelle findet: „Sie sind hier versammelt in der alten Marienburg. Dieses gewaltige Bauwerk, ein äußeres Zeichen der Macht und Fülle, die in dem deutschen Orden sich ausdrückte, die große Quelle, von der aus die deutsche Kultur über die Ostlande sich ergoß, fürwahr, eine staunenswerte Arbeit unter unendlichen Schwierigkeiten. Was lehrt uns die Marienburg und der deutsche Orden, der unserm Königreich das ragende Panier mit dem Schwarzen Adler auf silbernem Felde gab? Durch feierliches Gelöbnis waren sich die Ordensbrüder zugetan und stellten ihr Werk unter die Obmacht eines Hohem. Durch diese einheitliche Geschlossenheit hat der Orden diese unerhörte Leistung zu Wege gebracht. Das soll für uns ein Vorbild sein. Das Kreuz auf seinem Gewände bedeutet die Unterordnung unter des Himmels Willen. Es bedeutet, daß Deutschtum und Christentum untrennbar von einander sind. Was sollen wir daraus lernen? Daß dies eine Illustration für das Wort ist, was ich neulich in Königsberg gesprochen habe: So wie mein seliger Großvater und wie ich uns unter der höchsten Obhut und dem höchsten Auftrage unsers Herrn und Gottes arbeitend dargestellt haben, so nehme ich das von einem jeden ehrlichen Christen an, wer er auch sei. Wer in dieser Gesinnung arbeitet, dem wird es aber klar, daß das Kreuz auch verpflichtet! Wir sollen in brüderlicher Liebe zusammenhalten, die Konfessionen und die Stämme." Das ist klar und offen gesprochen und bedeutet eine gute Lehre für die Verfechter der jüdischen Assimilation, die nun, ob sie es wollen oder nicht, zu diesem Kaiserwort, an dem es nichts zu drehen oder zu deuteln gibt, werden Stellung nehmen müssen. Der Emigrationskongreß. Vor einigen Wochen brachten wir die Mitteilung, daß der in Wien geplante allgemeine jüdische Emigrationskongreß im September nicht abgehalten und erst im Dezember d. J. oder gar im nächsten Frühjahr zusammentreten wird. Nun weiß der „Südd. Arb." zu berichten, daß der geplante Kongreß für unbestimmte Zeit vertagt und somit vorläufig aufgegeben sei. Unser Wiener Berichterstatter hat sich daher an eine dem Wiener Komitee zur Einberufung eines jüdischen Emigrationskongresses nahestehende Persönlichkeit mit der Bitte um Aufklärungen über den Stand der Arbeiten des sogenannten „Initiativkomitees" gewendet. Unser ausgezeichnet informierter Gewährsmann machte nachstehende Mitteilungen: Von einer Vertagung des Emigrantenkongresses für unbestimmte Zeit ist mir nichts bekannt. Die Situation im Einberufungskomitee vor Eintritt der üblichen Sommerpause war derart, wie in der „Weit" berichtet wurde. Man verhandelte mit den beteiligten Körperschaften über Zeitpunkt und Tagesordnung des Kongresses. Doch — es ist dies meine persönliche Überzeugung — ich glaube nicht an das Zustandekommen der Tagung. Im besten Falle wird etwas herauskommen, was mit einem großzügigen Volkskongreß zur Regelung der jüdischen Wanderung kaum den Namen gemein haben wird. Der Kongreß scheitert an der Mannigfaltigkeit und Vielheit der Absichten und oft gegensätzlichen Ansichten seiner Organisatoren. 2*