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Die Welt · 1910-09-02 · 35 (2.9.1910) · page 5

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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No. 35 — P1E1 Kongreß für die »Kolonialbaiik eine gewisse Liquidation forderte, sondern ein Bankfachmann, ein Kaufmann, — kein Studierter, kein Theoretiker.) Th. will nur,, daß Zionisten das Versicherungsunternehmen gründen, damit es im Sinne des Zionismus auch einmal arbeite. Es soll ein Werk sein, geboren aus der Idee des Zionismus und des jüdischen Nationalismus, aber keine Sache der Partei. Noch weniger als etwa die P. L. D. C. oder das Industriesyndikat. Der Kongreß hat jedenfalls damit nichts zu tun. Im übrigen aber, das sei wiederholt, Hoofien hat gegen die Idee an sich gar nichts einzuwenden. Es whd auch von keiner Seite (außer Leszynski) bestritten, daß ein jüdisches Versicherungsunternehmen von Vorteil für die Versicherten sein müßte und für das jüdische Volk. Was also hat zu geschehen? Ehe ich darauf antworte, erst noch eine Feststellung: Goldberg hatte eine „Allgemeine jüdische Assekuranzgesellschaft" angeregt, war aber in seinen Ausführungen dann speziell nur auf ein Lebensversicherungsunternehmen eingegangen. Die Berliner Kommission von 1908 hat sich auch nur damit befaßt. Sie wurde aber schon von Konstantionpel aus darauf hingewiesen, daß ein zu gründendes Unternehmen sich nicht bloß mit der Lebensversicherung, sondern auch mit der Feuerversicherung befassen sollte, da dies in der Türkei ebenso aussichtsvoll sei, wie jenes. Daß auch speziell in Palästina eine Feuerversicherung einem Bedürfnis entsprechen würde, versichern alle Kenner des Landes und ging auch aus Zeitungsnotizen gelegentlich des jüngsten Brandes des deutsch-syrischen Waisenhauses in Jerusalem hervor. Indes, welche Branchen das zu gründende Unternehmen von vornherein aufnehmen wird, wird letzten Endes von dem Interesse abhängen, das der Gründung selbst jetzt entgegengebracht werden wird. Davon wird auch abhängen, welche Form Jas Unternehmen erhalten wird. Es gibt drei Möglichkeiten, auf die ich in Kürze eingehen will:!) als rein kapitalistische Aktiengesellschaft, 2) als Gegenseitig-;;eitsgesellschaft, 3) als gemeinnütziges Unternehmen in Form einer Aktien-Gesellschaft Gegen die erste Form scheinen mir zionistische nteressen zu sprechen. Für die letztangeführte Art gibt es ein Vorbild in Deutschland: Vereins-Versicherungsbank, Aktiengesellschaft zu Düsseldorf, das nach dem Prospekt derselben hier kurz skizziert sei: „Die V.-V.-B. hat nur die Form der Aktien-Gesellschaft, ie ist in Wahrheit keine Erwerbsgesellschaft, sondern, wie vom Bundesrat anerkannt, ein gemeinnütziges Unternehmen. Die den Aktionären zukommende Dividende ist auf 4°/o beschränkt, derAufichtsrat bezieht keine Tantieme, von dem gesamten Gewinn werden on vornherein 25°/c den mit Gewinnbeteiligung Versicherten überlesen." Noch geeigneter für unsere Zwecke scheint mir aber zu ein die Gegenseitigkeitsgesellschaft. Ich denke da ,als Vorbilder unächst an" die Versicherungskasse der deutschen Ärzte und an en „Preußischen Beamtenverein in Hannover". Wie groß eine olche „Kasse" sein kann, dafür ein Beispiel an dem letztgenannten erein. Begründet wurde dieser Lebensversicherungsverein auf iegenseitigkeit am 1. Juli i876. Am Ende des Jahres 1908 betrug er Gesarntbestand an Versicherungen 84 088, über 332 463 960 -M Kapital und 1 176 397 JC jährliche Rente. Das Gesamtvermögen etrug 118 600000 JL Prämien- und Zinseneinnahmen in 1908: 7 800000 Ji, Prämienreserve 101970000.//, Extrafonds 12940000^ 'berschuß in 1908: 3 670 000«^. Dabei sind die Prämiensätze rheblich geringer, als bei den kapitalistischen Gesellschaften, bei enen ja ein Verdienst für die Aktionäre herausgewirtschaftet erden muß. Und was preußische Beamte können, sollten wir, ngeblich das Volk des Handels, nicht fertig bringen? Ich wäre nun dafür, daß genau nach deutschem Muster eine olche Kasse von Zionisten in der Türkei, Sitz in Palästina, ins eben gerufen würde. Wenn es zulässig ist, sollte sie sich einem er modernen europäischen Versicherungs-Aufsichtsämter unterteilen, oder abersie schaffe sich selbst ein solches, das den Ver- 'cherungsnehmern genügende Gewähr gibt. Die nächste Aufgabe "äre, daß die Bedingungen, Tarife usw., von einer fachmännischen Kommission ausgearbeitet würden und auf Grund dieser zum Bei- -ntt aufgefordert würde. Die dazu bereit sind, hätten einen Ausschuß zu wählen, der die weitere Leitung in die Hand nähme. * * * Sehr viele schrecken die Gefahren, die einer solchen Kasse in 'en ersten Jahren drohen. Diese Gefahren wissen aber alle Kassen jurch gewisse Bestimmungen in den Statuten wohl zu umgehen, •ie wir nur zu übernehmen brauchen. Ein Einwand, der vielleicht noch gerade aus Deutschland kommen ^nnte, sei noch vorweg erledigt. Eine große deutsch-jüdische Organisation versuchte schon einmal, für ihre Mitglieder eine solche -isse zu begründen, darüber wäre aber beinahe (so bekommt man;ä| hören) diese Organisation selbst in die Brüche gegangen. Ich tbe Gelegenheit genommen, mich auch darüber zu orientieren. KELT 841 Die Tatsache stimmt, aber die Ursache der damals dort im eigenen Lager ausgebrochenen Revolte hatte mit dem Wesen der Kasse nichts zu tun. Man revolutionierte nur, weil keine reine Gegenseitigkeitsgründung in Aussicht genommen war, sondern eine Gründung in Zusammenhang oder Abhängigkeit von einer kapitalistischen Versicherungs-Aktien-Gesellschaft. Der Zionismus will sozial reformerisch wirken. Das künftige jüdische Gemeinwesen soll nicht bloß eine neue, es soll auch eine bessere Heimat dem jüdischen Volke geben. So soll auch der Grund und Boden Eigentum des ganzen Volkes sein. Der natürliche Wertzuwachs des Bodens soll nicht einem einzelnen zugute kommen, sondern dem ganzen Volke. Dazu soll der Nationalfonds helfen. Schaffen wir eine allgemein-jüdische Versicherung, die es möglich macht, daß die großen Gewinne, die in den Ländern des Golus in die Taschen privat-kapitalistischer Unternehmer fließen, einst im Lande unserer Freiheit der Gesamtheit unseres Volkes zukommen. Noch haben wir die Möglichkeit, ein solches nationales Institut zu schaffen. Lassen wir uns doch nicht auch dabei den Kapitalismus zuvorkommen. Wir dürfen nicht warten, bis er diese Gelegenheit erspäht oder sie sich ihm günstiger gestaltet. Aber nicht soll unsere zionistische Organisation mit dieser neuen Aufgabe belastet werden. Die einzelnen Zionisten sollen das Werk schaffen. Ein jeder kann dabei helfen, ohne ein Opfer zu bringen. Denn um eine neue Spende handelt es sich hier nicht. Nur darum, daß man ein nationales Institut einem fremden vorziehe, — bei gleichen, wenn nicht bessern Bedingungen auf Seiten des nationalen, und dadurch — es schaffe. Wer hilft mit? Breslau, am 5. August 1910. S. Hoofien, Köln: Die Redaktion fordert mich auf, zu den Ausführungen des Herrn Schachtel Stellung zu nehmen. Ich tue dies nur ungern, da ich eine Polemik durch Nackschriften und Randbemerkungen bei einem derartigen Thema für unangebracht halte. Hoffentlich werde ich im weitern Verlaufe der Diskussion die Gelegenheit finden, mich ausführlicher zu äußern. Darum möchte ich mich für heute auf einen Punkt, der viel eher eine persönliche Angelegenheit als einen Faktor in der Versichert!ngsdebatte darstellt, beschränken. Herr Schachtel wirft nämlich die Frage auf, ob mir jedes wirtschaftliche Unternehmen in Palästina als unsicher gilt, und meint, daß dies .(allerdings wohl, falls seine Frage bejahend zu beantworten wäre) ein recht bedeutsames Streiflicht auf vieles werfen würde. Ich antworte darauf, daß es allerdings nach meiner Ansicht (die ich sowohl auf eigne Beobachtungen, als auch auf die Meinung vieler hervorragender Kenner der Verhältnisse stütze) in den ersten Jahren noch recht wenig jüdische Kolonisationsunternehmungen in Palästina geben wird, die sicher genug sein werden, um das hauptsächliche Material für die Geldanlagen des Reservefonds einer Lebensversicherungsgesellschaft abzugeben. Ich folgere daraus aber nur, daß man deshalb die Gelder für solche Unternehmungen nicht durch eine Lebensversicherungsgeselhchaft aufbringen soll, sondern eben auf eine andere Weise. Das Streiflicht, welches Herr Schachtel zu sehen meint, dürfte deshalb doch wohl weniger bedeutsam sein, als er sich denkt. In diesem Zusammenhang sei es mir gestattet, da Herr Schachtel (und nicht ich) meine Stellungnahme zur Frage der praktischen Palästinaarbeit in die Debatte hineinzieht, hervorzuheben, daß ich im engern Kreise meiner Landsleute der erste war, der die Notwendigkeit der weitestgehenden Palästinaarbeit theoretisch begründete,und dieselbe praktisch propagierte undförderte. In den Meinungskämpfen vor dem Haager Kongreß war ich es, der, zusammen mit Gg. Eduard Pool, der Idee der Palästinaarbeit in den Niederlanden zum Sieg verhalf. Ich habe meine Ansichten bis heute noch nicht geändert. Dies zur Beruhigung. Dr. Eduard Leszynski, Berlin: Wie füllt man die Kassen der Parteileitung? Diese Frage veranlaßte vor Jahren führende Männer unserer Bewegung darauf hinzuweisen, daß die großen Versicherungsunternehmungen ungeheure Summen an Tantiemen jährlich verteilen und daß möglicherweise ein jüdisches Versicherungsunternehmen einen Teil seiner Überschüsse zionistischen Parteizwecken dienstbar machen könnte. Dies und nichts anderes war der ursprüngliche Zweck der Anregung. Das E. A. C. beauftragte daher die Finanzkommission, — also die Kommission, welche die Frage der Parteifinanzen erledigen sollte, — das Projekt der jüdischen Versicherungsgesellschaften zu studieren. Es ergaben sich aber bald soviel Spezialf ragen, daß die Angelegenheit des Versicherungsunternehmens abgesondert werden

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