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Die Welt · 1910-09-02 · 35 (2.9.1910) · page 4

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
35 (2.9.1910)
Date
1910-09-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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840 DIE 3^ Gesetzgebung mit Bezug auf diese Frage zu der Überzeugung, daß es am ehesten und besten in der Türkei möglich sein würde. (Nach Auskunft des Herrn Jean Fisch er-Antwerpen kommt aber auch Belgien in Frage.) Die Kommission machte schließlich, nachdem sie auch von den Herren Dr. Ruppin und Dr. Jakobsohn Gutachten eingeholt hatte, ihre Weiterarbeit davon abhängig, daß ein offizielles Gutachten eines türkischen Rechtsgelehrten und Sachverständigen eingeholt würde, wie es auch Goldberg und Jakobsohn für erforderlich gehalten hatten. Dieses Gutachten war natürlich nicht umsonst zu haben. Zionistische Kommissionen haben aber bekanntlich nie einen Fonds, oder wenigstens nur in Ausnahmefällen. Man wandte sich an höhere Instanzen, von denen man nur dne ganz minimale Summe forderte, die man aber nicht erhielt. Ober das „Warum" will ich hier nicht reden. Es genüge zu erfahren, daß die Kommission nach dieser Weigerung ihre Arbeiten einstellte. Bei der im März 1909 dann stattgehabten A. K.-Sitzung wurde verkündet: „Der Vorschlag, der auf die Schaffung einer Lebensversicherungsgesellschaft hinzielte, befindet sich noch in Bearbeitung, hat aber kaum Aussicht auf Verwirklichung." Er befand sich zwar nicht mehr in Bearbeitung, . . . und die Herren der Kommission waren bedauerlicherweise zu dieser diplomatischen Erklärung ruhig. . . . Dies ist der Sachverhalt, den die Akten ergeben. Nun kommt aber Herr Dr. Leszynski, ein Mitglied der Kommission, und schreibt in der „Welt", die Kommission hätte ihr Gutachten abgegeben mit dem Worte „unmöglich". Ich kann demgegenüber erklären, daß bei den sehr sorgfältig geführten Akten sich ein solches Gutachten nicht befindet, aus ihnen vielmehr das Gegenteil hervorgeht (siehe oben). Dagegen ist bei den Akten ein Brief an Dr. Leszynski, in dem ein von diesem persönlich erstattetes Gutachten erwähnt wird, dessen Ausführungen die übrigen Kommissionsmitglieder sich nicht zu eigen machten, sondern in diesem Brief widerlegen. Nach den Akten gibt es auch nur eine türkische Versicherungsgesellschaft, nicht deren zwei, wie L. schreibt. Doch selbst zwei sind für ein Land, wie die Türkei, wohl nicht zu viel. Es dürfte sogar in den nächsten Jahren noch eine ganze Anzahl gegründet werden. Es wird nur, so scheint es mir, für uns nicht ohne Bedeutung sein, ob wir die zweite oder dritte oder die dreizehnte gründen. Nun schreibt L. weiter, es gäbe auch kleine Versicherungsgesellschaften, die sich nur mit Mühe über Wasser halten oder gar ihre Zahlungen einstellen. Mag sein. Was beweist das gegen ein zu gründendes jüdisches Versicherungsunternehmen? Es gibt auch Banken, die sich nur mit Mühe halten oder sogar die Zahlungen einstellen: haben wir nicht trotzdem eine jüdische Bank gegründet? Ja, es gibt sogar nationalpolitische Bewegungen, die sich nur mit Mühe fortbewegen. Es hat das aber nie jemand gegen den Zionismus angeführt. . . . Man wolle doch nicht immer bloß in zionistischen Kreisen bei allem die Schwierigkeiten sehen und unterstreichen, sondern man suche nach den Möglichkeiten. Daß manches Versicherungsunternehmen nicht reüssiert, haben übrigens sicher auch die Gründer der „Viktoria", der großen deutschen Versicherungsgesellschaft, gewußt, — und manche Konkurrenz dieser Gesellschaft hat noch vor wenig langer Zeit behauptet: Bei der „Viktoria" gibts noch einmal einen großen Krach! Hat das die Männer der „Viktoria" an der Arbeit gehindert? L. sollte es besser als ich wissen, daß es nicht der Fall war, durchaus nicht. Und soll man denn nicht hoffen, daß jüdische Köpfe, wie sie an dem glänzenden Aufbau dieses deutschen Unternehmens mitgewirkt haben, nicht auch einem jüdischen Versicherungsunternehmen zur Verfügung stehen sollten? L. ist weiter im Irrtum, wenn er ausführt, die Gesellschaft müßte, will sie in Palästina ihre Reserven anlegen, dort begründet werden. Zunächst könnte sie ohne weiteres in der Türkei begründet werden und doch ihr Kapital allein in Palästina arbeiten lassen. Wie oben schon bemerkt, würde auch eine Gründung in Belgien das gestatten. Doch das nur nebenbei. Jedenfalls wäre also das Wirkungsfeld nicht bloß Palästina, sondern zunächst die ganze Türkei. Und allein dies genügt zur Widerlegung des Gipfelpunktes der L.'sehen Kritik, daß die Gesellschaft vorläufig sehr unbedeutend sein würde, „denn ihr Material und ihr Wirkungsfeld bieten keine glänzenden Aussichten". Das Gegenteil ist der Fall, und es kommt hinzu, daß auch, ohne daß ein Versicherungsunlernehmen eine Konzession für andere Länder erstrebt und erlangt es dem einzelnen Juden eines jeden Landes doch freisteht, bei dieser Versicherung eine Polize zu nehmen. Diese Möglichkeit für den einzelnen Linterbin Jet kein Gesetz. Und wir wollen nicht erst die Möglichkeiten erörtern, die sich gerade uns durch unsere Organisation ergeben, die Versicherung auf legalem Wege genügend bekannt zu machen und zu fördern. [ELT ...... No. 35 Der zweite Kritiker der Theilhaber'schen Ausführungen, Herr Hoofien, wendet sich auch gegen Goldberg. Er ist entrüstet über die Motive, die die beiden Proponeriten zu ihren Vorschlägen geführt haben, daß sie nämlich glauben, daß ein jüdisches Versicherungsunternehmen neben dem indirekten unmittelbaren Nutzen für das jüdische Volk, noch indirekt zu einem Teil der Finanznot im Zionismus abhelfen könne. Die Jahreskonferenz 1908 fand darin nichts Verurteilenswertes, übergab sie doch diese Frage ihrer Finanzkommission zum Studium. Herr Hoofien kann es nicht unterdrücken, von einem „Zynismus" zu sprechen, mit dem Goldberg seine Pläne darlege uni seine Absichten als ein „Verbrechen" ohne „Milderungsgrund" zu bezeichnen. . . . Worin besteht aber dieses „Verbrechen"? H. sagt, in der Absicht, „die Einlagen der Versicherten, das Reservekapital der Gesellschaft für die Finanzierung unserer wirtschaftlichen Unternehmungen in Palästina zu verwenden". „Die Mortalitätsberechnungen, die niedrigen Tarife und dergleichen schöne Dinge sind (nach H. für Goldberg und Theilhaber) schließlich nur Nebensache, sie sollen nur dazu dienen, das Unternehmen zu empfehlen." Also Vorspiegelung falscher Tatsachen bei beiden. Wenn ich mir aber den Artikel von Th. daraufhin ansehe, kann ich von solchen Absichten nichts herausmerken. Th. spricht im Gegenteil ausdrücklich davon, daß nur der Reservefonds in Palästina arbeiten soll, die Hauptsummen sollen „in der solidesten Weise" verwaltet werden. Er könnte sich nach ihm nur „in bescheidenerer Weise an dem palästinensischen Geschäft beteiligen." Was Th. als sicher hä't, darüber noch weiter unten. Im Prinzip ist ihm die „verbrecherische" Absicht weder aus den Worten, noch aus dem Sinn seines Artikels nachzuweisen. Und Goldberg? Bei ihm heißt es an einer Stelle: Es könnte ein großes Millionenkapital in den Händen eines jüdischen Volksinstituts aufgehäuft werden, und von diesem aufgesparten Kapital könnte ein Teil für gesicherte garantierte Unternehmungen allgemeinjüdischen Charakters dienstbar gemacht werden." Weiter, — und an dieser Stelle sagt G. deutlich, was er überhaupt anstrebt: „Man kann mit großer Wahrscheinlichkeit die gesicherte Behauptung aufstellen, daß die Bildung eines großen kapitalistischen Instituts in Form einer allgemein-jüdischen Assekuranzgesellschaft unter vollkommener Bewahrung und^ Sicherstellung der Privatinteressen der Versicherten eine neue, epochemachende Erscheinung in der zionistischen Bewegung sowie in den allgemein-jüdischen Vereinheitlichungsbestrebungen bilden würde. -Für jedes groß angelegte rationelle, lebensfähige, kommerziell gesicherte Unternehmen allgemein-jüdischen Charakters würden sich dazu die nötigen Millionen bereit finden. . . . Wenn ein jüdisches Kapital in einer jüdischen Assekuranzgesellschaft angehäuft würde, würde dasselbe zweifelsohne bei Veranlagung seiner Reserven Unternehmungen allgemein-jüdischen Charakters, gleiche Sicherheit und Garantien vorausgesetzt, den Vorzug geben." Wo ist da das Zynische? Wo das Verbrechen? Oder gilt H. jedes wirtschaf(liehe Unternehmen in Palästina als unsicher? Das würde allerdings ein Streiflicht auf andere Dinge werfen, das röcht bedeutsam wäre! Aber der N. F. und die A. P. C. arbeiten ja auch in Palästina, und zwar zum Teil gerade so, wie man sich die Arbeit eines eventuellen Versicherungsunternehmens vorstellt! Die Beleihung eines landwirtschaftlichen Grundstücks oder eines Häuserviertels gehören doch zu Geschäften solcher. Oder sind die „spekulativ" zu nennen, wenn sie nicht der N. F., sondern ein Versicherungsunternehmen vornimmt? Allerdings rechnet man Bankaktien nicht, wie Th. anzunehmen scheint, zu den „mündelsichern" Papieren, in denen man eventuell einen Reservefonds anlegen könnte. Aber seine Annahme, daß die Aktien der A. P. C, da sie doch schon über4°/o Dividende geben, ein „sicheres" Papier seien, ist noch kein so schlimmes Vergehen, daß es gerade von dieser Seite so in der Erwiderung behandelt zu werden verdiente, wie geschehen. Schließlich aber wird es tatsächlich Sache der Beteiligten des zukünftigen jüdischen Versicherungsunternehmens sein bzw. der Versicherungsnehmer, zu entscheiden, welche Anlage der Gelder ihnen sicher dünkt. Oder aber der türkische Gesetzgeber wird es entscheiden, nicht aber der Proponent. Im allgemeinen legen aber in der Tat die Versicherungsunternehmen ihre Gelder zumeist in ländlichen und städtischen Hypotheken an. Selbstverständlich ist, daß eine solche Arbeit in der Türkei und speziell die dadurch zu erwirkende Unterstützung der jüdischen Kolonisation in Palästina erst möglich ist, wenn die türkischen Gesetze das Hypothekenwesen geregelt haben werden. Th. scheint mir auch durchaus nicht die Gründung des jüdischen Versicherungsunternehmens „zu einer, zionistischen Parteisache machen" zu wollen, wie H. sich vorstellt und was ihm schreckliche Zukunftsbilder erscheinen läßt. (NB. es war kein Dilettant, der am

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