Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 35 —........... - ------......-................— p | E palästinensisches Schulwerk rühmend genannt wird und den Dank der Judenheit verdient, verschließt sich bis jetzt noch erbittert dieser Erkenntnis. Zur Zeit der Ohnmacht des alten türkischen Regimes suchte sie dem dortigen Judentum französische Kultur aufzupfropfen. Jetzt, nachdem verfassungsmäßige Zustände eine Erstarkung der Türkei herbeigeführt haben, sucht sie durch absichtliche Betonung des Ottomanentums der jüdischen Nation, insbesondere in Palästina, den Boden zu entziehen. Vergebliche Mühe. Die Alliance wird einsehen lernen, daß in einem aus vielen und verschiedengearteten Völkerschaften zusammengesetzten Reiche das die Gesamtheit umfassende Reichsbürgertum die nationalen Gegensätze nicht aus der Welt schafft, daß vielmehr trotz des wertvollen Reichsbürgertums das einzelne Volkstum seine Rechte fordern darf und fordern muß. Wenn die Alliance auch bis heute sich nicht bemüßigt gefühlt hat, die sichtbaren Zeichen des auf jüdischem Boden natürlich wachsenden jüdischen Volkstums ~zu beachten, auf die Dauer wird sie, z. B. in den palästinensischen Schulen der hebräischen Sprache, der aufblühenden Umgangssprache als der Unterrichtssprache nicht entraten können. Im Gegensatz zur Alliance hat die zweite große Hilfsorganisation, der Hilfsverein der deutschen Juden, der ebenfalls ohne nationale Aspirationen arbeitet, ein freies Auge für die gegenwärtigen jüdischen Bedürfnisse. Auch seine Arbeitsmotive sind philanthropischer Art, jener dem Judentum zur Ehre gereichenden Art, die jedoch zur Lösung der Judenfrage nicht ausreicht. Diese Motive hindern ihn nicht, zufti Nutzen des palästinensischen Judentums im einzelnen Falle Hand in Hand mit den Organen der zionistischen Bewegung zu wirken. Die Summe der Arbeit jüdischer Philanthropie, die sich nicht auf die eben bezeichneten Verbände beschränkt, ist ungemein wertvoll. Sie schafft unentbehrliche Bausteine zur Aufrichtung jüdischen Volkslebens in Palästina. Wenn die in Erez Israel geschaffenen jüdischen Werte auf das Judentum inr der Diaspora befruchtend wirken und dem Zionismus neue Kräfte zuführen, so hat die Arbeit der nichtzionistischen Judenheit dazu beigetragen. Sie muß hoch in Ehren gehalten werden. Es ist die Arbeit der Vätergeneration, die die Gegenwart beherrscht. Die Zukunft gehört den Söhnen. Zur Frage eines jüdischpalästinensischen Versicherungs- Unternehmens. Hugo Schachtel, Breslau: In einem in der „Welt" veröffentlichten Artikel (1908, Nr. 49) habe ich einmal zusammenzustellen versucht, wie weit wir uns bereits in unserer Organisation und durch unsere Institutionen auf dem Wege der Volksorganisation befinden. Ich wollte damals beweisen, daß man uns die Fähigkeiten, ein Gemeinwesen zu bilden und zu erhalten, nicht mehr absprechen kann, nachdem wir schon so viel in der jetzigen Periode der Vorbereitung mit all ihrem Anormalen, Erschwerten, geleistet haben. Inzwischen hat sich unsere Tätigkeit erweitert, andere Organisationen sind uns nolens volens dabei zu Hilfe gekommen und haben Arbeiten für uns übernommen. Eine neuere, möglichst ausführliche Zusammenstellung der jüdischen Errungenschaften in Palästina hoffe ich im übrigen in dem in Kürze erscheinenden Merkblatt der Zionist. Verein, f. Deutschi, gegeben zu haben. KELT — 839 Kurz nach meinem damaligen Artikel erschien gleichfalls in der „Welt" eine Artikelserie von Boris Goldberg, die mir damals als eine notwendige Ergänzung meiner Zusammenstellung erschien. Oberschrieben „Gedanken über Finanzierung von palästinensischen Unternehmungen" enthielten sie Hinweise, was weiterhin zu geschehen habe „für unsern speziellen Zweck, Landorganisation in spe." „Die der zionistischen Bewegung zugrunde liegende Idee verpflichtet die Organe unserer Bewegung zur Erfüllung einer ganzen Reihe von Funktionen, die in allen Kulturländern Verwaltungsfunktionen sind, und in je weitere Stadien der Entwicklung unsere Bewegung eintritt, je weitere Gebiete der realen Arbeit tatsächlich in Angriff genommen werden, desto wichtiger, komplizierter und grandioser werden die uns bevorstehenden Aufgaben. Wir können und dürfen uns nicht mit der wissenschaftlichen Erforschung Palästinas oder sogar mit der Erteilung von nötigen zuverlässigen Informationen allein begnügen, nein und vielmal nein, unsere Aufgaben dehnen sich viel weiter aus." Diese Worte der Einleitung, die Boris Goldberg damals schrieb, sind seitde?n in zionistischen Kreisen zu allgemeiner Anerkennung gelangt. Ihre Umsetzung in die Wirklichkeit ist nur eine Frage der Zeit. Von dem, was Goldberg da im einzelnen anregte, ist eins ja bereits auf dem Wege der Realisierung: das Hypothekeninstitut. Andere Unternehmungen allerdings, die er von uns Zionisten ausgeführt wissen wollte, hat inzwischen das Großkapital anderer Nationen uns vorweggenommen, und es ist eine eigenartige Tröstung, wenn man uns sagt: „Unsere Mittel hätten doch dazu nicht ausgereicht." Zu andern würden unsere Mittel aber wohl hinreichen, oder wir könnten sie, — Wenigstens jetzt noch, beschaffen, wir sehen aber keine ernstlichen Schritte, zur Verwirklichung. Von diesen ist eines: die jüdische Assekuranzgesellschaft. Die Anregung Goldbergs veranlaßte mich, mich mit dieser Frage vertraut zu machen, mir Material zu beschaffen und dieses durchzuarbeiten. Auf Grund der so gewonnenen Kenntnisse möchte ich mir nun erlauben, einiges zur ^Klärung dieser Frage beizutragen, obwohl ich eigentlich nicht Fachmann bin. Was mich noch besonders dazu veranlaßt, ist, daß in der „Welt" vor einigen Wochen ein Artikel erschien, der sich auch mit dieser Frage befaßte, und der sicher sehr gut gerneint war, der aber wegen seiner unleugbaren Mängel dem Projekt gefährlich wurde. Ich nieine die Ausführungen Theilhabers, die die Redaktion der „Welt" in einer etwas auffälligem Druckart brachte als ihre übrigen Artikel, was den Glauben erwecken konnte, es solle besonders darauf hingewiesen werden. Der Artikel hatte etwas Auf ruf artiges an sich. Ich faßte es so auf, daß es dem Autor in der Hauptsache darum zu tun war, das allgemeine zionistische Interesse für diese Frage mit etwas aneifernden Worten zu erwecken, --- daß es ihm aber nicht darum zu tun war, daß ein Unternehmen genau so, wie er es sich ausmalte, ins Leben träte. Es ist ihm in der Tat auch gelungen, wie ich weiß, eine ganze Anzahl von Leuten in und außerhalb des Zionismus für die Frage zu interessieren, die sicher auch sofort erkannt haben, daß dem Aufsatz die nötigsten Vorstudien fehlen, die aber den guten Kern erkannten. Nur in der „Welt" erfuhr er eine Art der Kritik, die zumindest nicht liebevoll zu nennen ist und die meines Erachtens besser so nicht hätte geschrieben werden sollen. Ich will hier nicht mehr auseinandersetzen, welche allgemeinen Momente für die Schaffung spezieller jüdischer Versicherungen, insbesondere einer Lebensversicherung sprechen. Ich verweise da auf die Ausführungen Goldbergs, Theilhabers und auch des einen seiner Kritiker, Hoofien, der ja die prinzipiell günstigen Voraussetzungen für eine jüdische Lebensversicherungs-Unternehmung nicht abstreitet. Die Frage ist auch übrigens vor Goldberg schon in zionistischen Kreisen erörtert worden, es blieb nur immer bei den Hinweisen, Anregungen, kam aber niemals zur Ausführung, woran aber nie etwa die Meinung schuld war, es wäre aussichtlos. Goldberg hatte die Frage, bevor er seine Artikel schrieb, auch bei der Jahreskonferenz im Jahre 1908 angeregt und erreicht, daß die damals eingesetzte Kommission, die die Aufgabe hatte, über die Lösung der Geldfrage im Zionismus nachzudenken, auch damit betraut wurde, die Frage eines jüdischen Versicherungsunternehmens zu studieren. Die Finanzkommission schied aber die Frage der Versicherung aus ihrem Tätigkeitsbereich aus und bildete dafür eine Subkommiss:on, die aus den Herren Dr. Leszynski, Dr. Blau, Dr. Jul. Becker und Bertrand Hamburg bestand. Diese Kommission hat tatsächlich eifrig gearbeitet, was aus ihren Akten hervorgeht, die mir zur Einsichtnahme freundlichst überlassen wurden. Nach diesen ihren Akten nahm die Kommission den Standpunkt ein, daß eine „Allgemeine jüdische Lebensversicherungsgesellschaft" etwas Rentables, Ausführbares und dem Zionismus Dienliches sei. Ferner kam sie nach Rückfragen in allen möglichen Ländern über den Stand der dortigen