Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 35 (2.9.1910)
- Date
- 1910-09-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gewitter. Sie beseitigten die eingetretenen Spannungen, reinigten die schwüle Atmosphäre und bereiteten den Boden zu gedeihlicher Zukunftsarbeit. Bei weitem größere Bedeutung hat der Kampf, den der Zionismus mit seinen Widersachern im jüdischen Lager geführt hat und noch weiter zu führen genötigt ist. Mit dem offenen und versteckten Abfall vom Judentum ist er verhältnismäßig leicht fertig geworden; denn die Überläufer schändete das Mal der Untreue gegen ihren Stamm. War die feige Massenflucht aus dem Judentum auch ein bedenkliches Zeichen für den Niedergang des Volkstums, so war anderseits doch die im Zionismus wirkende Volksidee ein lebendiger Gradmesser für das Vorhandensein von Kräften zu seiner Verjüngung und Erneuerung. Der eigentliche Gegner des Zionismus ist die jüdische Gesellschaft um die Wende des 19. Jahrhunderts, jene noch heute lebende Generation, der die Vertretung der Interessen des Judentums* oblag, die die Erbschaft des vergangenen Jahrhunderts sorgsam hütete und dieses Erbe pflichtgemäß zu vermehren trachtete. Diese Vätergeneration träumte den schönen Menschheitstraum der Emanzipation. Für sie war die große Flutwelle des in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts einsetzenden Antisemitismus kein hinreichendes Symptom für die Brüchigkeit der bisherigen Lösungsversuche der Judenfrage. Sie hatte die Kämpfe vor Augen, die von ihnen und den Vorfahren um die bürgerliche Gleichstellung geführt worden waren. Sie konnte auf die stufenweisen Erfolge der Emanzipationsbewegung in den westlichen Ländern hinweisen. Diese Generation lebte der festen Hoffnung, die noch vorhandenen starken Hindernisse durch geduldiges, zähes, zielbewußtes Arbeiten überwinden zu können, und sie suchte der Überlieferung getreu auch ihrerseits die in dem Vorhandensein der jüdischen Eigenart noch bestehenden Schwierigkeiten durch Preisgabe und Anlehnung möglichst zu beseitigen. Diesem Judentum brachte man die Lehre von der Wiedergeburt des jüdischen Volkstums, die Idee des Zionismus, dessen politisches Ziel: Schaffung einer öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk im Lande der Väter — als einzig mögliche Lösung der Judenfrage ausgegeben wurde. Während die lebende Generation alles daran setzte, die Gegensätze zwischen Juden und Nichtjuden zu verwischen, schien der Zionismus darauf auszugehen, alle Brücken zu zerstören. Was mit vieler Mühe erreicht war und anscheinend die Gewähr für eine sichere und schöne Zukunft bot, schien durch, die Bestrebungen des Zionismus in Frage gestellt. Es kann nicht wundernehmen, daß der Zionismus von den Nachkommen der Emanzipationskämpfer als eine große Störung für den Fortgang ihrer Bestrebungen empfunden wurde, daß diese Epigonen — übereilt und kurzsichtig — vor dem Zionismus als einer Irrlehre warnten und die mit großem Elan eingeleitete junge zionistische Bewegung mit erlaubten und zuweilen auch unerlaubten Waffen im Keime zu ersticken suchten. Der Verlauf der zionistischen Bewegung hat gezeigt, wie die bis in die jüngste Zeit hartnäckig wiederholten Versuche gescheitert sind. Allen Hemmnissen zum Trotz fand die von einer lebenskräftigen Idee getragene Bewegung ihren Weg zum Herzen des jüdischen Volkes. Überall in der Welt, wo Juden wohnten, breitete sich die Organisation aus und knüpfte fester das gelockerte Band gemeinsamen Volkstums. So erstand die jüdische Kolonialbank, das Finanzinstrument der Bewegung. Es wuchs der jüdische Nationalfonds aus kleinsten Beiträgen der gedrückten Masse des jüdischen Volkes zu beträchtlicher Größe. Die Kongresse bildeten eine ständige, überall beachtete Kundgebung des jüdischen Volkswillens. Wo immer das Volk in seiner Gesamtheit als lebensvoller Organismus genommen wurde, da galt die zionistische Organisation als seine natürliche und legitimierte Vertreterin. Mit ihr verhandelte die englische Regierung, als sie dem jüdischen Volke den Vorschlag zur autonomen Besiedlung eines Stückes ihres ostafrikanischen Besitzes machte. Der jüdische Volksgeist lebte wieder auf. Wo es sich um jüdische Angelegenheiten handelte, entfaltete er seine Kräfte und hielt den sich immer noch in hohem Maße breit machenden Geist der Assimilation in Schranken, Alle diese durch den Zionismus freigewordenen Kräfte konnten schließlich auch denen nicht verborgen bleiben, die sich mit den das Alte umwälzenden Anschauungen nicht abfinden konnten oder mochten. In ihren Söhnen und Enkeln sahen sie diese Kräfte lebendig werden. Was frommten die flammenden Proteste von gestern! Wuchs doch unter ihren Augen eine stammesstolze Jugend heran, eine Jungmannschaft, die die Zukunft der zionistischen Bewegung verbürgte. Diese Jugend sah draußen das jüdische Volkselend, das so gar nicht stimmte zu den hohen Menschheitsidealen ihrer Väter und Vorväter. Sie fühlte schmerzlich die Zerrissenheit der jüdischen Seele und nahm den Weckruf Theodor Herzls wie eine Erlösung auf. Diese Jugend durchflutete das Licht der Erkenntnis ihrer Pflicht zur Mitarbeit an der Erneuerung des jüdischen Volkes. Sie stählte die Muskeln im Bewußtsein dieser Pflicht und brachte in das jüdische Haus aus ihren Klubs und Korporationen die herzerfrischende jüdische Gradheit, die nur die Volksidee verleihen kann. Das in den Söhnen und Enkeln verjüngte Judentum, der in diesen Schichten sich kundgebende Zionismus blieb nicht ohne Eindruck. Eine Idee, die es vermochte, einen wichtigen Teil des nachwachsenden Geschlechts mit vollwertigem Judentum zu erfüllen, konnte auf die Dauer von den führenden jüdischen Kreisen nicht übersehen werden. So hat man denn auch, ohne die prinzipielle Gegnerschaft aufzugeben, mit der Anerkennung dieser Tatsache nicht zurückgehalten. Und es blieb nicht bei der bloßen Anerkennung. Ein Hauch des jungjüdischen Geistes ging über in ihr Jugenderziehungswerk. Wenn es ihnen gelingt, der Jugend wieder jüdische Ideale zu geben, dann werden sie, ob sie wollen oder nicht, Mittler des jüdischen Volksgeistes sein und dem Zionismus die Wege ebnen. So hartnäckig auch die Repräsentanten der alten jüdischen Gesellschaft sich noch immer den politischen Zielen des Zionismus widersetzen und das nationaljüdische Prinzip bekämpfen, an einer Stätte scheint sich ein Ausgleich vorzubereiten, — im Lande Israel. Die großen jüdischen Hilfsorganisationen haben heute mehr wie je ihr Augenmerk auf Palästina gerichtet. Sie arbeiten zu ihrem Teile an der wirtschaftlichen und kulturellen Hebung des jüdischen Elements. Hier im jüdischen Lande das nationale Moment einzudämmen oder gar auszuschalten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Die Alliance Israelite Universelle, deren