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Die Welt · 1910-08-26 · 34 (26.8.1910) · page 9

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 34 DIE30KELT 827 Als Qott die Thora auf dem Berge Sinai gab, da tat er große Wunder mit seiner Stimme. Qott sprach, und seine Stimme umkreiste das ganze Weltall, und die Kinder Israels vermeinten die Stimme von Süden zu hören und sie liefen gegen Süden hin, und so gegen alle Weltrichtungen; dann schien es ihnen, daß sie aus dem Himmel erschalle, und sie wendeten ihre Blicke gegen den Himmel hin, — da donnerte sie aus der Erde hervor." Von besonderer Art war der Stoff, womit Mose die Thora schrieb. „Die Thora, die Mose empfangen hat, war mit schwarzem Feuer auf weißem Feuer geschrieben und in eine Feuerscheide gefaßt. Beim Schreiben wischte er (Mose) die Feder an seinem Haar, und davon bekam sein Gesicht sein göttliches Leuchten." Die Auflehnung des Korah und seiner Anhänger gab dem Agadisten Gelegenheit, gegen die Theokratie eine beißende Satyre zu schreiben, die als klassisch in ihrer Art betrachtet werden kann. „Korah war ein Spottvogel und hatte sich über Mose und Aaron lustig gemacht. Was tat er? Er versammelte die ganze Gemeinde und erzählte ihnen lächerliche Dinge. Er erzählte ihnen folgendes: In meiner Nachbarschaft wohnte eine Witwe, die zwei Waisenmädchen hatte und ein Feld besaß. Als sie dasselbe pflügen wollte, da kam Mose und sagte: „Du sollst mit einem Ochsen und einem Esel zusammen nicht pflügen." Als sie es besäen wollte, da sprach er zu ihr: „Du sollst dein Feld nicht mit Mischarten besäen." Als sie zu ernten begann, sprach er zu ihr: „Gib her die Priesterabgabe, den ersten Zehnten und den zweiten Zehnten." Sie fügte sich dem Gebote und gab alles, was von ihr verlangt wurde. Was tat die Arme? Sie verkaufte das Feld und kaufte zwei Schafe, deren Wolle ihr zur Bekleidung und das Fleisch der jungen Lärrimchen ihr zur Nahrung dienen sollte. Als die Schafe Jungen zur Welt brachten, da kam Aaron und sprach zu ihr: „Gib her die Erstgeborenen, denn so hat es Gott befohlen: Alle Erstgeborenen sollst du Gott weihen." Sie fügte sich dem Gebote und gab die Jungen hin. Als sie die Schafe geschoren hat, da kam Aaron und sagte: „Gib mir die erste Schur her, denn so hat es Gott befohlen: Die erste Schur deiner Schafe gib ihm hin." Da sprach sie: „Ich vermag es länger nicht, diesen Mann auszustehen, ich will - sie schlachten und verspeisen." Als sie dieselben geschlachtet hat, da sprach er zu ihr: „Gib her die Schenkel, die Kinnlade und den Magen." Und sie sagte: „Sogar nachdem ich sie geschlachtet, kann ich seiner nicht los werden, — so werde ich sie Gott weihen." Da sprach er zu ihr: „Jetzt gehört alles mir, denn sprach es der Heilige: Alles Geweihte in Israel soll dir gehören." Und er trug das Geschlachtete weg und ließ sie mit ihren Töchtern weinend stehen. So erging es dieser Armen! Solche Dinge verüben sie und schreiben es Gottes Geboten zu!" . . . Ein großer Spottvogel war der Agadist selber, der seine eigne Auflehnung gegen das allzuschwere Joch der Priesterherrschaft auf eine so derbe Weise dem alten Nörgler Korah in den Mund legte. Die Krone der Agadadichtungen ist ohne Zweifel der Midrasch vom Tode des Mose, womit ich meinen gegenwärtigen Streifzug durch den Garten der Agada schließen will. So oft ich diesen wunderbaren Midrasch lese, empfinde ich einen ästhetischen Genuß, den mir nur klassische Dichtungen ersten Ranges verschaffen können. Wieviel Poesie, wieviel Kunst, welcher Gedankenschwung, und welche großartige Schönheit! Diese einzigartige Dichtung ist voll erhabener Tragik über die Nichtigkeit des Menschen, der. so groß und gewaltig er sein soll, nicht entfliehen kann. „Es kann sich der Mensch gleich dem Vogel Flügel schaffen und in den Himmel steigen, sobald aber sein Ende herannaht, brechen seine Schwingen, und er sinkt nieder." Und so kam auch das Ende des Mose, „der in den Himmel stieg, über Wolken schritt, gleich einem Engel war, Gott von Antlitz zu Antlitz sprach, und aus seiner Hand die Thora empfing." Wenn ein solcher Mensch gleich allen irdischen Geschöpfen den Tod erleiden sollte, ist es kein Wunder, daß sein Tod großen Aufruhr in allen Welten verursacht hat, und daß alle Naturgewalten Anteil an dem Schicksale Moses nahmen. Das Charakteristische an diesem Midrasch ist die große Lebensfreude Moses, seine Anhänglichkeit am irdischen Leben und sein Sträuben, diese Welt zu verlassen. Mose ist mit seiner ganzen titanischen Kraft an die Erde gebunden undwill von ihr nicht scheiden. Die Agada hat ihn nicht ztimSpiritualistengemacht, derdieErdeverachtet und zum Himmel strebt, vielmehr sieht sie in ihm einen Menschen mit allen gesunden menschlichen Gefühlen und Neigungen, der diese Welt gut und schön findet und das Leben als das höchste Gut schätzt. Mose, der große Optimist in seiner Lehre, der den Menschen das irdische Leben liebgewinnen lehrt, und der hohes "ÄUer für die Erfüllung seiner Vorschriften verspricht, blieb dem irdischen Leben treu und will nicht sterben. Er fleht Gott an: „Laß mich gleich den Tieren auf dem Felde leben, die sich vom Grase nähren und Wasser trinken und an der Welt Freude haben; —--laß mich auf dieser Welt gleich einem Vögelchen leben, das nach allen Richtungen fliegt, sich am Tage seine Nahrung sucht und abends in sein Nest heimkehrt, — so sei auch meine Seele!" Aber sein Flehen ist vergebens. Gott ist unerbittlich. Da wendet sich Mose an alle Naturgewalten, an den Himmel und die Erde, an die Sonne und den Mond, an die Berge und Hügel, und fleht sie an, für ihn um Mitleid zu beten. Aber überall bekommt er eine verzweifelte Antwort: „Anstatt für dich, wollen wir für uns selber um Mitleid flehen..." Denn nicht nur der Mensch, sondern die ganze Natur ist dem Vergehen geweiht, und nichts Geschaffenes kann seinem Ende entgehen. Die Stelle, in welcher geschildert wird, wie Mose alle Naturgewalten ansucht, für ihn um Mitleid zu flehen, ist eine der wunderbarsten Stellen in dieser Dichtung. Der agadistische Dichter offenbart einen großen künstlerischen Sinn, indem er den Menschen, dieses gebrechliche Geschöpf, dem ein winziges Maß von Tagen zugeteilt ist, den Naturgewalten gegenüberstellt, welche scheinen, als ob sie ewig dauern sollten, um dadurch den Gedanken zu verschärfen, daß die ganze Natur dem Untergang verfallen ist... Die Stunden und Minuten entschwinden indessen, und eine himmlische Stimme teilt von Zeit zu -Zeit dem Mose mit, wie lange er noch zu leben hat. Mose benutzt seine letzten Lebensmomente, um Israel um Verzeihung zu bitten: „Ich habe euch viel wegen der Thora und der Gebote gequält, jetzt verzeiht mir!". . . Da teilt ihm die himmlische Stimme mit, daß ihm noch eine halbe Minute

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