Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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o [(□□□□□□ o \>- FEUILLETON o° □□□□ □□J STREIFZÜGE DURCH DIE AGADA Von Dr. J. L. Boruch, Wilna IV. Wandelnd im Wundergarten der Agada, der aufs neue in seiner ganzen herrlichen Farbenpracht in dem ausgezeichneten agadistischen Sammelwerke von Rabinitzky und Bialik*) dem staunenden Auge entgegenprangt, habe ich mir, aufs Geratewohl, einen immergrünen poesiereichen Blumenstrauß gesammelt, den ich mit dem geneigten Leser teilen will. Ich bin der Hoffnung, daß auch er Freude an diesen altehrwürdigen Blumen, die noch eben so frisch und saftig wie vor Jahrtausenden sind, finden wird. Ich beginne mit der Weltschöpfung: „Woraus ist das Licht geschaffen?" Dieses Geheimnis weiß der agadistische Dichter Rabi Schmuel bar Nachman, der uns darüber folgendes berichtet: „Der Heilige, gebenedeit sei er, hatte sich in ein weißes Gewand gehüllt und ließ seine strahlende Pracht von einem WTeltende bis zum andern Weltende hervorblitzen." Jedoch dieses Urlicht war nicht unserm ordinären, alltäglichen Lichte ähnlich. Dieses Licht besaß eine wunderbare Eigentümlichkeit, von der uns Rabbi Elieser zu erzählen weiß: „Das Licht, das Gott am ersten Tage schuf, war so hell, daß der Mensch von einem Ende der Welt bis zum andern alles beim Scheine sah. Als aber der Heilige die Bösen und ihre schlimmen Taten voraussah, da nahm er das Licht und verbarg es. Und für wen hat er es aufbewahrt? Für die Gerechten in der Zukunftswelt." Heil dem Auge, das dies uralte Schöpfungslicht erblicken wird! . . . Schön ist Gottes Welt, und der erhabene Künstler selber hatte Freude an seiner Schöpfung, die er bloß für den Menschen und zu dessen Lust geschaffen hat: „Als Gott den Adam schuf, führte er ihn an alle Bäume des Edengartens vorüber und sprach: Sieh, wie herrlich und vorzüglich meine Werke sind! Alles, was ich geschaffen habe, ist nur deinetwegen; habe acht, daß du meine Welt nicht verderbest und zerstörest, denn wenn du sie verdirbst, ist niemand da, der sie verbessern könnte!" Seine herrliche Welt hat der hehre Meister nicht auf einmal geschaffen. Er verfuhr vielmehr gleich den irdischen Künstlern und machte vorher viele Entwürfe und Versuche, bis es ihm endlich gelang, die vollkommenste und schönste Schöpfung herzustellen: „Der Heilige baute Welten und zerstörte sie, baute Welten und zerstörte sie, bis er die gegenwärtigen schuf. Da sprach er: Diese gefallen mir, jene aber mißlangen/4' „Der Heilige war stolz auf seine Welt und sprach: Seht da die Schöpfung, die ich geschaffen, und das Werk, das ich vollendet habe!" Auch bei der Schöpfung unserer Mutter Eva war *) p^vo o ♦m 'pspjm n »p '"y rrn*»n Gott lange unentschlossen, aus welchem Gliede Adams er sie herstellen soll. Darüber berichtet uns die humorvolle Agada, der man durchaus nicht nachsagen kann, daß sie besondern Respekt vor dem schönen Geschlecht hätte. Es heißt: und Gott baute die Rippe, — er hatte nämlich darüber nachgedacht, woraus er. sie schaffen soll. Er sagte: ich schaffe sie nicht aus dem Haupte, damit sie nicht hochmütig das Haupt erhebe; nicht aus dem Auge, damit sie keine Späherin sei; nicht aus dem Ohre, damit sie keine Lauscherin sei; nicht aus dem Munde, damit sie keine Schwätzerin sei; nicht aus dem Herzen, damit sie keine Neiderin sei; nicht aus der Hand, damit sie nicht alles betaste; nicht aus den Beinen, damit sie keine Läuferin sei, sondern aus der Rippe, die ein verborgenes Glied im menschlichen Körper ist. Und doch habe ich nichts erreicht, — alle die Mängel besitzt sie insgesamt." Eine feinsinnige Parabel erzählt uns die Agada von der Lüge, die um einen Ehemann freite, um in die Arche ' Noahs aufgenommen zu werden: „R. Levi sprach: Als der Heilige zu Noah sprach: nimm je ein Paar aus jeder Art in deine Arche auf, da kamen alle Geschöpfe zu Noah, und traten jedes mit seinem Weibchen in die Arche ein. Da kam auch die Lüge und wollte eintreten. Noah aber sagte: Du kannst nicht aufgenommen werden, bevor du nicht einen Gatten hast. Da ging die Lüge, um einen Gatten zu werben. Sie begegnete dem Fluche. Dieser fragte: Woher kommst du? Sie erwiderte: Ich komme von Noah, da ich in seine Arche eintreten wollte, wurde aber von ihm zurückgewiesen, weil ich keinen Gatten habe. So du willst, werde mein Gatte. Dieser sprach: Und was gibst du mir zum Lohn dafür? Sie erwiderte: Wir wollen eine Abmachung treffen, daß alles, was ich erwerbe, dir gehören soll. Er ging darauf ein und sie wurden beide in die Arche aufgenommen. Als sie die Arche verließen, arbeitete die Lüge daran, Reichtümrner zu erwerben, die aber der Fluch sich sofort aneignete. Da kam die Lüge und sprach: Wo ist alles, was ich erworben habe? Er anwortete darauf: Haben wir nicht verabredet, daß alles, was du erwirbst, ich mir aneignen sollte? Dagegen konnte sie nichts erwidern." Das erhabene Moment der Offenbarung wird vom Agadisten in folgenden poetischen Bildern geschildert: „Als der Heilige dieThoragab, da zwitscherte kein Vogel, kein Vogel schoß durch die Lüfte, es brüllte kein Ochse, es regte sich kein Engel, kein Seraph sang die heilige Hymne, das Meer war regungslos, — die ganze Welt versank in tiefes Schweigen, — da erscholl die Stimme: Ich bin Jahwe, dein Gott. . ." Wunderbar ist die göttliche Sprache gewesen: „Jedes Wort, das aus dem Munde des Heiligen hervorkam, hat die ganze Welt mit Balsamdüften erfüllt." Und nicht minder wunderbar war die göttliche Stimme selber.