Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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No. 34 — DIE3 - götterei und Götzerei, des gesunden Verstands gegen alberne Fabeleien und stupide Riten. Warum hat das Judentum selbst, schon irn XIX. Jahrhundert, nicht die Last seines eignen, dreist, dummen Ritualismus von seinen Schultern abgeworfen, um ein rein menschlicher, sittlicher und fortschrittsliebender Glauben zu werden? Da ich aber die Hoffnung nicht aufgegeben habe, daß dies geschehen wird, da ich mich von ganzem Herzen trotz Ben-Koheleth und Genossen gerechtfertigt fühle, mich als guten Juden anzugeben und als Jude zu handeln, lasse ich mich durch Schimpf und Verleumdung von meiner Pflicht nicht abschrecken. Ich arbeite für die innere Emanzipation des Judentums, für seine Befreiung gegen Unduldsamkeit, Unwissenheit und Betrug. Die ärgsten Feinde des Judentums sind nicht die Antisemiten, die — wenigstens in Frankreich — das Judentum aufrecht ge- 1 alten haben, sondern die Fanatiker, die Hassidim, die Wunderrabbiner, die Halukisten, die Verfechter des Hebräischen als Umgangssprache, und wie alle diese Leute heißen. Voltaires Parole: „Ecrasons Tinfäme" gilt gegen alles, was dem gesunden Menschenverstand entgegen wirkt. Hochachtend und ergebenst Salomon Reinach. Diese Epistel, die von einer fanatischen Wut gegen das religiöse und nationale Judentum, gegen „die Hassidim, die Wunderrabbiner, die Halukisten, die Verfechter des Hebräischen als Umgangssprache und wie alle diese Leute heißen" erfüllt ist, bedarf keines Kommentars. Wir können es mit Genugtuung begrüßen, daß Salomon Reinach seiner Verachtung des lebendigen Judentums offenherzig Ausdruck gab. Dieser Brief gibt uns auch die Beruhigung, daß die Urteile der jüdisch-nationalen Presse über Herrn Reinach nicht nur nicht übertrieben, sondern eher noch zu schonungsvoll waren. Wir wollei keineswegs Vorwürfe gegen Reinach erheben. Der Typus ist uns schon allzu vertraut, und wir haben uns mit ihm abgefunden. Nur können wir der Alliance und der Ica den Vorwurf nicht ersparen, daß sie einen solchen Mann in ihrer Leitung hat. Vielleicht wird aber das neueste Bekenntnis Reinachs diesen Organisationen endlich Anlaß geben, Herrn Reinach dahin aufzuklären, daß er mit seinem jüdisch-antisemitischen Standpunkt vielleicht berechtigt ist,. Präsident einer Freidenkergesellschaft zu sein, jedoch keineswegs Vizepräsident der Alliance IsraeJite, die die Einheit und Solidarität des jüdischen Volkes zu ihrem Wahrzeichen erwählt hat. Hermann Cohens Referat über das Judentum. Hermann Cohen, wohl der größte Philosoph der Gegenwart, der wegen seiner jüdisch-ethischen Lebensanschauung, die er mit Stolz und Würde in Wort und Schrift verficht, von Fachkoilegen verkannt und tunlichst totgeschwiegen wird, hätte für das Judentum als Lehre von bahnbrechender Bedeutung werden können, wenn er eben das Judentum nicht ausschließlich auf einen sittlichen Lehrgehalt beschränken würde. Sein fundamentales Werk „Die Ethik des freien Willens", das ein gut Stück jüdischer Ethik, oder — um mit Cohen gegen Lazarus zu sprechen — jüdischer Sittenlehre methodisch verarbeitet und in ein System bringt, hätte einen ersten Platz in der jüdisch-philosophischen Literatur einnehmen und einen großen Einfluß auf die Entwicklung der jüdischen Weltauffassung üben können, wäre dieses Werk nicht mit einem grundlegenden Fehler behaftet, den man vom Standpunkt eines lebendigen Judentums schmerzlich empfinden muß. Dieser Fehler besteht in einer Disorientierung (um den beliebten Cohenschen Ausdruck zu gebrauchen) am Begriffe des Judentums als Nation. Und so hatten wir erst vor kurzem Gelegenheit, auf dem Kongreß für freies Christentum und religiösen Fortschritt Hermann Cohen „Thesen des Judentums" mit ethischen Pathos und wissenschaftlichem Freimut verteidigen zu hören, wobei man sich des Gefühls kaum erwehren konnte, daß dieser große Denker und große Jude, der keine passende Gelegenheit sich entgehen läßt, die jüdische Religion als einen Höhepunkt ethischer Kultur zu preisen, dem Judentum gleichzeitig seinen Lebensnerv nimmt. EELT 825 Denn für Cohen verflüchtigt sich das Judentum zu reinem Geist, und nur dieser reine Geist hat für ihn Wert. Die jüdische Religion wird als Sittenlehre aufgelöst, der Ritus als „Zaun" preisgegeben. „Ein Zaun ist kein Garten", und lediglich auf die Pflege des Gartens komme es an. Immerhin scheint Cohen nicht ganz einseitig spiritualistisch zu sein. Er gibt wohl zu, daß in unserem Zeitalter, wo alles im Judentum niedergerissen wird, die weise Erhaltung des Zauns eine Berechtigung und einen Sinn habe. Dieses löbliche Verständnis Cohens für den Ritus läßt ihn jedoch im Stich, sobald es sich um die Erhaltung des Judentums als einer Nation handelt, die doch wahrlich mehr als einen Zaun bedeutet. Das Wesen des Judentums hätte nach Cohen seinen prägnantesten und tiefsten Ausdruck in den Propheten gefunden, die gegen nationale Absonderung, oder wie der technische Ausdruck lautet, gegen den Partikularismus mit aller Wucht ihrer Persönlichkeit aufgetreten wären. „Die Menschheit ging ihnen über ihr Volk. ... Sie wurden Märtyrer nicht eigentlich, was man so nennt, für eine Glaubenslehre, sondern das ist das reinmenschliche an ihnen, daß sie für ihre Politik sich opfern; daß diese ihre Politik nicht anders ist, als was wir heute Sozialismus nennen" (Ethik des reinen Willens, Seite 528). Der kosmopolitische Gedanke des Propheten, der prophetische Gottesbegriff, den Cohen mit der platonischen Idee des Guten vergleicht (Cohen zitiert mit Vorliebe den Ausspruch in Micha: „Er hat Dir kund getan, o Mensch, was gut ist, und was der Herr von Dir fordert, ist doch nur: Auf Recht halten, Liebe üben und demütig wrandeln vor Deinem Gott") sei der innere Bestimmungsgrund des Judentums --der also einen jüdischen Nationalismus als seinen tiefsten Gegensatz zurückweisen und geradezu als Frevel verdammen müsse. Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob der Kosmopolitismus der Propheten in dem Sinne gedacht worden ist, daß er den Begriff einer jüdischen Nation ausschließen muß, oder ob er vielmehr als ein Zukunftsideal aufzufassen ist, das als ethischer Gedanke nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, aber keineswegs eine Auflehnung gegen die nationalen Schranken des Judentums in sich schließt. Gleichviel: das nationale Dasein einer Gemeinschaft kann von einem Gedanken und selbst von einem leitenden Gedanken nicht abhängig gemacht werden. Gesetzt, aber nicht zugegeben, die Propheten hätten eine nationale Existenz verurteilt, so kann doch die jüdische Nation deswegen nicht auf ihre Existenz verzichten. Die Fragen, die sich um das „Wesen des Judentums" drehen, können, wie alle Fragen nach dem „Wesen", nicht zum Stillstand gelangen. Vielmehr lassen sie einen großen Spielraum für die verschiedensten Ansichten und Standpunkte. Es ist aber methodisch ganz und gar verfehlt, wenn man theoretische Betrachtungen über das Wesen des Judentums — über das nationale Dasein des jüdischen Volkes entscheiden läßt. Diesen Fehler teilt Cohen mit den Vorkämpfern der Assimilation in Westeuropa, während er gegen die Folgen dieser Assimilationsbestrebungen, gegen die Fahnenflucht, die Taufen, gar oft schon seine mahnende Stimme erhob. Man könnte es bereits zu einem Grundsatz erheben: So oft man das lebendige Judentum leugnen möchte, klammert man sich an das „Wesen" des Judentums. Es ist auch nicht ohne Interesse, zu erfahren, daß Cohen den Maßstab des Kosmopolitismus nur an der jüdischen Nation anlegt, während er sonst die konkreten nationalen Formen als berechtigt anerkennt. Er sagt in seiner Ethik: „Der nationale Begriff ist förderlich und zulässig als ein Mittel zu diesem (sozialkosmopolitischen) Zwecke". Diese Stellung Cohens zu7unserm nationalen Problem, die auch auf dem Kongreß der Religionen zum Ausdruck kam, müssen wir um so mehr bedauern, als Cohen in seiner ethischen Kulturauffassung von jüdischem Geiste durchdrungen ist und mit bewunderungswertem Eifer das Judentum gegen falsche und böswillige Interpretationen seitens mancher christlicher Theologen, — wie überhaupt das Judentum gegen das Christentum, — rückhaltslos verteidigt.