Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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4M 'W$% 824 §C O □□□□□ ÖIEX^K1 ELT No. 34 REVUE DER WOCHE o° JD□ □ □ □] o O o Ein russisch=jüdisches Drama. Die aristotelische „Poetik" und mit ihr Lessings Dramaturgie fordern vom Drama, daß seine Handlung im Zuschauer Furcht und Mitleid errege. Nun ereignen sich aber alltäglich Vorfälle, welche in ihrer geschlossenen Aneinanderreihung sowohl die kühnste und routinierteste Phantasie eines dramatischen Dichters weit hinter sich lassen, als auch gegen das Grundgesetz, das die Dramaturgen aufgestellt haben, verstoßen. Sie erregen nicht Furcht und Mitleid, sondern Staunen und Zorn. Das jüdische Leben ist ungemein reich an solchen Tragödien, bei denen zumeist eine Verwicklung, die Schürzung des Knotens, fehlt. Der Exposition folgt sofort die Peripethie, meistens die Katastrophe. Ein solches Drama, eine alltägliche Geschichte aus dem Leben der russischen Juden, macht jetzt die Runde durch die jüdische Presse Rußlands. Als Moische Hotnik. 18 Jahre alt, das Gymnasium verlassen hatte, stand er vor der Alternative: Hunger oder Taufe. Die Mutter war eine blutarme Witwe, die Schwester Riwke arbeitete bei einer Modistin und studierte nebenbei die Nächte durch. Die Not bricht den festesten Charakter, und Moische wählte die Taufe. Er fand einen General, der sein Pate wurde, ihm ein goldenes Kreuz und 25 Rubel schenkte. Mit dieser Summe ging Moische, der jetzt Nikolaj hieß, nach Petersburg. Er kam, da er ein Rechtgläubiger war, rasch an die Universität, und durch die Protektion seines Paten, der ihn an den Polizeipräsidenten empfahl, wurde er Schreiber in dem Polizeidepartement, das die Pässe zu registrieren hat. Gehalt 30 Rubel monatlich. Davon sandte er die Hälfte an Mutter und Schwester. Nach zwei Jahren starb die Mutter und die Briefe der Schwester wurden immer seltener und hörten schließlich ganz auf. Da fand Moische eines Abends in seinen Listen folgende Eintragung: „-Riwke Hotnik, 18 Jahre alt, aus Smoliwki, Prostituierte". Der junge Mann fuhr leichenblaß zurück. Er verschaffte sich rasch Gift, ging nach Hause und trank das Mittel. Auf seinem Tisch ließ er diesen Brief liegen: „Meine teure Schwester! Ich sterbe. Stirb auch Du! Im Jenseits werden wir uns wiedersehen. Dort bei Gott gibt es weder Juden noch Prostituierte!" Im Zimmer des Entseelten fand sich folgenden Tags die Gerichtskommission zur Aufnahme des Protokolls ein. Dem Staatsanwalt legte man den Brief des Unglücklichen an die Schwester vor, und einen Brief, der gerade eingetroffen war: „Geliebter Bruder! Gestern bin ich in die höhern Kurse aufgenommen worden. Ich habe das Wohnrecht erhalten, da Tante Bertha mir geholfen hat, den „gelben Paß" zu bekommen. Ich wollte Dich überraschen, und deshalb habe ich Dich gestern nicht besucht, um Dich zu begrüßen. Deine Schwester Riwke." Später kam die Schwester, den Bruder zu besuchen. Man trug ihn gerade im Sarg fort. Sie sprang in die Newa. Das ist, wie gesagt, eine alltägliche Geschichte. Würde sie ein Dramatiker auf die Bühne bringen, so wäre man über die Kraßheit der Handlung empört. Aber das Leben unserer russischen Brüder setzt sich aus solchen Episoden zusammen. Sie sind nicht tragisch im Sinne der künstlerischen Forderung. Denn in der Tragödie muß der Held an den Folgen seiner Schuld zugrunde gehen. Wer trägt aber in dieser Geschichte der Leiden zweier junger Menschen, die am Wege sterben mußten, die Schuld? . . . Geheiligtes Packpapier. Ein Gnadenakt des Kaisers Franz Josef hat einem Prozeß ein Ende bereitet, der seinerzeit Aufsehen erregte. Wohl hat die klerikale, unduldsame und stupide Gerechtigkeit der polnischen Richter Krakaus nicht sonderlich verwundert, aber die Bestätigung des Urteils durch den Obersten Gerichtshof, erfüllte alle billig Denkenden mit Besorgnis, daß auch diese höchste Rechtsstätte des Reiches klerikalen und anderen Machteinflüssen nicht unzugänglich geworden ist. Der Tatbestand war folgender: Die jüdische Greislerin Estera Frisch in Grzegorzki bei Krakau war vom Landesgericht Krakau zu sieben Tagen Arrest verurteilt worden, weil sie von unbekannten Burschen eine Anzahl Umschlagblätter des „Herz Jesu- Boten", einer polnischen Jesuitenzeitung, gekauft und zum Verpacken von Zucker und Kaffee verwendet hatte. Eine Seite dieser Umschlagbogen zeigte ein Christusbild, und in der Verwendung dieses Bildes erblickte das Gericht eine Herabwürdigung einer Einrichtung der katholischen Kirche. Der oberste Gerichtshof bestätigte das Urteil der ersten Instanz, obgleich der Nichtigkeitsvertreter Dr. Chmurski nachwies, daß das erwähnte Bild nicht geweiht und zu seiner Herstellung auch keine bischöfliche Befugnis eingeholt worden war. Der polnische Senat des Kassationshofes setzte sich über all diese Einwendungen hinweg. Er erklärte den Umschlag einer Jesuitenzeitung für eine kirchliche Einrichlung und die arme Greislerin, welcher gewiß jede Verspottung oder Herabsetzung des katholischen Glaubens ferngelegen hatte, für eine Religionsschänderin. Nunmehr hat der Kaiser einem von Frau Estera Frisch, respektive deren Vertreter Doktor Chmurski überreichten Majestätsgesuche Folge gegeben und dasUrteil im Gnadenweg aufgehoben. Ein Bekenntnis Salomon Reinachs. Das „Frankfurter Israelitische Familienblatt" veröffentlicht in seiner jüngsten Nummer ein Schreiben des Herrn Salomon Reinach, der in Erwiderung auf eine im genannten Blatt erschienene Besprechung seines Buches „Orpheus" sich zu Ausführungen hinreißen läßt, die wert sind, der weiteren Öffentlichkeit bekanntgegeben zu werden. Das Schreiben lautet: Paris, August 1910.. Empfangen Sie meinen verbindlichsten Dank für die wohltuenden Spalten, die ihr werter Mitarbeiter Ben-Koheleth in Ihrem Blatte vom 29. Juli meiner Wenigkeit zu widmen geruhte. So eine Schimpfrede hat mir den höchsten Genuß bereitet! Es wäre ja jammerschade, wenn nur dumme Mönche und beschränkte chauvinistische Theologen gegen mein Buch Orpheus als Verteidiger der Religionen auftreten sollten. Ein fanatischer Jude gehörte in diese Gesellschaft; auch ist jüngst, ein Mameluk gegen mich ins Feld gezogen. Wie ich mich schon freute, vor anderthalb Jahren, da die französische Ausgabe des Orpheus allein erschienen war, als ich eine recht boshafte Rezensior vom American fiebrew zu lesen bekam! Ich dachte: „Also das wirkt!" Was kann ein Freisinniger eifriger wünschen wenn er zur Feder greift, als daß die Dunkelmänner jede; Rocks sich gefährdet fühlen? Nun sind die jüdischen Dunkei männer wohl am leichtesten zu erregen, und wenn die Herrei einmal schimpfen, so tun sie es bekanntlich ohne jede Rück sieht auf Anstand. Wie Schiller schrieb — oder doch hätt schreiben können: Gefährlich ists, den Goi zu wecken, Verderblich ist des Pfaffen Zahn, Jedoch der schrecklichste der Schrecken, Das ist der Jud' in seinem Wahn! Doch warum soll es so sein? Judentum heißt heute wedc; eine Religion, noch eine Rasse, noch ein Volk, noch selbst wie Heine meinte, ein Unglück. Judentum ist eine Tradition, eine sehr glorreiche, die Tradition der hartnäckigen Dulder unci Helden, die allein in Europa während tausend dunkler Jahre sich geweigert haben, an den furchtbaren Unsinn zu glauben, welcher heute bei keinem gebildeten Menschen Glauben findet. Also eine Tradition des Freisinns, des Abscheus gegen Viel-