Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 34 (26.8.1910)
- Date
- 1910-08-26
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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muß wohl von jedem gewürdigt werden, der sein eignes Volk liebt. Der Dichter, dessen Auge und Empfinden immer schärfer ist, als das des Berufspolitikers, hatte erkannt, daß der Kampf zwischen den vorwärtsdringenden Slawen und den saturierten, in ihrer völkischen Konsistenz viel schwächern Deutschen in das letzte, entscheidende Stadium eingetreten ist. Auf beiden Seiten geht es nicht mehr um die Herrschaft in Dörfern und Städten, nicht mehr um die momentane politische Machtstellung, sondern um die Kinder. Wer mehr Schulen hat, besitzt die Jugend, und wessen dieJugend, dessen die Zukunft. So kam es, daß auch die Slawen Roseggers Gedanken augenblicklich erfaßten. Es bildeten sich tschechische, slowenische, polnische Komitees, welche mit regstem Eifer Bausteine für Volksschulen zusammenzutragen begannen. So sahen sich auch die Juden plötzlich vor die Notwendigkeit gestellt, ihre Haltung zu präzisieren. Sie taten es teils motiviert, teils unmotiviert. Die einen, nämlich die reicheren, standen dem Deutschen Schulverein zornig gegenüber und lösten die Frage in passivem Sinn. Sie gaben einfach nichts. Die andern, die jüdischnationale, zionistisch erzogene Jugend, begründeten ihre Haltung. Die Feindschaft der Slawen gegen die Juden, die tief in der slawischen Seele verankert ist und durch unablässige Agitation der römisch-klerikalen Kreise geschürt wird, ist mit dadurch hervorgerufen worden, daß sich die Juden Westösterreichs zum Deutschtum, bekannten. Zwar ist dieses Bekenntnis niemals über das Maß des passiven Mitgehens hinangewachsen. Eine aktiv politische Rolle haben die Juden, wenn man von der verhetzenden Tätigkeit einiger getaufter Journalisten in Wien absieht, in dem nationalen Kampf in Österreich nie gespielt. Es ist Zeit, dieses Märchen von der germanisierenden Tätigkeit der Juden einmal abzutun. Niemals hat ein Jude einen Slawen zu germanisieren versucht. Er kam auch niemals in die Lage, einen solchen Versuch zu wagen. Denn selbst in der liberalsten Ära, in der Zeit der großen deutschen Linken, als Qiskra und Herbst ihre Reden im Wiener Parlament hielten, wraren die Führer und Vorkämpfer der deutschen Politik reinrassige Arier, die jüdischen Mitläufer nur Handlanger. Die Sympathie der Juden für die Deutschen war der Dank für die Emanzipation, die Hochachtung für das Volk Schillers und Goethes; eine tief wurzelnde Folgeerscheinung des warmen Empfindens, das die Juden für die gerechten „kaiserlichen" Beamten deutscher Nationalität aus der Zeit des aufgeklärten absolutistischenZentralismus fühlten, und eine Folge der — es sei das Wort gestattet, weil es dieSache am bestenbezeichnet—josefinischenTradition. Das Toleranzpatent des edlen Habsburgers Josefs II. hat das Bild dieses Herrschers im jüdischen Herzen mit einer Gloriole geschmückt, und die fast mystische Liebe, die das Ghetto für diesen Mann faßte, übertrug sich in der Folge auf das Deutschtum als den Träger einer hohen und großen, befreienden Kultur. Der Jude gab für deutsche Zwecke gern und freudig Geld. Es war leicht, dem unerfahrenen, ungeschulten Kind des Ghettos einen politischen Zweck als einen kulturellen darzustellen und umzufälschen. Dazu waren es die Deutschen, die eine dem kosmopolitisch denkenden Juden sympathische großzügige Politik trieben. Diesen Momenten ist es hauptsächlich zuzuschreiben, daß die Juden allenthalben in Westösterreich das Deutschtum unterstützten, sich geduldig alle schmerzhaften Äußerungen des Antisemitismus gefallen ließen und zumeist unbesehen bei den Wahlen für den deutschen Kandidaten stimmten. Darüber hinaus sind sie nie gegangen. Das war aber für die aufstrebenden slawischen Nationen Grund genug zur Bekämpfung der Juden, die selbst im geschlossensten slawischen Ort daheim deutsch sprachen, deutsche Zeitungen und deutsche Bücher lasen und ihre Kinder in deutsche Schulen sandten. Die Furcht vor der kulturellen Isolierung hat die Juden enger an das Deutschtum angeschlossen, als für ihre Zwecke förderlich gewesen wäre. Ganz langsam erst ist eine Ernüchterung eingetreten. Die Juden wenden sich von der aggressiv gewordenen deutschen Politik ab, und es trifft sie nun sowohl die auf deutscher Seite, wenn auch uneingestandene, aber vorhandene Enttäuschung über den Abfall des hundetreuen Sklaven und der ganze an Verachtung grenzende Haß der Slawen. Sind nun die Juden töricht genug, zu den deutschen Festungsbauten Steine herbeizutragen, so verschärfen sie noch diesen Haß. Sie haben auch an der Entstehung der deutschen Trutzburgen kein materielles Interesse, denn gerade an den Sprachgrenzen wohnen, mit Ausnahme der Städte, wenig Juden. Und in den Städten besonders ist die zionistische Idee sehr stark. Beteiligen sich also die Juden an der deutschen Schutzarbeit oder an der slawischen Gegenagitation, so muß es mit mathematischer Sicherheit dazu kommen, daß die Steine, die sie bringen, auf sie geworfen werden. Diese Rücksichten mußten die Haltung der Juden bestimmen. Es war, wie schon erwähnt, die jüdischnationale Jugend, welche diesen Gedankengang entwickelte und begründete: Die Juden dürfen nur von jüdischen Rücksichten geleitet werden. Sie dürfen ihr Geld nur für jüdische Zwecke verwenden. Die Organisierung des Judentums, seine völkische und gesellschaftliche Gliederung muß fortgeführt werden. Für Fremde aber keinen Mann und keinen Kreuzer! Daß die westösterreichischen Zionisten diese Idee popularisiert haben und ihr täglich neue Kreise werben, ist ein ruhmvolles Blatt in der Geschichte des Wirkens der sonst in manchen gesinnungsgenössischen Kreisen als minderwertig belächelten „Westler". Nun greift aber, wie die Freude des Herrn Geiger lehrt, die Schulvereinsschnorrerei über die schwarzgelben Grenzpfähle hinaus. Die Gefahr, daß begüterte Juden im Reich im Schrecken vor einer „ihren Brüdern in der Ostmark drohenden" Slawisierung den wütendsten Gegnern des Judentums Geld geben, ist immanent. Und deshalb sei ernstlich auf diese Gefahr aufmerksam gemacht. Es wird Pflicht unserer Gesinnungsgenossen in Deutschland sein, auf ihren Posten zu stehen. Der unblutige Pogrom, der sich in Österreich vollzieht, darf nicht mit jüdischem Geld unterstützt w7erden. Die Volksgenossen Roseggers sind dieselben Leute, die erst unlängst in Wien ein paar Tausend jüdische Hausierer auf das Pflaster hinausgeworfen haben, die in dem gleichen Wien den Ruf „Tod den Juden!" in den Versammlungen wieder aufleben lassen, dieselben, die