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Die Welt · 1910-08-26 · 34 (26.8.1910) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
34 (26.8.1910)
Date
1910-08-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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DIE mKE LT No. 34 nichts Schlimmes vorlag, der ja seit vielen Jahren Mitglied des Vereins gewesen und denselben vielfach unterstützt hatte. Aber es war jetzt ausgekommen, daß er — Jude ist. In dieser Angelegenheit um meine Meinung befragt, konnte ich nur folgendes antworten: Nach meiner Meinung entscheidet auch in der sittlichen Auffassung des Nationalen die Gesinnung und nicht die Rasse. Ein geborener Jude oder Slawe, der für deutsche Art und Sitte fühlt und wirkt, ist ein besserer Deutscher als ein geborener Germane, der bei jedem kleinen nationalen Opfer, das von ihm verlangt wird, hinter die Büsche kriecht. — Im übrigen, wer ist bei der Völkermenge unserer Länder seines Blutes ganz sicher? — Das, was wir meinen und wollen, liegt vor allem im deutschen Leben mit seiner Gesittung und Treue, in der deutschen Sprache mit ihrer Literatur, Jeder, der diese Güter hat und mit uns leben will, soll willkommen sein. Ich denke, geehrter Herr, daß das Ihrer freundlichen Anfrage genügt und bin Ihr hochachtungsvoll ergebener Peter Rosegger." Diese — wie Herr Qeiger sie nennt, mannhafte — Antwort hat dem Anfrager (so behauptet er) wirkliche Freude gemacht. Die sei ihm gegönnt. Aber daß sie auch den Lesern Freude machen wird, wollen wir bezweifeln. Denn der steirische Dichter hat eine ausweichende Antwort gegeben. Er hat nicht etwa, was vielleicht Herr Qeiger von ihm erwartete, das antisemitische Treiben des Deutschen Schulvereins verurteilt. Er hat es auch nicht gutgeheißen. Er hat einfach geantwortet: Wenn sich ein Jude als Deutscher fühlt, dann ist uns sein Geld willkommen. Die Haltung der Juden Österreichs, die hier vor allem in Frage kommen, zum Deutschen Schulverein wird durch zwei Momente bestimmt: das der nationalen Ehre und Würde und das der taktischen Opportunität. Es ist kein Zweifel: Der Deutsche Schulverein ist und wirkt antisemitisch. Daran ändert weder Roseggers noble Gesinnung, noch Geigers Freude. Im Programm des Schulvereins steht allerdings nichts von Juden. Aber das kann höchstens politische Betbrüder beeinflussen und milde stimmen. Tatsache ist, daß der Deutsche Schulverein, die größte nationale Schutzorganisation der Deutschen Österreichs, der eine Gründung des Bürgertums ist, sich immer gerne jüdisches Geld gefallen ließ, während seine Wanderredner, besonders in den Sudetenländern, zugleich die schlimmsten antisemitischen Agitatoren waren. Tatsache ist, daß infolge der fortschreitenden „Radikalisierung"derDeutschenElemente in seine Leitung kamen, die dem Judentum in bitterster Feindschaft gegenüberstehen. Ob diese Feindschaft berechtigt oder unberechtigtist, darüber mögen dieDeutschen mosaischer Konfession nachdenken. Wir Zionisten, die wir unser Haus bestellen, sehen uns unsere Nachbarschaft mit kühlen Augen an und beobachten, wie sie sich zu uns, d. h. zum Judentum verhalten. Wir sehen die weitern Tatsachen: Der Deutsche Schulverein ist, wie allgemein und auch von Rosegger behauptet wird, unpolitisch. Warum wird dann seine Leitung hauptsächlich Abgeordneten übertragen, die kraft ihres Mandats mitten im politischen Getriebe stehen, die durch ihr Mandat immun, d. h. unverletzlich sind? Weil eben jede nationale Arbeit politischen Charakter trägt und ihn im Zeitalter des Nationalismus, der Sonderung der Völker nach Abstammung, Geschichte und Ziel, nicht entbehren kann. Diese Leiter des Schulvereins aber gehören seit einer Reihe von Jahren ausgesprochen antijüdischen Parteien an. Das ist kein Zufall. Jeder Abgeordnete ist ja der Vertreter der Majorität seines heimischen Kreises. Ist diese Majorität antisemitisch, so ist es folgerichtig, daß auch ihr Vertreter kein Philosemit ist. Ebenso richtig ist es, daß auch .die Schutzorganisationen, die sich diese Majorität bildet, im selben Sinn und Geist wirken. So gründeten sich in der „Südmark", Nordmark", der christlichsozialen „Ostmark", dem „Bund der Deutschen in Böhmen", dem „Bund der christlichen Deutschen in Galizien und in der Bukowina" Exekuti'vkörperschaften des Schulvereins mit programmatisch arischen Tendenzen, d. h. sie betrieben-offiziell den Schulvereins-Antisemitismus. Daß die Juden Österreichs, — und zu ihrer Ehre sei es gesagt, in ihrer Mehrheit — diesen Stand der Dinge erkannt haben, ist wieder eine Tatsache. Sie, die opferwilligsten und lange Zeit hindurch die einzigen wirklichen Förderer der Arbeit des Schulvereins, zogen sich in dem Augenblick zurück, als der antisemitische Charakter der Leitung des Vereins in der bekannten Abstimmung im Juni 1908 im Parlament sich deutlich zeigte. Sämtliche Vorstände des Schulvereins bis auf zwei Herren, die nicht anwesend waren, stimmten geschlossen für einen Antrag, der die Regierung aufforderte, an Mittel- und Hochschulen die russische Prozentnorm für Juden einzuführen. Der Antrag fiel, da ihn die Slawen niederstimmten. Nicht aus Liebe zu den Juden, sondern aus ihrem Autonomismus heraus, der die Regelung der Schulfragen nicht dem Zentralparlament, sondern den Landtagen vorbehalten wissen will. Diese Abstimmung setzte all den Akten rohester tausendfacher Beleidigung und Verhöhnung, welche in so vielen Schulvereinsgruppen gegen die Juden vorgefallen waren, die Krone auf. Auch den assimiliertesten, treuesten Israeliten stieg das Blut in die Schläfen. Denn hier war ein meuchlerischer Schlag gegen das gesamte Judentum versucht worden, den alle fühlten, die Kinder hatten. Dieser eine Vorgang allein ist geeignet, den Brief Roseggers vollkommen zu entwerten. Sofort nach jener Abstimmung nun zogen die Juden allenthalben ihre Konsequenz. Sie traten bis auf wenige Feiglinge und Streber aus dem Schulverein aus. Aus dieser Haltung ließen sie sich auch nicht herauslocken, als der Dichter Rosegger die bekannte Millionensammlung für deutsche Schulen anregte. Der Deutsche Schulverein übernahm die Durchführung der Subskription. Das war bestimmend für die Juden. Nebenbei bemerkt ist es wohl nur der Abstinenz der Juden zuzuschreiben, daß die Sammlung von zwei Millionen Kronen, einer für das reiche deutsche Volk lächerlich geringen Summe, so lange währte. Die Leiter des Deutschen Schulvereins hatten die Sachlage bald erkannt. Sie sandten Aufrufe an die Juden, gingen mit Sammellisten hausieren. Es half aber nichts. Ja, das etwas komische Mittel der Einrichtung getrennter Ortsgruppen, nämlich judenreiner und solcher Gruppen, die Juden als Mitglieder dulden wollten, ein Mittel, das sich nur aus der Perversität der politischen Zustände Österreichs erklären läßt, hatte keine Wirkung. Die Aufklärungsarbeit der Jüdischnationalen, die Forderung des jüdischen Selbstbewußtseins erwies sich als stärker. In seinem Aufruf, den Rosegger im „Neuen Wiener Tageblatt" unter dem Titel „2000 X 1000 2 000 000" erließ, forderte er die Errichtung eines Fonds für nationale Festungsbauten an der deutschen Sprachgrenze. Unter diesen Festungsbauten verstand er Volksschulen. Dieser wunderschöne Gedanke eines Poeten kann und

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