Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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No. 33 ELT 809 Personalnachricht Unser Gesinnungsgenosse und Kollege Herr Saly Geis, Herausgeber und verantwortlicher Redakteur des „Frankfurter Isr. Familienblattes", hat sich mit Frl. Emma Schmidt, Lehrerin an der Isr. Töchterschule in Hamburg, verlobt. Sterbefall In M.-Huszt (Ungarn) ist am 12. d. M. der dortige Oberrabbiner Moses Grünwald gestorben. Der Verstorbene gehörte zu den Führern des orthodoxen Judentums in Ungarn und stand als hervorragende talmudistische Autorität und Leiter einer berühmten Jeschibah sowie insbesondere wegen seiner außerordentlichen Frömmigkeit auch außerhalb der gesetzestreuen Kreise Ungarns in hohem Ansehen. Rabbi Moses Grünwald wirkte vorher als Rabbiner in Homonna und Kleinwardein und stand auch am letztgenannten Orte einer großen Jeschibah vor. Wiener Kultuswahlen Ende dieses Jahres gelangen neun Mandate im Kultusvorstand der jüdischen Gemeinde Wiens zur Neubesetzung. Es ist auf-, fallend, daß von den neun Kultusräten, deren Mandatstdauer in diesem Jahre abläuft, nicht weniger als sechs verstorben sind. Es sind dies der einzige Zionist in der Kultusstube Oskar Marmorek, R. v. Goldschmidt, Emil Horner, Baurat Stiassny, Wilhelm Pollak und Seiigmann. Um die Erneuerung ihres Mandats werden bloß die Herren Leopold Langer, Siegmund Kanders und Dr. Spitzer kämpfen. Sechs Mandate müssen mit neuen Männern besetzt werden. Professor Musil Prof. Dr. Musil ist von seiner Arabien reise, die er im Auftrage der türkischen Regierung unternahm, nach Wien zurückgekehrt. Der Gelehrte sammelte reiches Material über die hygienischen Verhältnisse der Bewohner der arabischen Wüste und bestimmte die Lage des biblischen Sinaigebirges. Ein jüdischer Adlatus in der Bukowina Einen bemerkenswerten Erfolg hat der Jüdische Klub durch seinen Obmann, den Abg. Dr. Straucher, in seiner auf die energische Vertretung der jüdischen Forderungen gerichteten Tätigkeit in der Bukowina zu verzeichnen. Die jüdischen Angelegenheiten waren bisher im Landesschulrat einem nichtjüdischen Referenten zugewiesen, der;hnen selbstverständlich auch bei der größten Objektivität nicht das nötige Verständnis entgegenbringen konnte. Nunmehr ist der Supplent am griechisch-orientalischen Gymnasium in Suczawa, Dr. Heinrich Teiler, zum jüdischen Adlatus für den Bukowinaer landesschulrat ernannt und bereits zur Dienstleistung einberufen. Emigrationserschwerungen im Staate Texas DieVerwaltungderl.T.O.in Kiew erhielt dieser Tage aus Amerika iie von uns schon gemeldete Mitteilung, daß die Einwanderung nach jalveston unerwartet wesentlich erschwert wurde. Die lokale Einvanderungsbehörde läßt zurzeit nur noch Handwerker passieren, die iber eine Barschaft von mindestens 25 Dollars verfügen. Sonstige Emigranten werden nur dann zugelassen, wenn sie in Nordamerika nahe /erwandte haben, an die sie sich wenden. Viele Emigranten derletzten :wei Galvestongruppen (der 41. und 42. Gruppe) wurden nach Europa urückgeschickt. Die Kiewer Verwaltung der I. T. O. sah sich durch HeseneuePraxis der Emigrationsbehörden veranlaßt, ihre Tätigkeit voraufig einzustellen und Dr. Jochelmann nach Amerika zu entsenden, 'er in dieser Angelegenheit die geeigneten Schritte unternehmen soll. Judenfeindliche Schikanen im Bukarester Schlachthof Gelegentlich der Einweihung des neuen Schlachthofes in Bukarest;at der Schlachthofsdirektor Dr. Carcianu den jüdischen Schächtern •as vom Religionsgesetz geforderte Aufblasen der Lunge ■eschächteter Tiere unter dem Vorwande, daß er diese Prozedur -ls vom hygienischen Standpunkte schädlich erachte, strengstens verboten. Da auch der Oberbürgermeister von Bukarest, Dr. f»otescu, diese Verfügung des Schlachthofdirektors genehmigt hat, sahen sich die Schächter gezwungen, der Schlachthofdirektion zu erklären,, sie würden den Bukarester Schlachthof boykottieren, solange dieses Verbot zu Recht bestehe. Infolgedessen müssen die religiösen Juden Bukarest ihren Fleischbedarf von auswärts beziehen, was bei der jetzigen heißen Jahreszeit mit großen Schwierigkeiten verbunden ist. Die hiesigen christlichen Großschlächtereien, welche hierdurch einen bedeutenden Schaden erleiden, haben den Oberrabbiner Schorr der Bukarester Gemeinde ersucht, in dieser Angelegenheit eine energische Vorstellung an das Ministerium des Innern zu richten. Eine Reformsynagoge in London Die Reformpartei in London, deren geistiger Führer Claude G. Montefiore ist, hat ein großes Gebäude in dem vorzugsweise von reichen Juden bewohnten Park Lane-Viertel gekauft. Das Gebäude wird in eine Synagoge verwandelt, die vor den großen Feiertagen eröffnet werden soll. Der Gottesdienst wird fast ausschließlich in englischer Sprache stattfinden und die Richtung im allgemeinen die der äußersten Reform in Amerika sein. Die Synagoge wird ein Novum in England darstellen, wo man bisher für derartige Reformmätzchen kein Verständnis hatte. Mr. Montefiore ist soeben aus Amerika zurückgekehrt, wo er sich einige Zeit aufgehalten hatte, um die verschiedenen Reformgemeinden kennen zu lernen und einen passenden Rabbiner ausfindig zu machen, den er in England nicht auftreiben konnte. Bücherbesprechung Rabbi Nachman von Brazlaw. Beitrag zur Geschichte der jüdischen Mystik von J. A. Horodetzky. (Berlin, Verlag Poppelauer.) Ein kürzer, liebevoll geschriebener Oberblick über Leben und Lehren dieses letzten Meisters des Chassidismus. Durch die wund'erumwobene Gestalt des Baalschem begründet, hatte die chassidische Lehre nach dem Tode ihres Gründeis viel an Innigkeit und Reinheit eingebüßt. In einem spätem Geschlecht erst versuchen es einige der Nachgeborenen, darunter vor allem R. Nachman, den Chassidismus in seiner Reinheit wiederherzustellen, mit der offenbaren Absicht, daraus eine die Geschlechter überdauernde Lebens^ lehre zu machen. Doch hat R. Nachman selbst seine Lehren nicht niedergeschrieben, — von einem Buche abgesehen, das er vor seinem Tode verbrannt haben soll. In Rabbi Naton fand er den Jünger, der seine Lehren, insbesondere aber die symbolischen Märchen der Nachwelt erhalten hat. Der Chassidismus ist eine Reaktion und Wiederweckung des echten Gefühls gegen die talmudistische Verknöcherung, indem er auf Vertiefung des Lebens ausgehend, das Gefühl verinnerlichen und vereinfachen und zugleich durch Vernunft leiten will, was der Autor mit einigem aufklärendem Mißverständnis als Gegensätze ansieht. Doch sind wir diesem, der auf dem Gebiete der Geschichte des Chassidismus sich in der hebräischen Literatur manches Verdienst erworben hat, dankbar für die Herbeiziehung der reichen Belege, die uns ein Bild der großen Persönlichkeit des chassidischen Meisters zu liefern vermögen. Wir begegnen auch einigen der von Buber bearbeiteten Märchen im Gewände schmucklosen Berichts. Insbesondere sind wir aber für die biographische Darstellung dankbar, die uns den Kern der Lehre gleichsam in lebendiger Verkörperung vorführt. Wie R. Nachman durch die düstere Art der ältern Kabbalistik hindurch zu seinem Grundwesen: hingebender Naturliebe gelangt, seinen Kampf gegen das entartete Zeddikimwesen und seine Verfolgungen, seine wunderbare Wanderung nach Erez Israel, endlich sein Wirken in Brazlaw und seine letzten Lebenstage in Uman. Es folgt ein kurzer Blick auf die Geschichte der Sekte seiner Anhängerschaft, die seine Lehre trotz aller Bannsprüche bis zu einem gewissen Grade rein forterbt und noch jetzt noch von dem andern Chassidim gesondert ist. G^rne sehen wir auch die Abbildung des Grabmals in Uman, zu dem noch jetzt seine Anhänger, die „Chassidim aus Brazlaw" pilgern. Die hebräische Literatur Die hebräische Literatur nimmt in Wirklichkeit einen wichtigern und großem'Platz ein, als Otto Hauser ihr in einer soeben im Bibliographischen Institut erschienenen Geschichte der Weltliteratur einräumt. Doch entschädigt uns für die vielleicht durch drucktechnische Grunde verursachte Knappheit der Darstellung halbwegs das Verständnis, das Hauser den Schönheiten der biblischen Poesie und den Bestrebungen des modernen Nationaljudentums entgegenbringt. Hauser schließt seine kurze Darstellung mit dem Hinweis auf die nationale Bewegung des Zionismus, wodurch ein neuer Eifer für die hebräische Sprache entstanden sei. Abgesehen von einigen Irrtümern wäre an Hausers nur zu flüchtiger und