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Die Welt · 1910-08-19 · 33 (19.8.1910) · page 16

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Der hinreißende Aufruf Rod it sehe ws an die russische Gesellschaft, die grausige Schuld durch Unterstützung der ihres Ernährers beraubten Hinterbliebenen zu sühnen, hat offenbar die „fortschrittliche russische Gesellschaft" sehr kalt gelassen. Alles in allem sind bis jetzt ca. 300 Mark aufgebracht worden. Wie verlautet, soll der Witwe eine Unterstützung aus dem Fonds für Hilfeleistung an Personen, die von terroristischen Attentaten betroffen werden, gewährt werden. Begnadigung von Pogromverbrechern Die neulich wegen Beteiligung an dem Rjasaner Pogrom von 1905 zu Gefängnisstrafen von 2 bis 8 Monaten verurteilten Personen sind nunmehr begnadigt worden. Insinuationen der „Russkoje Snamja" Das Organ der schwarzen Hundertschaften, „Russkoje Snamja", benützt die ungeheuren Brandkatastrophen im Ansiedelungsrayon, die zehntausende jüdische Familien an den Bettelstab gebracht haben, um gegen die Juden in gewohnter Weise zu hetzen. Mit großer Hartnäckigkeit vertritt das ehrwürdige Patriotenorgan den Standpunkt, daß die Juden selbst in allen betreffenden Fällen die Brände gestiftet hätten, um sich an den Feuerversicherungsprämien — die, nebenbei bemerkt, im Ansiedelungsrayon lächerlich gering sind und durchschnittlich kaum " 20 Prozent des wirklichen Werts betragen dürften — zu bereichern. Ein würdiges Gegenstück zu der vom Abgeordneten Timoschkin in der Reichsduma geäußerten Behauptung, daß die Juden die Pogrome zu provokatorischen Zwecken veranstaltet hätten. Unterdrückung jüdisch=kultureller Bestrebungen Das Gouvernementalamt für Vereinswesen in Kowno hat die Gründung einer Ortsgruppe der jüdischen Literaturgesellschaft verboten. Zur Begründung dieser Verfügung beruft sich das Amt auf die Satzung der Gesellschaft, wonach deren Aufgabe in der Pflege der jüdischen Literatur in hebräischer, jüdischer und andern Sprachen bestehe; die Gesellschaft verfolge somit die Tendenz, die nationale Absonderung der Juden zu verschärfen und sei daher von Gefahr für die öffentliche Ruhe und Sicherheit! Genau mit denselben Worten motivierte auch das Minsk er Vereinsamt seine Weigerung, das Statut der Jüdischen Wissenschaftlich-Literarischen Gesellschaft zu genehmigen. — Bekanntlich kennt ja die russische Regierung keinen sehnlichem Wunsch als den, allzeit zu vermeiden, was in irgendeiner Weise die rührende Eintracht der verschiedenen Völker Rußlands, insbesondere das freundlichere Einvernehmen mit der jüdischen Bevölkerung, trüben könnte. Der edlen Aufgabe des Völkerfriedens dienen bekanntlich die offiziell antisemitische Presse, der von der Regierung protegierte Verband des russischen Volkes, die Massenausweisungen von Juden, die Begnadigung und Auszeichnung von Pogromhelden u. dgl. m. Palästina Jaffa, 8. August. An verschiedenen Punkten des Landes sind in letzter Zeit Überfälle und Ruhestörungen vorgekommen. In erster Reihe ist es die Hungersnot, die in Südpalästina bereits das dritte Jahr anhält, welche die dortige, zumeist noch nomadenhaft lebende Bevölkerung zwingt, nach Norden zu ziehen, um Weideplätze für ihr Vieh auszusuchen. Bei dieser Gelegenheit überfallen sie, besonders bei der Erntezeit, die Dörfer, die sie passieren, stehlen und rauben. In diesem Jahre hatte am meisten unsere Kolonie Ekron unter einem solchen Überfall zu leiden gehabt, kleinere Angriffe mußten auch die Kolonien Rechoboth und Kastinie abwehren. Es zeigt sich in diesen Fällen die Schwäche der lokalen Regierung, die vollständig unzureichende Zahl der Polizeibesatzung. Die wenigen Soldaten, die in den oft ziemlich weit voneinander entfernten Bezirksstädten stationiert sind, sind niemals den die Gegend unsicher machenden Beduinen gewachsen, die in Scharen von Hunderten auftreten und stets gut bewaffnet sind. Bis aber größere Soldatenposten requiriert werden, sind die Angreifer bereits über alle Berge und haben ihre Beute in Sicherheit gebracht. . Leider muß auch konstatiert werden, daß die lokalen Behörden nicht immer mit der nötigen Energie auftreten, ja mitunter im Gegenteil durch ihr Verhalten zur Beunruhigung der Bevölkerung beitragen. Diese Rolle scheint der jetzige Jaffaer Kaimakam spielen zu wollen. Als er wegen der Höhe der Oscherfeistung mit dem Vertreter der Kolonie Ekron sich nicht einigen konnte, erlaubte er sich, vor dem versammelten Bezirksausschuß (Medschlis Idara) die jüdjsche Bevölkerung in einer Weise zu beschimpfen, die als provozierende Aufreizung bezeichnet werden muß. Vom Pascha in Jerusalem deswegen zur Rede gestellt, hat zwar der Kaimakam die ihm zum Vorwurf gemachten Äußerungen geleugnet, die aber hoffentlich bald stattfindende Untersuchung wird erst ergeben, ob der Kaimakam oder seine Ankläger recht haben. Ein solches Verhalten eines Beamten ist um so unverzeihlicher, als nach dem Erlaß der Churije (Konstitution) die Bevölkerung überhaupt stellenweise eine ziemlich drohende Haltung einnimmt und durch Ausschreitungen gegen fremde Untertanen den Konsulaten immer häufiger Anlaß zu Interventionen bieten. Vor kurzem wurde in Anwesenheit des deutschen Konsuls Lloytved aus Haifa, einiger türkischer Beamten und Polizeisoldaten, einer der angesehensten deutschen Bürger aus Haifa, Fritz Unger, von Arabern des Dorfes Tyreh niedergeschossen. Es ist für die Dreistigkeit der Verbrecher bezeichnend, daß sie nachher, wie es verlautet, gesagt haben, sie hätten auch den deutschen Konsul selbst erschossen, wenn sie ihn' nicht für einen „Chakim Jahud" (einen jüdischen Arzt) gehalten hätten. Die Behörden sind sofort eingeschritten und haben eine größere Abteilung Soldaten aus Beyrut nach Tyreh beordert, welche das Dorf belagern. Die Deutschen verlangen für die Witwe des leider im besten Mannesalter zum Opfer gefallenen Herrn Unger eine Entschädigung von einer halben Million Francs und die Hinrichtung dreier Missetäter. Wie sehr eine exemplarische Bestrafung nötig ist, zeigt ein ähnlicher Vorfall, der sich dieser Tage in der jüdischen Kolonie Kfar-Saba ereignet hat. Die Araber des benachbarten Dorfes Kalkile hatten untereinander Streit, wobei einer von ihnen tödlich verwundet wurde. Um nun die Schuld von sich abzuwälzen, warfen sie die Leiche auf jüdischen Boden und überfielen die einzige Familie, die in Kfar-Saba wohnt, raubten alles, was sie im Hause fanden, insbesondere die eben in Säcken aufgesammelten Mandeln, und nahmen den jüdischen Wächter und einen Arbeiter gefangen. Der neue russische Konsul in Jaffa hat sofort, da die Betroffenen russische Untertanen sind, in energischer Weise beim Kaimakam Vorstellungen erhoben und sich mit einer Kommission nach dem Tatort begeben. Es muß betont werden, daß die Angreifer ständige Arbeiter in Kfar-Saba sind und den Angriff nur deshalb gewagt haben, weil sie wußten, daß die wenigen Leute in Kfar-Saba wehrlos sind. Jene Kolonien, welche einen zahlreichen Stab von jungen jüdischen Arbeitern haben, sind zumeist vor solchen Angriffen gesichert. Von dieser Einsicht geleitet, hat die Kolonie Ched er ah den überaus lobenswerten Schritt unternommen, einer - größern Anzahl von jüdischen Arbeitern in der Kolonie feste Beschäftigung zu verschaffen. In Chederah wurde auch die Wache jüdischen Arbeitern übertragen, da durch die UnZuverlässigkeit der arabischen Wächter viel Schaden für die Kolonie entstanden ist. Tachkemonischule Herr Rabbiner Dr. H. Abrahamsohn aus Särbogärd, der im Auftrage des Frankfurter Komitees der Tachkemonischule in Jaffa für diese Anstalt eine mehrmonatige Propagandareise in den Vereinigten Staaten unternommen hatte, ist wieder in Europa eingetroffen. Es ist Herrn Dr. Abraham söhn gelungen, das werktätige Interesse weiter Kreise der amerikanischen Judenheit für die Tachkemonischule wachzurufen und ein Komitee einflußreicher Personen zu bilden, welches sich der weitern Propaganda für die Anstalt, insbesondere der Gewinnung von Jahresbeiträgen für dieselbe unterziehen wird. Vom hebräischen Gymnasium in Jaffa Zu Beginn des Schuljahres 5671 wird gleichzeitig mit der Übersiedelung des Gymnasiums nach dem neuen Gebäude „Herzlia" die VI. Klasse eröffnet werden. Mit derselben beginnt die Oberstufe der Anstalt, auf der sich der Unterricht in einen klassischen und einen realen Kursus gliedern wird. Neue Schüler können in sämtliche 6 Klassen und in die 3 Vorbereitungsklassen aufgenommen werden. Nähere Auskünfte erteilt die Direktion der Gymnasia ibrith, Jaffa, Österr. Post 24. Monatsschrift „Palästina" Das uns vorliegende 8. Heft der in Wien (IX, Türkenstraße 9) erscheinenden Monatsschrift „Palästina" zeichnet sich wieder durch interessante Aufsätze aus. Wir heben besonders den Leitartikel „Der Jude in seinem Lande" von Dr. Ernst Müller, sowie die Fortsetzung der Trietschschen Untersuchung über „Jüdische Frauenarbeit für Palästina" hervor. Dr. Alexander Hausmann, Lemberg, hat einen Beitrag „Reisebeobachtungen und Informationen über Palästina" geliefert.

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