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Die Welt · 1910-08-19 · 33 (19.8.1910) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 33 - ■•■• ■ -■ ■•- [>|E] Obwohl der soziale Notstand, der in den Häusern der meisten dieser jungen Leute waltet, eine Korruption der jungen Seelen durch diese Erpressungsmaßregeln der reichen Assimilanten begreiflich erscheinen ließe, ist es doch 'offenbar, daß diese verwerflichen Versuche das Gegenteil von dem Beabsichtigten erreichen. Die Auflösung des Medschliss Umumi Das offiziöse Organ des Großrabbinats veröffentlicht folgenden Artikel: „Der Großrabbiner und der Medschliss dschismani (der engere Rat, das Konsistorium) beschäftigen sich sehr ernsthaft mit der Fragendes Medschliss umumi, die von sehr bedeutender Wichtigkeit ist. „Es ist unbestreitbar, daß der Medschliss umumi (der große Rat, die Nationalversammlung) des Großrabbinates unter den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr aufrechterhalten werden kann. Wenn dieser Ratskörper geschaffen wurde, so war es natürlich in der Absicht, daß er der jüdischen Gemeinschaft in der Türkei im allgemeinen und der Konstantinopels im besonderen nützlich sein sollte. Unter ien augenblicklichen Bedingungen ist er mehr schädlich als nützlich. Das Organisationsstatut des Großrabbinats verlangt, daß die Personen, die den Medschliss dschismani, die wichtigste Körperschaft der Zentralautorität der Judenheit des Landes, zu bilden haben, der Mitte des Medschliss umumi entnommen werden. Da aber die Zusammensetzung dieser Versammlung bereits mehrere Jahre datiert, kann sie den gegenwärtigen Bedürfnissen nicht entsprechen. Eine Anzahl ihrer Mitglieder ist von sehr vorgerücktem Alter und außerstande, nützliche Arbeit zu leisten. Es gibt unter ihnen sogar solche, die in abgeschlossener Zurückgezogenheit leben aus Altersschwäche oder anderen Ursachen. Auch Analphabeten existieren unter ihnen. Und aus dieser Versammlung, nur aus ihr, müssen die Personen gewählt werden, die im Verein mit dem Großrabbiner die Geschicke der Konstantinopeler Gemeinde und des ganzen ottomanischen Judentums zu leiten haben! Das Interesse des ottotnanischen Judentums verlangt, daß die Verhältnisse in dieser Versammlung durchaus modifiziert werden. Es muß alles mögliche geschehen, um diese Körperschaft zu rekonstruieren, zu regenerieren. Die Greise, welche nicht mehr imstande sind, aktiv zu arbeiten, müssen ihren Platz den Jungen abtreten, denen, die mit frischen, kernigeren, physischen und moralischen Kräften ausgestattet sind. Ist das Mandat des Umumimitgliedes ein Ehrentitel, so darf man doch nicht egoistisch sein und muß auch seine Söhne diese Ehre genießen lassen. Ist es eine Last, so ist es nicht recht, daß sie einem das ganze Leben aufgehalst bleibt Aus welchem Grunde auch immer, die Auflösung der Versammlung drängt sich auf und muß sobald als möglich erfolgen. Das Großrabbinat würde schleunigst an diese Auflösung herantreten und an ihre Reorganisation auf dem Wege der Wahlen, aber es stößt auf eine große Schwierigkeit juristischer Natur. Man weiß, daß das Organisationsstatut des Großrabbinats ein Reichsgesetz ist und daß infolgedessen das Großrabbinat über seine Anwendung zu wachen hat. Solange nicht ein neues Statut erlassen ist, muß das gegenwärtige in Kraft bleiben. Die Auflösung und Reorganisation des Medschliss umumi können also nur durch Reichsgesetz erreicht werden, und das geltende Gesetz — d. h. das Chachamchane nisamnamnassi — gibt weder das Mittel zur Auflösung noch 2ur Reformierung an. Es ist ein sehr lückenhaftes Gesetz, das abgeschafft werden müßte; aber bevor das geschehen kann, muß die gesetzgebende Macht ein anderes ausgearbeitet haben. Unglücklicherweise hat das Großrabbinat das Revisionsprojekt des Chachamchane nicht vorbereiten können, was der Großgemeinde von Saloniki bei Gelegenheit der Großrabbinatswahl feierlich versprochen worden war. Es ist möglich, daß es plausible Entschuldigungsgründe für diese Nichtausführung eines der Saloniker Gemeinde in einer Vollversammlung des Medschliss umumi gegebenen Versprechens gibt, so daß dieser unter gleichen Bedingungen fortexistiert. In einigen Wochen ist das zweijährige Mandat des Medschliss dschismani abgelaufen und man wird einen neuen wählen müssen. Aber aus was für Elementen soll man ihn bilden? Das Justiz- und Kultusministerium hat die Verantwortung dafür nicht übernehmen können, das Großrabbinat zur Auflösung des Medschliss umumi zu ermächtigen, weil diese nicht durch einen Gesetzestext angezeigt ist. Das Großrabbinat dringt jedoch darauf, ein Mittel dazu zu finden, denn es ist unzulässig, daß die vitalsten Interessen des Judentums unseres Landes verurteilt bleiben sollen noch lange unter der Lückenhaftigkeit eines Gesetzes zu leiden. Das Großrabbinat hat verlangt, daß das Mandat der Mitglieder des Medschliss umumi (das bisher, lebenslänglich war, Anm. d. Red.) von zehnjähriger Dauer sei, mit periodenweiser Teilerneuerung. £ELT 807 Das Ersuchen bildet gegenwärtig Gegenstand des Studiums bei der juristischen Sektion des Staatsrates. Unseren Informationen zufolge ist es sehr wahrscheinlich, daß der Staatsrat sich, für das Gesuch des Großrabbinats aussprechen wird. Und in diesem Falle wird der Medschliss umumi für aufgelöst erklärt werden und man wird zu Neuwahlen schreiten." Wie aber das gleiche Blatt später mitteilen muß, hat der Staatsrat seine Einwilligung nicht gegeben. Hierauf soll das Großrabbinat beschlossen haben, den Mitgliedern des Medschliss umumi vorzuschlagen, ihre Demission zu geben, damit zu Neuwahlen geschritten werden kann. Der Medschliss umumi wird auf den 21. August einberufen werden. Türken, Griechen und Juden Daß die Juden stets den Sündenbock für alles abgeben müssen, hat sich jüngst wieder an einem äußerst charakteristischen Beispiel gezeigt. Bekanntlich haben die griechischen Kaufleute durch den Boykott, den die ottomanischen Patrioten über die Schiffe und Warensendungen griechischer Herkunft verhängt haben, ungeheuren Schaden erlitten. In Smyrna haben sich nun die dortigen Griechen in der Weise an den Türken gerächt, daß sie ihrerseits einen Boykott über die jüdischen Kaufleute aussprachen. Rußland Eine neue jüdische Fachzeitschrift Ssit kurzem erscheint in Wilna eine jüdische Wochenschrift „Der Holzhändler", die die Interessen der Holzbranche vertritt. Cholera und Antisemitismus Dem „Pester Lloyd" wird aus Petersburg geschrieben: Die Cholera hat das ganze Zarenreich ergriffen und einen Umfang angenommen, der die Bevölkerung in panischen Schrecken versetzt. Was die Ausbreitung der Epidemie noch unheimlicher gestaltet, ist der Mangel an Ärzten und Sanitätspersonal. In Petersburg, Odessa, Charkow, Nikolajew, Kiew und noch vielen andern Herden der Seuche macht sich dieser Mangel besonders fühlbar. Für die Zustände in Rußland ist jedoch die Tatsache äußerst charakteristisch, daß die Regierung und ihre Beamten trotz der erschreckenden Ausbreitung der Cholera ihren Antisemitismus weiter kultivieren und die Aufnahme von jüdischen Ärzten und jüdischen Sanitätsmännern, die mit Todesverachtung in den Kampf gegen die Seuche ziehen wollen, rundweg abweisen. Der Petersburger Oberbürgermeister Glasunow ordnete an, daß Gesuche jüdischer Ärzte um Aufnahme in den städtischen Dienst zur Bekämpfung xler Cholera abgewiesen werden müssen. Vergebens traten einige rechtdenkende Stadträte für die Aufnahme jüdischer Ärzte ein: das Oberhaupt der Stadt blieb seinem Antisemitismus treu, wiewohl die Epidemie erschreckend um sich greift. Noch verhängnisvollere Folgen zeitigte dieser Antisemitismus im südrussischen Kohlenrayon. Dort erkranken täglich gegen zweitausend Kohlenarbeiter und sterben gegen tausend Personen, so daß alle Kohlenarbeiter die Flucht ergreifen und die Arbeit im Stich lassen. Wer aber hat die Schuld an der erschreckenden Verbreitung der Epidemie im Kohlengebiete? Das Charkower Blatt „Utro" erklärt offen, daß es die Behörden sind, die seit dem Ausbruch der Cholera alle jüdischen Ärzte und jüdischen Sanitätsmänner aus dem Dienste vertrieben und ganze Ortschaften ohne ärztliche Hilfe beließen. Dasselbe tut der berüchtigte Stadthauptmann von Odessa, General Tolmatschew, der die Ernennungen jüdischer Ärzte im Choleragebiete annullierte und kategorisch erklärte, daß er die Aufnahme von Juden nicht zulassen würde. Und während die Regierung so ihren Judenhaß betätigt, macht die Cholera unbeschreibliche Fortschritte und ruft unter den Volksmassen sogenannte Choleraunruhen hervor, die in vielen Ortschaften bereits blutig unterdrückt werden mußten. Der Fall Qlusker Die judendfeindliche Presse hat nun ihre Verlegenheit über den ruchlosen Justizmord an Glusker überwunden und ergreift leidenschaftliche Partei für die famosen Richter. Die Semschtschina erklärt offen, daß die Richter recht daran taten, auf die Aussagen der jüdischen Zeugen kein Gewicht zu legen. „Jeder Richter wird Ihnen sagen, daß man jüdischen Zeugen keineswegs Vertrauen schenken .darf, da ihnen der Talmud das Lügen und Betrügen erlaubt." Ähnlich schreibt auch die Nowoje Wremja. Die Sammlungen zugunsten der hinterbliebenen Frau und sechs Kinder des unschuldig Hingerichteten gehen inzwischen sehr träge von statten.

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