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Die Welt · 1910-08-19 · 33 (19.8.1910) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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artillerie in das aufständische Gebiet entsandt. Es soll die Gelegenheit ergriffen werden, ein für allemal an diesem Punkte Ruhe zu schaffen und die Wohlfahrt des überaus fruchtbaren Landes für alle Zeit zu sichern. Diese Aufgabe wird derselben Regierung, die die Albaner zu zähmen wußte, kaum schwer fallen. Es gibt im ganzen 100 000 oder nach anderer Schätzung 350 000 Drusen, die in 106 Städten und Dörfern des westlichen Flügels des Libanon und im ganzen Gebiete des Antilibanon wohnen. Sie sind wild und als außerordentlich kriegstüchtig bekannt. Das wird sie aber nicht davor schützen, von der disziplinierten und übermächtigen Militärmacht, die gegen sie ausgesandt wird, gezüchtigt und entwaffnet zu werden. Damit wird wieder ein merkbarer Schritt zur Stärkung und Ausbreitung der ottomanischen Staatsautorität vollzogen sein, die auch unsern jüdischen Ansiedelungen in Palästina täglich sich festigende Gewähr für ruhigen, ungefährdeten Bestand ihrer Kulturarbeit bietet. Im übrigen fährt das Kriegsministerium fort, mit aller Energie an der Verstärkung der Reichswehr zu arbeiten. So ist beschlossen worden, von nun ab auch die Einwohner aller bisher privilegierten Provinzen, des Hedschas, des Jemens, der Insel Samos sowie des Libanons zum Mililärdienste heranzuziehen. Dagegen — und diese Bestimmung wird in jüdischen Kreisen besonderes Interesse erwecken — beschloß die Hohe Pforte, allen in die Türkei Eingewanderten, die osmanische Untertanen werden, sechs Jahre hindurch Freiheit vom Militärdienste zu gewähren, ganz gleich, ob sie sich in der Hauptstadt oder in der Provinz niedergelassen haben. Mesopotamien Daß die kriegerischen Mittel nicht die einzigen sind, deren die türkische Regierung sich zur Befestigung der Zentralgewalt und zur Ausbreitung der Landeswohlfahrt bedienen will, beweist ihr Aktionsprogramm für Mesopotamien. Sie hat, wie es heißt, ein Gesetzesprojekt vorbereitet, demzufolge große Strecken Landes im Zweistromgebiete den dort nomadisierenden Araberstämmen zu festem Wohnsitze überlassen werden sollen. Der Urheber dieses großen und bedeutsamen Planes, der sicher auch nicht ohne Einfluß auf die jüdischen Siedelungspläne in diesem Lande bleiben wird, ist der Direktor des Staatskatasters, Mahmud Essad Effendi. Die Bewässerungsarbeiten am Euphrat, die, wie vor einiger Zeit gemeldet, .infolge des Einspruchs des Walis von Bagdad zum Stillstand gekommen waren, scheinen nunmehr wieder ihren Fortgang nehmen zu sollen. Die Regierung hat für das laufende Finanzjahr 310000 türkische Pfund auf dieses Konto vorgesehen, und einstweilen Sir William Willcocks einen Kredit von 180 000 Pfund zur Fortführung seiner Versuche überwiesen. Doch scheint sie sich ihrem Wasserbausachverständigen gegenüber besser als früher vorgesehen zu haben, da sie ihn durch ein ausführliches Reglement gebunden hat, dessen Hauptbestimmung es ist, daß Willcocks sämtliche Baumaterialien nicht mehr auf seine persönliche Rechnung, sondern nur noch auf Rechnung der Regierung zu bestellen hat. Türkische Hafenbauten Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat beschlossen, den Bau folgender Häfen, für die die Vorstudien bereits gemacht sind, zu vergeben: Amassia, Bartin, Mersina, Alexandrette, Tripolis und Jaffa. Es scheint also, daß die Zeit nicht mehr so ferne ist, wo auch der Eingangshafen Palästinas für Jerusalem ein den Erfordernissen des Verkehrs entsprechendes Gepräge erhalten wird. Die Inlandspässe aufgehoben Ein Rundschreiben des Ministers des Innern gibt bekannt, daß die Inlands-Teskeres, die für eine Reise aus einer Provinz des türkischen Reiches in die andere bislang angeschafft werden mußten, seit dem ersten dieses Monats in Wegfall geraten sind. Es würde also künftig beispielsweise nicht mehr nötig sein, sich in Konstantinopel mit einem Teskere für Palästina zu versehen. Gegen die ausländischen Lehrer In ihrem Bestreben, dem ottomanischen Volke eine durchaus patriotische Erziehung zu sichern, hat die Regierung einen weittragenden*- Beschluß gefaßt, dessen Durchführung auf heftigen Widerstand stößt und zweifellos schwierige Zustände schaffen würde, nicht zuletzt für die Juden. Dieser Beschluß besagt nicht mehr und nicht weniger, als daß es fortab Lehrern ausländischer Staatsangehörigkeit verboten sein soll, an Gemeindeschulen und Privatschulen zu unterrichten. Ausnahme soll nur für diejenigen gemacht werden, deren Lehrbefähigung von der türkischen Regierung anerkannt und die vor der Anstellung von ihr genehmigt werden. Auch wenn diese Verfügung nicht dem Patriarchate und dem bulgarischen Exarchen direkt zugestellt worden wäre, wäre es klar, daß sie sich gegen die beiden orthodoxen Nationalitäten richtete, bei denen panhellenische und panbulgarische Iraktiken seitens ihrer ausländischen Lehrkräfte befürchtet werden. Aber die Verfügung ist durchaus verfrüht, da bei Entlassung aller dieser Lehrer die griechischen und bulgarischen Schulen einfach veröden und geschlossen werden müßten. Ottomanische Kräfte an ihrer Stelle sind absolut noch nicht vorhanden. Mit Recht haben daher die Ratskörper der beiden Völkerschaften dagegen protestiert. Das Exarchat hat verlangt, daß vor Erlaß einer solchen Order erst nationale Seminarien sowie nationale Universitäten 'gestattet und zur Entwicklung gebracht werden müßten, die die neuen Lehrkräfte schaffen könnten. Der neue Erlaß ist auch dem türkischen Großrabbinate zugegangen. Die Durchführung dieses Erlssses wird für die Juden die schlimmsten Folgen haben, denn ihr Schulwesen ist leider noch durchaus das wenigst entwickelte und mit ottomanisch-staatszugehörigen Lehrern am wenigsten ausgestattet Es ist schwer auszudenken, was beispielsweise aus all den mit sehr vielen ausländischen Kräften, besonders in der Leitung, besetzten Allianzschulen werden sollte. Das patriotische Fest der Bne=Jisrael in Hasköj Das angekündigte Fest des Konstitutionsjubiläums in der Synagoge „Malern" zu Hasköj hat unter großer Beteiligung aller jüdischer Kreise des Vorortes stattgefunden. Der Deputierte Mazliach sprach von dem Segen der Verfassung, türkisch; Herr Kamchi hebräisch über die Nodwendigkeit der nationalen Entfaltung; zum Schluß Rabbi Raphael Sab an spaniolisch. Zwischen den Ansprachen brachte der Knabenchor der Hasköjer Allianzschule französische und türkische Gesänge zum Vortrag, in hebräischer Sprache den Hymnus „Adon olam". Nach Schluß der Synagogenfeier begab sich alles in das am gleichen Tage eröffnete Klublokal der „BuS-Jisrael". Vor dem Hause hatte eine Riege der Hasköjer Makkabis Aufstellung genommen und begrüßte die Gäste mit hebräischen Liedern. Im Saale trug einer der Festteilnehmer ein zu Ehren der „Bu6-Jisrael" verfaßtes spaniolisches Gedicht vor, und hielt der Präsident David Elnekauve die Einweihungsrede. Zum Schlüsse wanderten der größte Teil der Gäste in den Turnsaal der Makkabäer hinüber. Hunderte jüdischer Leben in Gefahr Am 31. Juli hatte der unlängst gegründete jüdische Bildungsverein „Hatikwah" einen Ausflug nach dem Dorfe Beikos auf der asiatischen Bosporusseite veranstaltet, an dem nahezu dreihundert Personen teilnahmen. Der Tag verlief aufs fröhlichste. Das Schiff, das die Ausflügler hinausführte, war mit Blumen, Fahnen und Magen-Davids reich geschmückt. Leider ließ aber seine Seetüchtigkeit zu wünschen übrig. Auf der Rückreise am Vorabend platzte plötzlich der Kessel. Es entstand eine große Panik. Aber bald eilten zahlreiche Barken herbei, denen es gelang, sämtliche Verunglückte zu bergen und wohlbehalten heimzubringen. Sozialer Krieg gegen die nationale Jugend Die nationale Sache muß schon stark die jüdische Jugend der Hauptstadt durchdrungen haben, wenn man sich auf assimalatorischreaktionärer Seite genötigt findet, den wirtschaftlichen Krieg gegen ihre Anhänger zu erklären. Man hält offenbar die Hetzkompagne und die verleumderischen Praktiken des „Tiempo" für nicht mehr genügend. Man hat begonnen, die Jugend durch Drohungen mit Entlassung aus ihren Stellungen und durch ihre Aussperrungen einzuschüchtern und zur Aufgabe ihrer neugewonnenen Ideale zu zwingen. Dieses verwerfliche, nach moralischer Erpressung riechende Vorgehen wird grell beleuchtet durch einige Einzelfälle, die die „Aurore" aus der Fülle des ihr zugegangenen Materials zitiert In einem Institut der Hauptstadt, dessen Chef ein Jude ist, suchte ein junger Mann, dessen Verwandtschaft mit dem Direktor ihm besondere Hoffnung auf Erleichterung seines Eintritts gewährte, einen Posten. Er wurde aufgefordert, falls er nicht zurückgewiesen werden wollte, mit dem nationalen Vereine „Makkabi", dessen Mitglied er war, zu brechen und sich der neugegründeten „Association des auciens eleves de l'Alliance Amicale anzuschließen. — In einem andern Etablissement wurden Schritte eingeleitet, um alle diejenigen unter den Angestellten, die dem „Makkabi" angehörten, auf den Index zu setzen und sie vom Avancenent auszuschließen. — Ein reicher Kaufmann stellte beim Engagement eines neuen Beamten folgende Grundbedingungen: 1. Keiner jüdischen Jugendorganisation anzugehören. 2. Keine zionistischen Zeitungen zu lesen. Und sofort.

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