Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Die Spaniolen erwachen Von M. J. Cohen, Konstantinopel In der Zeit vom 17. bis zum 19. Juli tagte, wie „Die Welt" bereits berichtet hat, in Varna am Schwarzen Meer die vierte Landeskonferenz der bulgarischen Zionisten. Gleichzeitig hielten die jüdisch-nationalen Turnvereine von Bulgarien ihre Jahresversammlung dort ab. Zum Kongreß waren Delegierte von 25 Vereinen nach Varna gekommen; die Turnerversammlung war durch zahlreiche Deputationen der Turnerschaft von Rustschuk, Schumla, Sofia und Widdin beschickt. Außerdem waren die „Makkabisten" von Konstantinopel in einer Abordnung von 25 Mann unter Leitung ihres Turnlehrers Herrn Hirsch als Gäste anwesend; Vertreter der nationalen Presse von Konstantinopel haben sich ihnen angeschlossen. Aus der Donaustadt Widdin war ein jüdisches Mandolinistenorchester, bestehend aus über 30 jungen Leuten, unter Leitung ihres bulgarischen Lehrers nach Varna geeilt, um das schöne jüdische Fest mit ihrem reizenden Spiel noch mehr zu verherrlichen. Es waren überaus verheißungsvolle, schöne Tage, die wir in Varna zugebracht haben. Die ganze, in schöner Entwicklung aufstrebende Hafenstadt befand sich in festesfroher Stimmung, und die Bevölkerung, ohne Unterschied der Religion, schien das jüdische Fest mitzufeiern. Bulgaren, Türken und Griechen bekundeten ein sehr lebhaftes Interesse für die Kongreßteilnehmer, ganz besonders aber für die jüdischen Turner in ihren den Trachten des Landes angepaßten schmucken Uniformen. Für diese Leute war es etwas ganz Neues, wie eine Offenbarung, die stramme Jugend mit Schärpen und Abzeichen in zionistischen und bulgarischen Farben in größter Ordnung durch die Straßen marschieren zu sehen und ihre hell und froh erklingenden Lieder in hebräischer Sprache zu hören. Man grüßte sie aufs herzlichste, sie wurden förmlich bejubelt. Unter den Juden von Varna mochte bei diesem Anblick wohl manchem das Herz heftiger als sonst gepocht haben; ich sah einen altern Mann, wie er sich verstohlen eine Träne vom Auge wischet. Ahnen diese Brüder vielleicht, welche Wunder der jüdisch-nationale Gedanke noch vollbringen wird, nachdem ihm diese schier unglaubliche Wandlung in den Herzen der jüdischen Jugend innerhalb ganz kurzer Zeit bereits gelungen ist? Ich unterlasse es absichtlich, mich über den Verlauf des Kongresses mit seinen Reden, Debatten, Resolutionen u. dergl. ausführlich zu ergehen. Wir Zionisten lesen und hören von derartigen Dingen mehr als genug. Es sei nur kurz erwähnt, daß die Verhandlungen in überaus würdiger Form und streng parlamentarisch geführt wurden; die Leitung derselben durch den Präsidenten Dr. Marco Romano war wirklich bewunderungswürdig. Die Disziplin und würdevolle Haltung aller Delegierten und des sehr zahlreichen Auditoriums verdient gleichfalls die höchste Anerkennung. Die bulgarische Judenschaft hat von ihrem tüchtigen Wirtsvolke in kurzer Zeit außerordentlich viel gelernt. Man traut seinen eigenen Augen nicht, wenn man den gewaltigen Unterschied zwischen früher und jetzt beobachtet: Das sind nicht mehr jene scheuen, rückständigen Spaniolen, wie sie vor kaum dreißig Jahren am Ufer der Donau und in den Tälern des Balkans wunschlos und in patriarchalischer Beschaulichkeit lebten. Das Milieu und die neuen Verhältnisse haben sie zu selbstbewußten, willensstarken Männern gemacht, welche im friedlichen Wettbewerb Hervorragendes für die Kultur und den Fortschritt ihres aufstrebenden Landes leisten, ohne dabei die Zugehörigkeit zum jüdischen Stamme und ihre Pflichten dem Judentum gegenüber aus dem Bewußtsein zu verlieren. Die bulgarischen Juden sind unstreitig die tüchtigste Gruppe unter den heutigen Spaniolen. Man will den Zionismus lediglich als Produkt des Judenhasses und der Judennot darstellen, um glauben zu machen, daß die Folgeerscheinung mit ihrer Ursache verschwinden werde. Das ist eine gänzlich falsche Auslegung, und das Beispiel unserer bulgarischen Brüder kann als weiterer Beweis des Gegenteils dienen: Die Juden in Bulgarien hatten bisher relativ wenig unter dem Judenhaß zu leiden; abgesehen von einzelnen lokalen Zwischenfällen, denen keine besondere Bedeutung zukommt, werden sie von den Behörden des Landes gut behandelt und leben mit. der bulgarisch-christlichen Bevölkerung in gutem Einvernehmen. Überhaupt muß die Toleranz und Gesittung der Südslaven, Serben und Bulgaren, ganz besonders gerühmt werden. Auch in materieller Hinsicht geht es den bulgarischen Juden nicht schlecht. Von systematischem Judenhaß und Judennot kann also nicht die Rede sein. Und trotzdem sind die bulgarischen Juden in ihrer überwiegenden Mehrheit gut jüdischnational gesinnt; ich glaube, daß diese jüdische Gruppe von kaum 40000 Seelen relativ die meisten Schekelzahler aufweist. Und es sind sehr viele gute überzeugungstreue Zionisten unter ihnen, Idealisten, die in ihrem heiligen Eifer vielleicht zuweilen etwas zu laut stürmen und drängen, was ihnen von ihren verschlafenen spaniolischen Gegnern oft genug vorgeworfen wird. Wohl ihnen, wenn sie keinen andern Vorwurf verdienen. Die Konstantinopeler Gäste haben in Varna wahre Sensation erregt. Ihie hervorragenden turnerischen Leistungen, die militärischstramme Haltung, besonders ihre hebräischen Lieder und das intensive jüdische Bewußtsein, von welchem die „Makkabisten" der türkischen Hauptstadt beseelt sind, wurden allgemein bewundert. Der Empfang, der ihnen im Hafen bereitet wurde, wobei Tausende von Menschen zugegen waren, der Marsch durch die Stadt unter Vortritt der Militärmusik, ganz besonders der Abschied am Montagabend werden jedem Zuschauer unvergeßlich bleiben. Solche Kundgebungen brüderlicher Liebe und Zugehörigkeit zu einem Volk müssen auf jeden Menschen von Gefühl einen tiefen Eindruck machen. Bulgaren und Türken mochten in dieser kleinen Gruppe ottomanischer Gäste ein Symbol erblickt haben, ein kleines Muster dessen, was sich in der neuen freien Türkei vorbereitet, was dort im Bilden und Entstehen begriffen ist. Den Juden brachte die Konstantinopeler Deputation die immense Bedeutung zum Bewußtsein, welche den türkischen Sephardim durch die Neugestaltung der Verhältnisse jetzt zukommt. Sie wissen ganz genau, daß die jüdisch-nationale Erziehung der türkischen Judenschaft eine der wichtigsten Vorbedingungen bildet für die glückliche Lösung unserer großen Aufgabe. In diesem Sinne gewinnen die großartigen Manifestationen von Varna eine überaus hohe Bedeutung. Unsere Konstantinopeler Jungmannschaft ihrerseits kann von den bulgarischen Brüdern viel Ersprießliches lernen. Es kann nicht mehr lange dauern, und sie wird sich gleich ihnen organisieren müssen, wird die jüdischen Massen in ihrem Vaterlande um sich scharen, sie zu leiten haben. Die Spaniolen erwachen. Die großartigen Ereignisse in der Türkei und der neue jüdische Geist rufen sie aus ihrem vierhundertjährigen Schlafe auf. Die Tage von Varna müssen in diesem Sinne gedeutet werden. Ein neuer hebräischer Verlag Zu Beginn dieser Woche tagte in Berlin eine geschlossene Konferenz zwecks Schaffung eines neuen hebräischen Verlags. Das Ergebnis der zweitägigen Verhandlungen, an denen sich eine Anzahl namhafter hebräischer Schriftsteller und jüdischer Finanzleute beteiligt hat, ist die erfolgte Begründung eines großen hebräischen Verlagsunternehmens als Aktiengesellschaft mit einem Grundkapital von einer halben Million Mark, wovon etwa der fünfte Teil bereits gezeichnet worden ist. Der Verlag, dessen Sitz in Berlin ist, wird der Organisation für hebräische Sprache und Kultur unterstehen. Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstalter) Die Türkei in Waffen Die Selbstbefreiung des ottomanischen Reiches durch seine Armee schreitet unaufhaltsam weiter fort. Nachdem die Autokratie durch sie gestürzt war, wurden die Versuche im Innern, die alten Zustände wieder herbeizuführen, durch ihre Wachsamkeit und Schlagfertigkeit vereitelt, die von außen drohende Kriegsgefahr durch ihre ~ feste Kampfbereitschaft abgewendet, sodann begann die Unterwerfung der unbotmäßigen Provinzen, angefangen vom Innern bis zu dem bewunderungswürdigen Erfolge in Albanien und der unerbitterlich sich vollziehenden Entwaffnung in Mazedonien. Neue Unruhen in der Osthälfte des Reiches geben der sieghaften Konstitutionsarmee nunmehr Gelegenheit, endgültige Befriedigung wieder in ein neues Gebiet zu tragen, und zwar in den Hau ran, ein Gebiet, das als Grenzland Palästinas für uns von besonderm Interesse ist. Laut einer Depesche des Gouverneurs von Damaskus an das Ministerium des Innern haben nämlich die Drusen des Sandschaks Hauran nächtlicherweile die Telegraphendrähte durchschnitten und die Dörfer mit gemischt mohammedanisch-christlicher Bevölkerung überfallen, die schlaftrunkenen Bewohner ermordet, die Ansiedelungen beraubt und darauf die Flucht ergriffen. 600 Menschenleben sollen das Opfer dieses Oberfalles geworden sein. Die Regierung hat sofort energisch einzuschreiten beschlossen und sofort 27 Bataillone, eine Maschinengewehrabteilung und Feld-