Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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ELT Hessen-Nassau veranstaltet, am 18. Juli hier stattfand und zu der etwa 2—300 Kurgäste erschienen waren. Die Leistungen der einzelnen Künstler: Max Bert och (Klavier), Danny Hirsch (Violine), A. Girdisky (Gesang), Schauspielerin Hedwig Jacoby (Rezitation), rissen zu starkem Beifaile hin, der sich nach den begeisternden Worten des Herrn L. Perlmutter, Frankfurt a. M., und dem inhaltlich und der Form nach vollendeten Referate des Herrn Rechtsanwalts Dr. Siegfried Schwarzschild, Frankfurt a. M., zu lebhaften Zustimmungskundgebungen erhob. Die Aufführung eines Dramas von A. Goldfaden bildete den Schluß des in allen Teilen wohlgelungenen Abends, der eine überaus würdige Propaganda für die zionistische Sache bedeutete. Hamburg. Aus dem Kreise der Mitglieder der zionistischen Ortsgruppe Hamburg-Altona konstituierte sich eine „Gesellschaft zur Verbreitung jüdischer Literaturwerke, e. V.", welche es sich zur Aufgabe macht, wie der angenommene Name besagt, die Kenntnis jüdischer Literaturwerke zu verbreiten. Um dieses Ziel zu erreichen, sieht das Statut außer Vortrags- und Diskussionsabenden hauptsächlich häufige Veranstaltungen von Bücherverlosungen unter den Mitgliedern der Gesellschaft vor, durch welche literarischwertvolle, wegen des hohen Anschaffungspreises jedoch weniger gekaufte jüdische Literaturwerke weitern Kreisen leichter erreichbar werden. Der Mitgliedsbeitrag wurde, um dem Verein eine große Mitgliederzahl zu sichern, auf nur 2 Mark festgesetzt. Es steht jedoch den Mitgliedern frei, ein Vielfaches des Jahresbeitrags zu zahlen, wodurch sie das Recht erwerben, an den Verlosungen des Vereins mehrfach teilzunehmen. In den Vorstand wurden die Herren Dr. A. Ch wolles, Rechtsanwalt Bernhard David, Dr. Willy Jacobsohn und Leopold Landau gewählt, von denen der letztere auswärtige Beitrittserklärungen entgegennimmt, als auch bereit ist, interessierten Ortsgruppen zum Zwecke ähnlicher Gründungen nähere Mitteilungen über die Organisation des Vereins zu machen. Holland Haag. Am Sonntag, den 7. August, veranstaltete die Haager Ortsgruppe des Niederländischen Zionistenbundes eine öffentliche Versammlung in einem Saale des Kurhauses in Scheveningen, der von der Badedirektion in bereitwilliger Weise zur Verfügung gestellt worden war. Der Redner des Tages war Dr. Alfred Klee, Rechtsanwalt in Berlin. Der Redner fing seinen nach Form und Inhalt gleich schönen Vortrag mit einer Erinnerung an Th. Herzl an und gab dann an Hand des Baseler Programms eine klare Auseinandersetzung der Bedeutung und der Ziele des Zionismus. Besonders betonte er, daß die Bewegung, wie sehr sie auch zur Realisierung ihrer Ziele praktische Mittel braucht, vor allem die Renaissance des Judentums, die Rückkehr des jüdischen Volkes zu seinen nationalen Gütern und zur Selbstachtung anstrebe. Redner gab eine kurze, doch systematische Obersicht der verschiedenen Einwände vom politischen und religiösen Gesichtspunkte, und widerlegte diese Bedenken in überzeugender Weise. In einem glänzenden Schlußappell erbat der Redner die Mitarbeit aller jüdischen Kreise zur Befreiung des jüdischen Volkes aus seinem Elend. Eine Frage aus dem Auditorium gab dem Redner zuletzt noch Gelegenheit, dem politischen Teil der zionistischen Bestrebungen einige Worte zu widmen. Die Versammlung lohnte die glänzenden Ausführungen mit reichem Beifall. Brief aus Amerika Die Tausendmaltausend -Judenstadt m New York kann ihren jüdischen Charakter nicht verleugnen. Überall blitzen einem die Quadratzeichen der hebräischen Sprache in den schreiendsten Reklametonfarben in die Augen. Bald ist es ein unübertreffliches Bartpulver, das den üppigsten Haarwuchs totsicher herbeiführt, und von „jedem Juden" unbedingt gekauft werden muß; bald ein „Reverend", der seine operative Kunst für den Bund Abrahams anpreist. Chasonim, Blinzes, Heringe, Aktien, Panamahüte, Rabbonim, gefüllte Fische, Picknicks, Meetings, Trusts und noch andere schöne Dinge hüllen sich in die Flammenzeichen der Quadratschrift, um in der Stadt der Millionen Juden nicht übersehen, und vom Lärm der Gasse nicht übertönt zu werden. Diese Million ist ein Faktor im öffentlichen Leben, der von niemandem übersehen oder unterschätzt werden kann. Eine Million, — das fällt schwer in die Wagschale, und ist diese Million sich erst ihrer Kraft bewußt, so wird sie sich nicht damit begnügen, daß die führenden Männer des öffentlichen Lebens, die auf dem Rücken der Menge emporklimmen, sie mit Scholaum alechem begrüßen und was dergleichen wohlfeile Popularitätshascherei mehr ist. Sie wird sich die ihr zukommende Vertretung, den ihr gebührenden Platz an der Sonne erzwingen. Der Kampf der Zukunft organisiert aber jetzt seine Miliz unter dem Volke. Die „Elite" des Volkes hat sich zu Vereinen und Verbänden organisiert, die verdienen, auch jenseits des großen Wassers bekannt zu werden. Da ist vor allem der Verband der galizisch-bukowinischen Juden. Er umfaßt in seinen 390 Vereinen eine Mitgliederzahl von 75000 Juden. Wie eine feste Mauer stehen sie unter der Leitung des organisatorisch hervorragend begabten Mr. Seml, der als erster den Mut gehabt hat. den engen Rahmen, den sich der Verband in der Übung lokaler Wohltätigkeit durch Bau von Spitälern, Kindergärten, Talmudthoraschulen usw. gesetzt hat, zu sprengen, und die Tätigkeit des Verbandes ohne Vorbehalt auf die Basis des Basier Programms zu stellen: „Unsere Plattform ist eine begrenzte, unser letztes Ziel aber die Realisierung des ewigen Traumes des jüdischen Volkes, die Schaffung der gesicherten Heinstätte im Lande der Väter". Und als der Mahnruf des andern zionistischen Zukunftskämpfers, Dr. Magnes, — der der assimilatorisch-reformistischen Riesenschlange in ihrer eigenen Höhle den Todesstreich versetzte, — der Ruf nach Sammlung der gesamten New Yorker Judenheit ertönte, und die Gründung der Kehilla bewirkte, standen die organisierten Juden aus Galizien und der .Bukowina wie ein Mann hinter dem kühnen Wecker. Mit noch festeren Klammern hält der Geist Mr. Baron des, die Glieder des „Order Bnai Zion" zusammen. Aus kleinen Anfängen heraus, hat es dieser „Orden" im Verlauf von kaum zwei Jahren bis zu 2500 Mitgliedern gebracht und die Zahl der Mitglieder ist noch im Steigen begriffen. Den Ordensmitgliedern ist der Zionismus die Synthese des Praktischen mit dem Ideale. Der „Order" umfaßt seine Mitglieder als Bruderschaft, versichert sie gegen Unfall und Ableben, und beschützt jedes Einzelglied durch die vereinte Kraft der Massenorganisation. Sein Vermögen, trotzdem es durch einige ausgezahlte Lebensversicherungspolizen angegriffen wurde, zählt jetzt 28000 Mark. Jedes Mitglied erhält vom Verein die Schekelquittung. Wenn die Energie der Leitung, die in bewährten Händen ruht— ich nenne nur Dr. Magnes, Dr. Blues ton und den schon erwähnten Mr. Barondes — nicht nachläßt, und sich wie in den Anfängen dieser Organisation nach allen Seiten der Vereinigten Staaten erstreckt, so wird hier ein fester Block jüdjsch-nationalen Lebens erstehen. Denn in Amerika liegen Unsummen jüdisch-nationaler Energie aufgespeichert. Der Memorialtag — ein Tag des Gedenkens für die gefallenen Helden der amerikanischen Freiheitskämpfe — brachte den Juden eine Überraschung. Die „American Hebrew Brigade", Soldaten jüdisch-nationaler Gesinnung, 200 an der Zahl, marschirten unter Waffen in vollem Wichs hinter dem jüdisch-nationalen Banner. Sie waren Gegenstand stürmischer Sympathiekundgebungen allerorts und haben den zionistischen Gedanken um ein erhebliches gefördert. Neben der praktischen Werbearbeit für den Zionismus bereiten die Pioniere der jüdisch-nationalen Kulturbewegung den Weg nach Zion vor, Die „Mefize Sfath Ewer" erzielen mit Hilfe ihres Sekretärs Mr. Bloch, der auch für den Verein „Achiewer" (mit der Tendenz die hebräische Literatur zu fördern) sein bestes leistet, großartige Erfolge. Sie haben Kindergärten, Mädchenschulen, Sonntagskurse usw. eingerichtet, in denen ausschließlich hebräisch gesprochen wird. Eine Anthologie amerikanisch-hebräischer Poesie unter dem Titel „S'nunith" (Schwalbe) befindet sich in Vorbereitung, und auch zur Förderung palästinensischer Literatur wird manches unternommen. Das Komitee für den hebräischen Kongreß arbeitet intensiv; durch Meetings, die Presse und wirksame Reklame wird diese Veranstaltung der hebräisehen Renaissancebewegung angekündigt. Nur der Bezalel wird recht stiefmütterlich behandelt, und eine großzügige Propaganda in den Vereinigten Staaten täte dieser ausgezeichneten Institution sehr not. Berichte ich noch von der Popularität der misrachistischen Idee bei den amerikanischen Juden, die in den Tiefen ihres Seelenlebens religiös gestimmt sind, und von der reorganisatorischen Arbeit des Herrn Kaufmann vom N. F.-Hauptbureau, dann bliebe als letzte Attraktion nur eine echt amerikanische Prachtblüte assimilatorischen Geistes zu demonstrieren: Reverend Stephan Wise, geboren in Ungarn und Judentumsreligionsverbesserer in der. 2. Avenue. Er träumt noch immer den krankhaften Traum der „Amalgamierung", und predigt seine Ideologie jeden Sonntag vor ausverkauftem Hause. Seine neue Gemeinde soll durch einige Renomiergojim einen besondern Glanz bekommen haben. Sein Zukunftsjudentum und die Gegenwartstempelei abstrahiert vom gesamten Inhalt der jüdischen Geschichte, und will ein funkelnagelneues amerikanisch-sonntäglichkirchliches Judentum schaffen. Hat das Bezalelmuseum Raum, so wird man hoffentlich das letzte Exemplar dieser auf dem Aussterbeetat befindlichen Reform rabbinerspezies recht bald vor den Wagen Montefiores spannen können. Nur habe ich Angst, daß man zur Konservierung viel Spiritus brauchen wird Zioni.