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Die Welt · 1910-08-19 · 33 (19.8.1910) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 10)
Language
German
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802 DIE^ELT No. 33 £ Denkmäler, denen man in Prag auf Schritt und Tritt begegnet, ist nicht allzu groß; die grauen Steine, die einst Zeugen größerer Tage waren, verwittern und zerfallen, ohne daß schützende Hände sie vor der gänzlichen Vernichtung behüten. Nicht als ob es den Freunden dieser Stadt an historischem Sinne fehlte; die Tschechen haben ein sehr lebendiges historisches Bewußtsein, aber, dieser Sinn ist politisch gefärbt und liebt den Schatten der Vergangenheit nur, soweit diese Vergangenheit tschechisch war. So kommt es, daß nicht nur die Schätze der deutschen, sondern auch die der jüdischen Kultur mit wenig Pietät behandelt werden. Erst dieser Tage wurde im Stadtrat der Antrag gestellt, den weltberühmten alten Prager Judenfriedhof, der zu den melancholisch-schönsten Altertümern dieser Stadt gehört, zu kassieren, ein Begehren, das in keiner andern Stadt Europas möglich wäre! Angesichts dieses antihistorischen Radikalismus der Prager -Stadtväter ist es doppelt begrüßenswert, daß der Verein, zur Erhaltung der jüdischen Altertümer in Böhmen in aller Stille ein Werk geschaffen hat, das bestimmt ist, die vielen Reliquien und Antiquitäten aus der Geschichte der Prager Juden zu sammeln und vor dem Verfall zu retten: es ist dies das jüdischeMuseum in Prag, das erste jüdische Museum überhaupt. Daß dieses Institut gerade in der böhmischen Hauptstadt gegründet wurde, ist kein Zufall, denn Prag ist eine der wenigen Städte des Kontinents, in welchen seit dem frühen Mittelalter eine große Judengemeinde bestanden und sich in lebendiger Entwicklung bis auf unsere Tage erhalten hat. Bis vor wenigen Jahren noch bestand die alte Judenstadt in ihrem ganzen Umfang. Die krummen, engen Gassen des ehemaligen Ghettos waren im Laufe der Zeiten freilich sanitätswidrig geworden, so daß dieses Gebiet assaniert werden mußte. Die wertvollsten Objekte des Stadtteils, die Altneusynagoge, das schöne, im Barockstil gehaltene jüdische Rathaus und der alte Judenfriedhof sind indes erhalten gelieben. Nur haben leider die Prager Architekten nichts dazu getan, diese interessanten Bauten zur Geltung zu bringen. Sie stecken inmitten charakterloser Zinshäuser, von allen Seiten eingeengt und bedrückt. Zu diesen Überbleibseln der jüdischen Geschichte Prags gesellt sich nun das neue Museum, das vorläufig in den Räumen eines Privathauses in der Benediktgasse untergebracht ist. Es ist nicht groß, dieses jüdische Museum, und enthält nur einen Bruchteil alles dessen, was der Erhaltung wert gewesen wäre, aber immerhin bietet es für Forscher und Laien sehr viel Interessantes und Sehenswertes. Einzelne Gegenstände reichen bis an das Ende des 16. Jahrhunderts zurück; sie entrollen die eigenartige und wechselvolle Geschichte des Prager Ghettos, die mühevolle Entwicklung der Juden aus der Enge des Ghettos zur bürgerlichen Freiheit. Mit besonderer Sorgfalt wird hier eine Urkunde Kaiser Josephs II. aufbewahrt, die mit den strengen Ausnahmegesetzen brach und dem Michl Jeiteles die Errichtung einer Apotheke gestattete; es war dies wohl das erste Apothekerprivileg eines Juden in Österreich. Die Druckschriften und Schriftdenkmäler, unter denen sich viele interessante Flugschriften befinden, würden eine genaue Durchsicht lohnen. . . Mein Auge fällt da zum Beispiel auf eine Sammlung deutscher Psalmen aus dem Jahre 1757, die in der „Alt-Neuschul" gebetet wurden, als Friedrich der Große Prag bedrohte. Sehr reich ist das Museum an Kunstschätzen, denn es vereinigt nicht nur die alten Tempelgeräte aus den aufgelassenen Synagogen des Ghettos, sondern auch viele * wertvolle Objekte, die bisher in Privatbesitz sich befanden. Wundervoll dekorativ wirken die Paramente, von denen einzelne mehr als zweihundertfünfzig Jahre alt sind. Es sind Meisterwerke der Goldstickkunst, wie die schön gearbeiteten Schabbes-Lampen und -Leuchter beachtenswerteStücke der Goldschmiedekunst darstellen. Historisch interessant ist die Riesenfahne der ehemaligen jüdischen Fleischerzunft, ein Koloß von einer Standarte, die von zwölf Männern getragen werden mußte und bei der Verteidigung der Prager Altstadt gegen die Schweden manche Wunde erhielt. Die Fahne zeigt auf der einen Seite den böhmischen Löwen, auf der andern das Prager Stadtwappen. Auch das Zunftzeichen der Fleischer ist sehenswert: ein großer hohler Zinnschlüssel mit Inschriften, der als Futteral für die silbernen Schlüssel zu den Toren der Judenstadt diente. Dieses Stück stammt aus dem Jahre 1620. Auf die alten jüdischen vornehmen Geschlechter weisen ein Aufsatz der Bundeslade aus der Joachim Edler v. Popper-Synagoge, der mit dem Wappen dieser Familie geschmückt ist, sowie die zahlreichen Porträts jüdischer Notabein, die die Wände des Museums schmücken. Italienische Arbeit sind einige künstlerisch ausgeführte Geb et rollen, die das Datum 1680 tragen. Auch eine Reihe prächtiger Estherrollen (Megilloth) ist hier zu sehen,. u. a. auch ein auf Papierstreifen angefertigtes, mit Holzdruck geschmücktes Exemplar, das schon wegen seiner originalen, von aller Tradition abweichenden Form Interesse verdient. Einen ganz eigenen Reiz üben die in, einer Vitrine verschlossenen stilvollen Gold- und Silbergeräte. Da sieht man Kidduschbecher in den verschiedensten Formen, Sammelbüchsen, Teller, Kannen, Becken, Thoradeuter, einen schweren silbernen Habdalahleuchter aus dem Besitz der ehemaligen „Zigeiner"- Synagoge und Gewürzbüchsen in den anmutigsten Formen. Unsere modernen Kunstgewerbler würden hier zweifellos manche Anregung empfangen. . . Auch schöne alte Geldstücke und Ringe findet man unter den Museumsobjekten; ein Goldring mit Onyxstein, offenbar italienische Arbeit, trägt die Inschrift „lehadlik ner schel schabos". So reich dieses Museum auch heute schon ist, so bildet es doch erst den Ansatz zu einer vollständigen Sammlung der Präger jüdischen Altertümer. Es wäre nur zu wünschen, daß es dem Museum gelänge, auch die in den andern Prager Sammlungen und im Privatbesitz verstreuten Antiquitäten aus dem Prager Ghetto an sich zu bringen. *) Wir entnehmen dieses Feuilleton mit liebenswürdiger Genehmigung des Autors der „Frankfurter Ztg." vom 21. Juli. Herr Tschuppik hatte sein Feuilleton „Das erste jüdische Museum'' betitelt. Dies ist ein Irrtum. Jüdische Museen, resp. Sammlungen jüdischer Kunstgegenstände, Drucke und Tempelgerätschafteü befinden sich in zahlreichen Städten Österreichs, Deutschlands, Ruß lands und der Schweiz. — 1 ° o o o 0 o öl) cc : _ o vr— o o o 0 o OJP AUS DER BEWEGUNG i o o O 0 o o o I o o o o o o o i) Österreich Brody. Sonntag, den 7. August fand in der hiesigen Synagoge eine Seelenandacht für den. verstorbenen Reichsratsabgeordneten Dr. Gabel statt. Die Trauerrede hielt der Präsident des „Tikwath- Zion", Herr Paul Braff. Er schilderte das Wirken des Verstorbenen und legte in tief empfundenen Worten dar, welchen unersetzlichen Verlust das jüdische Volk durch den Heimgang eines so hervorragenden Mannes erlitten hat. Er wies ferner darauf hin, daß die Thamustage schon oftmals für uns verhängnisvoll geworden sind, so auch jetzt. Die Rede machte auf die sehr zahlreich Erschienenen einen tiefen Eindruck. Zum Schluß intonierte der Kantor das „El mole rachmim". Es wurden Spenden für das Gabel-Stipendium gesammelt. Przemysl. (Jüd. akad. Verbindung „Agudath Herzl".) Die Chargenwahlen für das Wintersemester (XIII.) 1910/11 ergaben folgendes Resultat: J. U. C. Leon DuldigX, J. U. C. Josef Rosen feld XX, J. U. C. Natan Halpern XXX. Im verflossenen Semester

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