Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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No. 33 . ' - '-- DIEl^ELT 801 schmückungen, die sie aus der reichen Volksphantasie schöpft, aus. Zuweilen bemüht sich die Agada, dunkle Begebenheiten aufzuklären, ihre geheimen Ursachen aufzudecken; desgleichen strebt sie danach, die verborgenen Seelenregungen vieler Volkshelden zu beleuchten und Erklärungen für diese oder jene ihrer Taten zu finden. II. Der zentrale Heros der jüdischen Agada ist der „Heilige, gebenedeit sei er" n"npn. Er ist die Quelle ihrer Lebenssäfte und ihrer Schaffenskraft. Der „Heilige" der Agada ist nicht der Qott der heiligen Schrift. Er unterscheidet sich von demselben durch sein Verhältnis zur Welt und durch seine Beziehungen zu den Menschen. Der Qott der Bibel ist erhaben und gewaltig; er thront in seinen Himmeln und leitet die Welt mit unendlicher Macht. Er waltet über Leben und Tod, schafft und zerstört aus keinem andern Grunde als dem, daß dies sein Wille ist. Der Wille Qottes ist die Quelle alles Daseins, alles Rechtes, aller moralischen Normen und iller Weltordnung. Wohl finden wir, daß die Grundlagen dieser Weltordnung die Prinzipien der Sittlichkeit und ler Gerechtigkeit sind, ohne die die Welt nicht bestehen könnte; jedoch nicht darum, weil diese Prinzipien einen ibsoluten Wert an und für sich hätten, vielmehr deswegen, weil sie Normen des göttlichen Willens sind, die ler menschliche Verstand nicht zu fassen vermag. Der \\ensch ist nur dazu geschaffen, Gott zu dienen, sich ihm nit allen Sinnen und Regungen hinzugeben. Zwischen •iem Schöpfer und seinem Geschöpfe gibt es keine Beührungspunkte. Das Geschöpf ist vor seinem Schöpfer ichts als Staub und Asche, und seine Bestimmung auf irden besteht lediglich darin, die Gebote seines Meisters u befolgen, deren Sinne zu ergründen ihm nicht gegeben st. Der Schöpfer rechnet nicht mit den Gefühlen und Wünschen seines Geschöpfes und nimmt keinen Anteil n den Wechselfällen seines Geschickes. Er hat eine Ordnung und ein Gesetz für alles Seiende bestimmt, und Uesen ist alles mit eiserner Notwendigkeit unterworfen. Er bestraft die „Bösen", die seine Gebote nicht achten, und belohnt die „Gerechten", die seinen Vorschriften folgen. Jedoch sowohl der Böse als auch der Gerechte sind für ihn nichts als Objekte der Strafe oder der Belohnung, nicht aber lebendige Wesen mit allen Schwächen and Mängeln, die den gebrechlichen Sterblichen eigen sind. Der Heilige der Agada ist menschlicher, er steht dem Treiben und dem Schicksale der Menschenkinder näher. Die Agada hat das starre Eis, das den Gott der Bibel umgibt, geschmolzen und den Ewigen in nähere Beziehungen zu den Leiden und Freuden der menschlichen Wesen gestellt. Der agadistische Gott besitzt Lebens wärme und Empfindung; sein Verhältnis zu den sterblichen Menschenkindern ist sanfter und milder und entbehrt der Mitempfindung nicht. Im Gegensatz zur Rechtsnorm mn ms des biblischen Gottes hebt die Agada das Prinzip der Mitleidsnorm cramn mD des barmherzigen Vaters hervor, der seine Kinder nicht zu •ieben aufhört, auch wenn sie gegen ihn gesündigt haben. Ja, es scheint, als ob Gott seinen Olymp verlassen hätte und fast Mensch geworden wäre, — und darin besteht seine Größe und seine Heiligkeit. Mit den Patriarchen, mit Moses und den Propheten unterhält er sich auf einfach menschliche Weise, streitet und rechtet mit ihnen, und zürnt ihnen nicht, wenn sie seine Handlungen einer scharfen Kritik unterziehen. Er ist die Quelle der Liebe und nimmt Anteil an dem Wohl und Wehe seiner Geschöpfe. Wir finden in ihm alle menschlichen Gefühlsäußerungen: er lächelt und freut sich, er trauert und weint. Die Welt der Geschaffenen ist für ihn kein bloßes Objekt der Herrschaft, vielmehr tritt er zu ihr in nahe seelische Beziehungen, — ein Element, dessen der biblische Gott entbehrt. III. Die Agada als besondere literarische Form hat sich ihre eigenen Wege und Mittel geschaffen. Eines dieser Mittel, dessen sie sich häufig bedient, ist die Parabel. Daß die Parabel schon in der biblischen Epoche der jüdischen Literatur in Gebrauch war, dafür liefert uns ein Beispiel die schöne und sinnreiche Parabel des Jotam ben Jerubaal, wie auch die vortreffliche Parabel des Propheten Nathan. Auch bei den großen Propheten finden wir häufig Spuren der Parabel. Ihre höchste Entwicklung jedoch hat erst die Parabel in der Agada erreicht. Das elastische Element der Parabel hat sich ausgezeichnet allen Launen der Agada angepaßt und ist ihre beständige Begleiterin. Die Agada nimmt keinen Anstoß an dem Stoffe, woraus sie ihre Gleichnisse bildet. Sie entlehnt denselben aus dem Treiben der Marktleute, aus den Bauernhütten und aus Palästen der Fürsten und Könige. Und jedes so gebildete Gleichnis erfüllt seine Aufgabe vorzüglich: es beleuchtet das behandelte Thema und macht dasselbe gemeinverständlich. Die Parabel besitzt einen besondern poetischen Reiz, und sie enthält immer einen tiefen ethischen Gedanken, der den Menschen über die Weltordnung aufklärt und ihm ihre scheinbaren Gegensätze schlichtet. Sie offenbart ein tiefes und kluges Verständnis des Lebens, der menschlichen Natur und der menschlichen Handlungen. Ich kenne kein anderes Gebiet unserer alten Literatur, das einen so klaren und umfassenden Sinn für die seelischen Motive der menschlichen Handlungen aufzuweisen hätte, wie das Gebiet der agadistischen Parabel. Dabei dient uns die Parabel als reiches Material, woraus wir das häusliche und gesellschaftliche Leben des Volkes kennen lernen können. Besonders liebt es die Agada, ihre Gleichnisse aus dem Familienleben zu entlehnen. Das Verhältnis der Familienmitglieder zu einander, vorzüglich aber das Verhältnis des Vaters zu seinen Kindern, und umgekehrt, waren für die Agada eine unerschöpfliche Quelle, daraus sie ihre Parabeln bildete. Das väterliche Verhältnis Gottes seinem Volke gegenüber wird von der Agada auf vortreffliche Weise durch mannigfache Beispiele aus dem intimen Leben der menschlichen Familie dem Verständins nahe gerückt und erläutert. (Schluß folgt.) Das jüdische Museum in Prag Von Karl Tschuppik, Prag Zu den vielen Widersprüchen, welche die böhmische Hauptstadt in sich vereinigt, gehört auch der, daß Prag eine recht lebendige, zugleich aber auch eine tote Stadt ist. Von dem alten Prag mit seinen großen Schätzen einer reichen Vergangenheit führt nur die berühmte steinerne Brücke Karls IV. zu dem Prag von heute; keine lebendige Brücke verbindet hier Gegenwart und Vergangenheit, und das Alte fristet, wenig beachtet und gehütet, das Dasein einer ehrwürdigen Rumpelkammer. Die Sorge um die historischen