Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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■m hM 800 DIE33[ELT No. 33 Universitäten, Handels- und technischen Hochschulen, und bei den Gymnasien und Ober-Realschulen, bei den Medizinern und Rechtsanwälten, Richtern, Agenten, Schriftstellern und Künstlern Deutschlands einsetzen. Listen dieser Berufe sind in den einzelnen Plätzen gewissenhaft zu prüfen und in folgender Weise mit Zeichen zu versehen: 1. Bei dem Namen aller derer, die jüdischer Rasse und Abstammung sind: f. 2. bei denen, die außerdem noch getauft sein sollen: ff. 3. bei den Halb-Juden, wo der eine Elternteil jüdisch war: 0 Die wichtigsten Abteilungen sind 1 und 3. Die Frage nach der Taufe soll zwar in der Übersicht gestellt, aber doch nur als nebensächlich behandelt werden. Gewisse Ungenauigkeiten lassen sich bei diesem ersten Versuch natürlich nicht vermeiden. So kann auch kein Stichtag für die Zählung, sondern können nur Stichjahre angegeben werden. Als solches gilt 1909 und 1910. Zu der Auskunft über die einzelnen Berufe ist folgendes zu merken : a) Für die Hochschulen, einschließlich der Beamten der Universitätsbibliothek gelten die Vorlesungsverzeichnisse dieses Jahres, wo die Lehrkräfte meist zu Anfang namentlich aufgeführt sind. Diese Vorlesungsverzeichnisse sind in der angegebenen Weise durchzusehen, zu bezeichnen und der Sammelstelle einzusenden. Falls jemand nicht über alle, sondern nur über eine Fakultät Auskunft-zu geben vermag, ist er dringend gebeten, dies doch ja zu tun. b) Für die höhern Schulen macht Kunzes bekannter Kalender 1909 eine Statistik nach dem Glauben schon möglich. Es sind aber zweifellos, wenn man auch nur flüchtig die Namen durchgeht, neben den wenigen ungetauften noch eine Menge getaufter Juden im Oberlehrerberuf tätig. — Es wird am einfachsten sein, wenn verehrliche Mitarbeiter der Sammelstelle folgendes mitteilen: Z. B. An dem Gymnasium .... sind .30 Lehrkräfte, darunter 1 f nämlich Herr N. N. (immer mit ausführlichem Vor- und Zunamen!) 4 ff „ die Herren A. B. C. D. 1 0 „ Herr E. c) Für Rechtsanwälte, Mediziner und die Gerichte gelten die Listen in den Adreßbüchern der betreffenden Plätze. Auch das Adreßbuch von 1909 oder 1908 ist in diesem Falle verwendbar. Die Listen, aus dem Adreßbuch getrennt, sind in der angegebenen Weise durchzuarbeiten und der Sammelstelle einzusenden. Falls die Sendung schwierig und die schriftliche Arbeit nicht zu groß ist, wird der Sammelstelle nur schriftlich, wie folgt, mitgeteilt: z. B-' „In .... 25 Ärzte, darunter 3 f, nämlich die Herren F. G. H., und 10 ff, nämlich die Herren I. usw." Auch kleinere Mitarbeit ist willkommen, in der Weise: „Ich weiß, daß von den 80 Rechtsanwälten in B. folgende 30, nämlich die Herren K. usw. . . . f sind 10, „ „ „ L. „ . . . ff » n > »» » » » 0 „ oder: „Unser Arzt C in Z. ist ff". d) Für die Schriftsteller gilt Kürschners Literatur-Kalender, am besten 1910. Es findet sich dort Seiten 1927—1970 ein Verzeichnis der Schriftsteller Deutschlands, nach Städten geordnet. Es werden sich nun hoffentlich in jeder größern Stadt Mitarbeiter finden, die die Liste ihres Platzes durch Nachfragen oder eignen Augenschein in der von der Sammelstelle gewünschten Weise zu prüfen vermögen. Die Zeichen müssen im Kürschner vorsichtig angebracht werden, da der Druck klein ist. Die betreffende durchgesehene Seite des Kürschner wird, aus dem Buch getrennt, der Sammelstelle eingeschickt. e) Für die bildenden Künstler, d. h. Maler und Bildhauer, kommen vorerst nur die großen Kunststädte mit den Kunstakademien, Kunstschulen und unabhängigen Künstlern in Betracht, Berlin, Dresden, Leipzig, München, Weimar, Düsseldorf, Stuttgart, Karlsruhe, Hamburg, Frankfurt, Kassel. Die Arbeitsweise ist dieselbe wie bei den Rechtsanwälten und Medizinern. Auch Zusammenstellungen und Übersichten auf anderm Gebiete, in der Verwaltung, z. B. in den Regierungspräsidien und den städtischen Behörden, werden schon jetzt dankend, ebenso wie jede Anregung und jeder Vorschlag entgegengenommen." Wir würden uns freuen, wenn diese minutiös vorgeschriebene Denunziantenarbeit „deutscher Männer und Frauen, deren Name ehrenwörtlich geheim bleibt", recht viel Material liefern würde. Wir könnten danach beurteilen, wie viel jüdischer Kraft und Energie dem Judentum verloren geht und andern Völkern zugute kommt. (F- Olf □□□□□□ o yy FEUILLETON □ □□□□□ =s\ o I] o V o J STREIFZÜGE DURCH DIE AGADA Von Dr. J. L. Boruch, Wilna Eine Wunderwelt ist die jüdische Agada, und sie besitzt alle Eigenschaften, die den Sagen und Märchen aller Völker und Länder gemein sind, denn auch in ihr ist alles von Leben beseelt, und alle leblosen Dinge in ihr sprechen und denken gleich den Menschenkindern. Doch unterscheidet sie sich wesentlich von den Sagen aller andern Völker dadurch, daß jene ursprünglich mythologisch sind, während sie hauptsächlich ethisch ist. Alle Völker prägten in ihren Sagen ihre Weltanschauung aus und stellten in ihnen gewisse Naturerscheinungen, wieSonnenauf- und -Untergang, Gewitter, Jahreswechsel usw. dar. Diese Sagen sind ein Erzeugnis der primitiven, urwüchsigen Einbildungskraft, die, noch ungezähmt von der Kultur, ihre Gebilde frei und schrankenlos schafft.. Das Gegenteil davon finden wir in der jüdischen Agada. Sie ist keine vorschriftliche Schöpfung, vielmehr erschien sie erst nach Abschluß der Schrift. Sie ist kein Erzeugnis der schrankenlosen Phantasie, die blind in der Erscheinungswelt herumtappt, vielmehr ist sie das Greisenalterskind eines Volkes, das schon eine vollständig geschlossene und nach jeder Richtung hin ausgeprägte Weltanschauung wie auch eine inhaltsreiche historische Vergangenheit und eine ausgedehnte, großartige Literatur besitzt. Sie ist der Nachwuchs, der aus dem Samen der Vergangenheit hergewachsen ist, das Nachzittern der jüdischen Schaffenskraft, die Widerspiegelung des uralten Lichtes, das aus der Seele des Volkes hervorflutete, als sein geistiges Können seine höchste Stufe erreicht hatte. Die jüdische Agada gleicht .dem nächtlichen Weltbilde unter dem zauberischen Scheine des Mondes. Nachdem tagsüber das grelle Licht der Sonne die Welt bloßgestellt und sie in ihrer wahren Gestalt gezeigt hat, erhält alles unter dem magischen Lichte des Mondes ein dämmerhaft-unbestimmtes und geheimnisvolles Aussehen. Derselbe Berg, Garten oder Turm, der sich uns beim hellen Tageslichte so deutlich in allen seinen Einzelheiten dargestellt hat, erscheint uns jetzt so phantastisch, so märchenhaft. So auch die Agada. Sie behandelt dieselben Erzählungen, die in der Bibel mit jener erhabenen Einfachheit, mit jener ewigen Wahrheit dargestellt sind, auf phantastische Weise mit jener poetishen Übertreibung und in jenen zauberischen Mondscheinfarben, die jeder Sage überhaupt zu Gebote stehen. Sie umstrahlt die Heroen des Volkes, seine Urväter, seine Propheten, Könige und Heiligen mit ihrem Zauberlichte und stattet ihr Bild mit allen Reizen und Aus-