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Die Welt · 1910-08-19 · 33 (19.8.1910) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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man keine Maus hinter sich hat und nur vor den andern Parteien schönzutun braucht." Herr Daszynski hat uns fürwahr aus der Seele gesprochen. Nun setzt er fort: „Und wenn die Handvoll Schreiber, denen die Spalten gewisser reichsdeutscher Parteiblätter offen stehen, uns mit dem strengen Gericht der Internationale über unser angebliches Ketzertum zu drohen den traurigen Mut hat, so antworten wir: Wir sind international, aber wir wollen ein freies geeinigtes Polen haben für die polnische Arbeiterschaft." „Die gehören unserer Meinung nach zur Internationale, die in ihrem Volke das Heer für die Internationale organisieren (Sperrdruck von Daszynski), aber nicht die paar Dissidenten, die andern Leuten nach dem Munde reden und in ihrem Volke alle Kampfstellungen verlassen haben." Herr Daszynski ist erbarmungslos. Er zielte vorzüglich; ob in Deutschland seine Pfeile jemanden getroffen, wissen wir nicht, aber in Krakau und Lemberg gibt es viele polnisch-sozialistische Assimilanten, nach denen die spitzen Wurfgeschosse ihres Meisters zielen. Die jüdische Arbeiterschaft und das jüdische Volk verfolgen mit gebührender Achtung den Kampf der polnischen Demokratie. Aber sie lehnen es ab, in diesem Ringen ihre geschichtliche Aufgabe und ihr Ideal zu erblicken. Was taten nun die nächsten Mitarbeiter Daszynskis jüdischer Nationalität (wohlgemerkt, die polnische Sozialdemokratie Galiziens hat die jüdische Nationalität .,anerkannt")? Sie verließen alle Kampfstellungen im jüdischen Volke und dienen fremden Idealen. Dieses Tun hat nunmehr ignaz Daszynski in einer Stunde der Erleuchtung entsprechend bewertet. Wie muß Herrn Dr. Diamant zu Mute gewesen sein vIch bin der einzige Pole im Budgetausschuß!" rief er in einer der ttzten Sitzungen, als der Polenklub die Rettung Bienerths nicht nitmachen wollte), als er die treffenden Worte seines Obmanns gelesen hat! Von den Wiener deutsch=nationalen Studenten. Auf Beleihen des „HeiiTeforschers" Bartels ist in Deutschland eine Aktion organisiert worden, die es verhindern soll, daß Heinrich Heine in I am bürg ein Denkmal erhält. Durch einen Petitionssturm mittels vorgedruckter Resolutionen soll auf den Hamburger Senat eingewirkt werden, die geplante Ehrung des Dichters zu unterlassen. Diese Orgie der Geschmacklosigkeit greift nun auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Einige alldeutsche Verbindungen in Wien und in Graz dürsten gleichfalls nach dem Ruhm, dem toten Löwen einen Fußtritt zu geben. Das gehört somit zum Heldensinn der Waidhofener. Brüder. Sie sind darin wenigstens konsequent und bekämpfen die Juden, gleichgültig, ob es tote oder kranke sind. (Den gesunden gehen sie hübsch vorsichtig aus dem Wege oder überfallen sie hinterrücks.) Besonders eifrig sind in dieser Art der Aufzeigung akademischen Bürgersinns die Wien er Ho-chschüler. Nachdem ihr Versuch, die von jüdischem Gelde erhaltene Mensa icademica in Wien „judenrein" zu machen, mißglückt ist, betätigen die Deutschnationalen ihre edle Gesinnung vornehmlich im Akad. Kranken-Unterstützungsverei n. Nachdem sie durch die Einschreibegebühr von 30 Kronen für Ausländer den russischen Juden — die zahlreichste Schicht der ausländischen Studentenschaft — den Zutritt zum Kranken verein nahezu unmöglich gemacht haben, scheinen sie die Absicht zu hegen, den jüdischen Studenten überhaupt die Mitgliedschaft zu verekeln. Es mehren sich die Klagen iber die Zurücksetzung der jüdischen Mitglieder. In den Kreisen der jüdischen Studenten Wiens gilt es sogar als feststehend, daß das Unterstützungsgesuch eines Juden die geringsten Aussichten hat, berücksichtigt zu werden. Die Bevorzugung deutsch-nationaler Mitglieder wird in aller Offenheit geübt. Es fragt sich angesichts dieses Mißbrauchs der administrativen Vollmachten durch den deutsch-nationalen Ausschuß eines akademischen Krankenunterstützungsvereins, ob die jüdische Studentenschaft nicht Mittel und Wege finden kann, um dem Übermut dieser Klique Schranken zu setzen. Bock und Igaz. Unsere Leser besinnen sich noch wahrscheinlich des Falls Bock, den wir vor mehreren Wochen besprochen haben. Wir bezeichneten damals die Verurteilung Bocks zu einer harten Kerkerstrafe als eine Ungeheuerlichkeit und mittelalterliche Justiz. Zugleich kennzeichneten wir die Haltung der „Arbeiterzeitung", die in schöner Übereinstimmung mit den Klerikalen und Christlichsozialen über den „allerreaktionärsten Fanatismus", die „Taktlosigkeit", „Manierlosigkeit" und „Arroganz" Bocks schimpfte. All das bedeutet nach der „Arb.-Ztg." die Weigerung eines Juden, vor christlichem Glaubenssymbol den Hut zu ziehen. Nun will der Zufall, daß in Wien dieser Tage genau derselbe Fall den Erkenntnissenat beschäftigte. Diesmal handelt es sich um einen gläubigen Christen, den ungarischen Landarbeiter Anton Igaz. Er lenkte einen Wagen in der Ortschaft Aach au, als ihm gerade eine Prozession den Weg sperrte. Igaz schaute von seinem Wagensitz dem Umzug zu, ohne das Haupt zu entblößen. Sein Benehmen erregte „Ärgernis", und er wurde verklagt. Beim Verhör gab Igaz den einfachen Grund an: „Und ich wollt' nicht!" Ein an.deres Mal erklärte er nicht gewußt zu haben, daß man bei einer Prozession vor einem Kreuz den Hut ziehen müsste ... Es ist nun köstlich zu beobachten, wie die im Fall Bock so unerbittlichen Richter tüfteln, um einen Freispruch Igaz' herauszudeutein. Der Richter mutet einerseits dem Knecht Igaz tiefes theologisches Wissen zu und erkundigt sich, ob das „ Allerheiligste" vorangetragen wurde. Anderseits stellt er fest, daß Igaz den Eindruck eines dummen Kerls macht, der aus Gedankenlosigkeit zu trotzen schien. Darauf zog der Staatsanwalt die Anklage zurück, der Richter aber vertagte die Verhandlung. Dieselbe Wiener „Arbeiter- Zeitung" aber, der die religiöse Überzeugung des Juden Bock eine Ausrede ist, der eine Htägige Arreststrafe eines galizischen Juden auch kein Wörtchen des Unmuts entreißt, überschüttet in zwei Nummern hintereinander mit Hohn und Spott den Richter^ setzt ihren ganzen Sarkasrnus ein, weil Igaz nicht sofort freigesprochen wurde. Es ist derselbe Fall, doch klingt die Weise der ja nicht „judenfreundlichen Arbeiter-Zeitung" anders: der Jude Bock kriegt eine harte Freiheitsstrafe, weil er es mit seiner Überzeugung für unvereinbar erklärte, vor einer katholischen Prozession barhäuptig zu stehen, und die „Arb.-Ztg." sendet ihm noch einen Kübel voll Schimpfereien nach. Der Ungar Igaz tut das gleiche, gibt zur Rechtfertigung eine trotzige und eine bjöde Antwort, wird voraussichtlich freigesprochen und erfreut sich der kräftigsten Fürsprache desselben sozialdemokratischen Organs. Nein, In den Verdacht der Judenfreundlichkeit wird das Blatt der Herren Adler-Austerlitz nicht kommen. Nicht einmal in den Verdacht der Vorurteilslosigkeit . . . Das Judentum in den höheren geistigen Berufen. Die deutschen antisemitischen Blätter verbreiten folgendes Projekt: „Von gut deutscher Seite wird geplant, eine genaue und sachliche Übersicht über die Stellung zu schaffen, die das Judentum in den höheren geistigen wie realen Berufen des Vaterlandes einnimmt: im Lehrkörper unserer Hochschulen und der höheren Schulen, in der Rechtspflege und Medizin, in der Kunst und Literatur, Presse, Theater, in der staatlichen und städtischen Verwaltung, im Bank- und Warenhauswesen, im Vorsitz wichtiger Vereine, im aktiven Offizjerkorps wie im BeurlaubtenstanJe und in der Geistlichkeit. Die Statistik hat bisher meist nur nach dem „Glauben" gefragt und deshalb folgerichtig zahlreiche getaufte Juden je nachdem in der katholischen oder evangelischen Konfession untergebracht. Diesmal soll der Nachweis einfacher, d. h. durchaus rassenmäßig geführt, und der Jude mosaischen Glaubens seinem Rassegenossen mit christlicher Konfession gleichgestellt werden. Deutsche Männer und Frauen nichtjüdischer Abstammung, deren Name aber ehrenwörtlich geheim bleibt, sind gebeten, nach Kräften die Sammel- und Mittelstelle in solcher Arbeit zu unterstützen und bei der Geschäftsstelle der „Staatsbürger-Ztg.", Berlin SW., Bernburger Straße 18 unter „Dr. G. 101" dem Verfasser dieser Zeilen brieflich anzugeben, wo und über welche Gebiete sie Auskunft zu geben vermögen. Die Arbeit soll zunächst bei den Hochschulen, d. h. bei den 2*

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