Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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7% DIE3SELT Xu. 33 Christen einerseits, guter gemäßigter Reformrabbiner anderseits braucht, um die Judenfrage radikal zu lösen. Aber was hat Gemeinsames mit dieser Auffassung die Judengeschichte der letzten 125 Jahre, die durch ihre tiefe Tragik und durch die Kompliziertheit der von ihr hervorgerufenen Probleme nur mit einer Epoche in unserer Geschichte verglichen .werden kann, mit der Epoche der ersten 125 Jahre der neuen Ära, der Epoche der Zerstörung des zweiten Tempels und der ersten Versuche Jochanan-ben-Sakkai, das national-politische Judentum in eine religiöse Gemeinde zu' verwandeln? Leider müssen wir sagen: noch ist die Geschichte der Juden während der neusten Epoche nicht geschrieben! Nur noch ein paar Einzelbemerkungen: Die ganze Psychologie des Verfassers charakterisiert sich durch folgenden Satz: „Als ob ein aufgeklärter Jude einem freidenkenden Protestanten nicht viel näher stände, als ein ultramontaner Katholik?" So, so! Und wenn das wahr wäre, was tut man aber mit den nicht „aufgeklärten Juden" und den nicht „freidenkenden Protestanten"? Als ob die Beziehungen unter Menschen durch den billigen Rationalismus der platten Aufklärung und der Freidenkerei sich regulieren lassen? Und welche Tiefe des Eindringens in das jüdische Leben ersehen wir aus der Charakteristik Achad-Haams. Wissen Sie, was Achad-Haam nach des Verfassers ' Auffassung ist? „Er (Achad- Haam) bekämpft den völkischen Zionismus. Erneuerung und Entwicklung des Judentums zur Religion der Vollkommenheit, Gestaltung des jüdischen Stammes zur mustergültigen Glaubensgemeinschaft, mit Abwerfung alles überlieferten Zeremonialwerkes, — das sind seine Ideale." Wie gefällt Ihnen Achad-Haam in der Rolle eines Reformrabbiners? Wir möchten den Verfasser bitten, uns eine Zeile in Achad-Haams Schriften zu zeigen, auf die er sich stützt, um den Begründer des kulturell-geistigen Zionismus in einen Reformrabbiner zu verwandeln. Und nun das Verhältnis des Verfassers zum Zionismus. „Der reine „Nationalismus", der aus der Judenheit anstatt einer Religionsgemeinschaft ein Volkstum machen will: ein Volk, dem der Staat fehlt und aller Aussicht nach (der Verfasser scheint nicht ganz sattelfest zu sein) stets fehlen wird. Das ist ein Unding." Nun, so könnte man meinen, der Verfasser bekämpfte den Zionismus als ein „Unding"? O nein, dies wäre nicht die Psychologie der ewigen Kompromißler. Auf der folgenden Seite lesen wir: „Das sind Ergebnisse, die wohl den Anspruch erheben dürfen, daß man den Zionismus nicht mit einer verächtlichen oder haßerfüllten Handbewegung beiseite schiebe. Er hat zweifellos das jüdische Bewußtsein und Selbstvertrauen kräftig belebt." Diese Gutmütigkeit, die jeden scharfen Kampf ausschließt, ist gerade das, was am meisten die jüdische Volksseele vergiftet hat. Nein, lieber ein entschiedener Gegner, als diese Kompromisse. Das jüdische Leben ist kein philisterliches Drama, wo beizeiten der Schuldige bestraft und der Tugendhafte belohnt wird, sondern eine sturmbewegte Tragödie, wie sie die Menschheit noch nie gesehen hat. Herr Philippson hat diese Tragödie weder verstanden, noch gefühlt. Projekt zur Gründung von Pfianzungskolonien in Palästina Von Mendel Grünberg:, Bukarest, zurzeit Jaffa Dr. Ruppin sagt in seiner Broschüre: „Die Anlage von Pflanzungen in Paiäst'na" u. a.: „Das Klima und der Boden Palästinas sind für die Reben- und Baumkultur in hohem Maße geeignet. Es scheint auch, daß die Kultur dieser Pflanzungen den spezifischen Anlagen und Fähigkeiten der Juden mehr entgegenkommt als der Getreidebau, da sie abwechslungsreicher ist und an die Intelligenz der Pflanzer ziemlich hohe Anforderungen stellt. Alan wird es kaum als Zufall ansehen können, daß die Pflanzungen der jüdrschen Kolonien in Palästina einstimmig als hoch entwickelt bezeichnet werden, während über den Zustand des Getreidebaues in den jüdischen Kolonien vielfach weniger günstig geurteilt wird. Die Anlage von Pflanzungen bietet das beste Mittel, um den Juden, die nach Palästina einwandern und sich der Landwiitschaft widmen wollen, bisher aber in der Landwirtschaft nicht tätig waren, die Anpassung an das Leben in Palästina zu erleichtern. Während der einwanderungslustige Jude den Getreidebau nur dann mit Erfolg aufnehmen kann, wenn er von Anfang an bei der Einrichtung der Wirtschaft zur Stelle ist und eigene landwirtschaftliche Erfahrungen besitzt, ist die Anlage von Pflanzungen in Pa'ästina technisch bereits so gleichmäßig ausgebildet,daß auch Personen, die außerhalb Palästinas leben, in der Lage sind, durch bezahlte fremde Arbeit eine Pflanzung anzulegen und so lange pflegen zu lassen, bis sie Früchte trägt. Dies ist besonders für die große Zahl kleiner jüdischer Kapitalisten von großem Vorteil. Sie können so lange in Europa bleiben und ihrer Berufstätigkeit nachgehen, bis die Einkünfte der von ihnen angelegten Pflanzung ihnen die Möglichkeit einer Existenz in Palästina bieten. Ein anderer Vorteil bei der Anlage von Pflanzungen ist der, daß die Anlagekosten nicht von Anfang an auf einmal aufgebracht zu werden brauchen, sondern sich auf eine Reihe von Jahren verteilen, so daß auch Leute mit geringem Einkommen durch jährliche Einzahlungen in den Besitz einer Pflanzung kommen können." Wahrlich, viele jüdische Familien möchten sich auf diese Weise in Palästina kolonisieren; nur fehlte bis nun die verläßliche und fachmännische Person oder Gesellschaft, der man das Geld anvertrauen und von der man die Ausführung der guten Arbeit erwarten konnte. Nun ist die P. L. D. C. da, und sie ist am besten dazu geeignet, diese Art Kolonisation iri: ihre Hände, zu nehmen und durchzuführen. Es wird sich fragen: wie anfangen, wenn sie bis nun von ihren Aktien kaum 5000 placiert hat und voraussichtlich, wie die bisherige Erfahrung zeigt, noch viele Jahre werden vergehen müssen, bis alle 50 000 Aktien von ideell gesinnten Juden gekauft sein werden; denn offen gestanden, wenige der Zeichner dieser Aktien betrachten die ganze Sache als ein gewinnbringendes Geschäft, sondern in erster Linie als Förderung eines gemeinnützigen Zweckes. Es könnte aber ganz anders werden, würde die P. L, D. C. den Weg des Privatinteresses einschlagen; in diesem Falle könnte sie in kürzerer und zu gleicher Zeit mehrere Pflanzungskolonien ins Leben rufen und auch ihre Aktien placieren. In folgendem will ich auseinandersetzen, wie ich mir dieses Unternehmen denke: Es würde für eine Pflanzungskolonie von 100 Familien ein Areal von 15 000 Dunam nötig sein, und zwar in folgender Weise: Es soll, wenn möglich, ein Komplex von 112X112=12 544 Dunam Land gekauft werden; davon würden entfallen: 1. auf eine Hauptstraße, eine Querstraße und zwei Seitenstraßen 444 Dunam; 2. für einen Kolonisten je eine Parzelle von 2X55=110 Dunam, davon je 100 Dunam für Baumgärten und 10 Dunam für Haus, Stallung und Gemüsegarten, 100 Parzellen ä 110 Dunam 11000; 3. für 100 Arbeiter (für jede Parzelle einen jüdischen Arbeiter gerechnet) je eine kleine Parzelle von 1X5 Dunam für Häuschen, Stall und Gemüsegarten 500; 4. für Kommunalgebäude, wie: 1. Schule, 2. Synagoge, 3. Bad, 4. Waschanstalt, 5. Sanatorium, 6. Apotheke, 7. Volksgarten, 8. Kindergarten, 9. Rathaus (Gemeindehaus), 10. Schlachthaus, 11. Halle und Gewölbe für Konsumartikel, 12. Weinkelter, 13. Ölkelter, 14. Trockenkammer und Konservenfabrik für Früchte, 15. Meierei, 16. Brunnen oder Wasserleitung usw. und Wohnungen für Kommunalbeamte wie: 1. Arzt, 2. Lehrer, 3. Vorbeter-Schochet, 4. Krämer, 5.-8. vier Wächter, 9. Schneider, 10. Schuster, 11. Maurer, 12. Tischler, 13. Wagner, 14. Schmied und Schlosser und 15.—20. Hirt, Bäder, Diener usw. 600 Dunam. Dann soll in der Nähe des Komplexes noch ein Terrain als Weideplatz für 200 Kühe, 200 Ochsen, 100 Pferde, worauf Luzerne und Klee anzubauen sind, und für einen Friedhof gekauft werden; von ungefähr 2456 Dunam. Summe 15 000 Dunam. Die Anpflanzung und Pflege* der Baumgärten soll durch gut geschulte jüdische Arbeiter erfolgen, welche durch ihre ständige Beschäftigung in der Kolonie (da auch nach der vollen Fruchttragung der Baumgärten und Niederlassung von deren Besitzern diese die Mithilfe von fachmännischen Arbeitern noch mehrere Jahre hindurch benötigen werden) als Arbeiter in der Kolonie ihre Existenz finden werden. Durch Zuteilung von Boden für Häuschen und Gemüsegarten werden sie in der Kolonie ansässig gemacht werden. — Auch für den Bau ihrer Häuschen wird man ihnen das nötige Geld vorstrecken. Ihre Schulden für Boden, Haus und 6° o Zinsen werden sie sukzessive von ihrem Arbeitslohn in 10-20 Jahren zurückzahlen. Auch die Handwerker, Händler und Beamten, die der Kolonie unentbehrlich sind, werden kleine Bodenparzellen und manche auch Häuschen bekommen, welchen Betrag samt Zinsen sie in mehrern Jahren amortisieren werden. Gleichzeitig mit dem Boden sollen auch 50 Kühe und 25 Stuten zum Zweck der Fortpflanzung und Zucht von 100 Kühen, 200 Ochsen und 100 Pferden für die Kolonisten, wie auch 100 Kühe für die 100 ansässigen Arbeiter gekauft werden. Die Arbeiter haben in den ersten 8 Jahren das Vieh zu hüten und zu versorgen und bekommen dafür 100 Kühe vom Nachwuchs unentgeltlich, auch werden sie während der 8 Jahre Milch für eigenen Gebrauch frei bekommen.