Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nun verstärken sich die Zweifel, wenn man manche der als „Grundriß" erschienenen Arbeiten näher betrachtet. Hier wollen wir unsere Betrachtung einer dieser Arbeiten widmen, der von Herrn Prof. Dr. Martin Philippson *). Der Verfasser wollte uns eine Geschichte des Gesamtjudentums seit der großen französischen Revolution, d. h. während der letzten 125 Jahre geben. Bekanntlich existieren gerade auf diesem Gebiete außer der Kapitalarbeit von Grätz (die letzten zwei Bände seiner Geschichte) nur einzelne Monographien, speziell über die Geschichte der Juden in Frankreich. Philippsons Arbeit sollte somit eine Lücke ausfüllen und uns eine zusammenhängende Untersuchung der neusten Geschichte des Judentums liefern. Hat Herr Philippson seine Aufgabe gelöst? Wir müssen anerkennen, daß eine systematische Bearbeitung gerade der neuesten Geschichte des Judentums mit großen, sehr großen Schwierigkeiten verbunden ist. Seit dem Jahre 1789 konstatieren wir innerhalb des Judentums zwei wichtige Erscheinungen: einerseits beginnt eine Zersplitterung des Judentums nach den einzelnen Ländern; ein dominierendes Zentrum, das die Geschicke und die innere Entwicklung Israels bestimmt oder beeinflußt, wie es früher war, fehlt. Anderseits beginnt innerhalb des Judentums eine furchtbare Untergrabung aller Stützen, eine völlige Umwertung der Werte, die zur bewußten Assimilation führt. Dadurch aber ist es sehr schwer geworden, den Leitfaden oder den Grundton im Leben des über die ganze Welt zerstreuten Volkes herauszufinden. Und ohne diesen verknüpfenden Leitfaden verwandelt sich die ganze Geschichte in eine zusammenhanglose Reihe von Einzelepisoden. Die Volksgeschichte verliert ihren soziologischen Untergrund und verwandelt sich — im besten Falle — in einen Haufen von psychologischen Skizzen. Diese objektive Schwierigkeit, verursacht durch die Zersplitterung Israels, wird verstärkt durch eine subjektive Schwierigkeit. Für den Verfasser ist es gar nicht leicht, sich vom rohen Subjektivismus zu befreien, wenn es sich darum handelt, fast wie ein Zeitgenosse über eine kritische Epoche ein Urteil zu fällen, wenn man innerhalb der alle Werte umwertenden Epoche dasteht. Der Geschichtsschreiber verfällt nur allzu leicht in den Ton des Parteimannes, des Publizisten. Wir anerkennen wohl diese zwei Schwierigkeiten. Aber Herr Prof. Philippsohn scheint nicht einmal diese Schwierigkeiten besonders lief gefühlt zu haben, und hat daher nicht einmal versucht, sie, soweit als möglich, zu vermeiden. Deshalb haben wir folgendes Resultat erhalten: Statt einer „neusten Geschichte des jüdischen Volkes" gab uns der Verfasser eine nur durch die Chronologie zusammengekoppelte Reihe von Skizzen über die Geschichte der Juden in Deutschland, Frankreich, England usw. Das jüdische Volk, von dem man uns sagt, daß es „von einem gemeinsamen, gleichen, einem einzigen historischen Zusammenhang beherrscht" ist, verschwindet. Höchstens, daß das einigende Band von außen her, — vom Antisemitismus — um das zerstreute Volk gebildet wird. Und doch ist ja die Einheitlichkeit in der Geschichte des Gesamtjudentums im Verlauf der letzten 125 Jahre nicht wegzuleugnen. Oberall sind dieselben Entwicklungsphasen zu konstatieren: Zuerst die Epoche der Hoffnungen auf unbedingte Emanzipation, auf die dann die Epoche des bureaukratischen oder gesellschaftlichen Antisemitismus folgt. Dann kommt die Zeit der Verwirklichung der Emanzipation, sei es auf schnelle Weise, indem man mit dem ganzen Judaismus bricht (Massentaufen), oder im langsamen Tempo, indem man sich der Gleichberechtigung würdig zu zeigen versucht — durch die Anpassung an die Wirtsvölker (bewußte Assimilation). Als Reaktion auf die sich ausbreitende Assimilation erscheint die Nationalisation eines gewissen Teiles der Juden — unter den verschiedensten Formen: bald als Wiedererstarkung der religiösen Orthodoxie, bald als intensivere Erforschung der angeerbten jüdischen Werte, zuletzt als bewußte national-politische Bewegung, besonders dort, wo die Juden in kompakten Massen leben. Die Unterschiede zwischen den Juden in den verschiedenen Ländern sind eben nur quantitativer und nicht qualitativer Natur, abhängig von den äußern und innern Ursachen. Und diese Unterschiede sind charakteristisch. Da kann man eine zweifache Gesetzmäßigkeit konstatieren. Erstens: je später die konstitutionelle Umgestaltung des Wirtsvolkes eintritt, desto schlimmer steht es mit der Emanzipation der Juden. Man vergleiche nur Frankreich mit Rußland. Zweitens: je kompakter die jüdische Masse in einem Lande ist, desto hartnäckiger besteht sie auf ihrem nationalen Charakter. Wir können leider da nicht auf Einzelheiten eingehen, aber wir möchten nur eins feststellen: es existiert tatsächlich eine Gemeinsamkeit in den Entwicklungstendenzen des Gesamtjudentums, auch im Verlaufe der neusten Geschichtsepoche. *) Prof. M.Philipps oh n: Neuste Geschichte des jüdischen Volkes, Bd. I u. II, Leipzig 1907 u. 1910. Gerade dies fehlt im Buche des Herrn Philippsohn. Die Abwesenheit jedweder leitender Idee, die das ganze Bild in allen seinen Einzelheiten beleuchten würde, hat auch eine andere Folge gehabt: der kompromißartige Subjektivismus des Verfassers tritt hervor in seiner ganzen Nacktheit. Am Ende seines Werkes angelangt, wissen Sie doch nicht, ob für den Verfasser eine jüdische Nation existiert, oder aber wir nur Deutsche, Franzosen, Russen mosaischer Konfession sind. Bald vertritt er den geographischen Lokalpatriotismus, bald klagt er über die Leiden des „jüdischen Volkes". Das innere Leben der Juden wird vom Standpunkt der „gemäßigten resp. historischen Reformation" betrachtet, der Reformation im Geiste des Rabbiners Dr. Ludwig Philippson. Diese gemäßigte Reformation, kleinbürgerlich in ihrer ganzen Auffassung, egoistisch in ihren Motiven, kleinlich in ihren Resultaten, soll nun zum Kriterium alles dessen dienen, was seit 125 Jahren im innern jüdischen Leben geschieht! Die Orthodoxie und die radikale Reformation werden verurteilt als extreme Tendenzen, denn der Behäbigkeit der „kompakten Majorität" ist nichts so zuwider, als die konsequente, bis auf die Spitze getriebene Logik. Von diesem Standpunkte kann der Verfasser den Widerstand der frommen Juden gegen die ganze „Aufklärung" nur verurteilen, ohne dabei auf die innern Motive dieses Widerstandes näher einzugehen. Dieser ganz unwissenschaftliche Subjektivismus verleiht dem ganzen Werk den Charakter einer Parteischrift, eines propagandistischen Werkes zur "Verherrlichung des kompromittierenden Kompromisses. Dazu gesellt sich die völlig veraltete Methode der historischen Analyse. Vom rein pragmatischen Standpunkte ist das Werk unvollständig. Heute wird kein Historiker sich damit begnügen, bei der Betrachtung der Geschichte eines Volkes nur seine äußern Erlebnisse und die geistigen Veränderungen zu berücksichtigen, sondern er bemüht sich, die sozial-ökonomische Struktur des gegebenen Volkes zu rekonstruieren und aufzuhellen. Und es ist ja zweifellos, daß die radikale Änderung in der Lage der Juden seit der großen französischen Revolution vor allem in der radikalen Verschiebung der ökonomischen Funktionen innerhalb der Wirtsvölker und auch innerhalb der Juden selbst wurzelt. Berücksichtigen wir nicht den wirtschaftlichen Faktor (neben den andern Faktoren), können wir weder die Emanzipation noch die Assimilation begreifen. Nur die im Kampfe stehende Großbourgeoisie war geneigt, den Juden 'die Emanzipation zu gewähren. Die Kleinbourgeoisie war und ist überall antisemitisch, nicht bloß aus psychologischen Motiven, sondern auch aus ökonomischen Rücksichten. Je größer die Rolle des Kleinbürgertums in einem Staate, je schärfer in einem Lande die „Mittelstandspolitik" zur Geltung kommt, desto schwerer fällt es den Juden, ihre Gleichberechtigung zu erlangen.*) Ebenso steht es mit der Assimilation: diese wird sich bewußt, nachdem sie schon lange Zeit in ihrer unbewußten Form existiert hatte, d. h. lange nachdem sie im Leben tatsächlich vorhanden war. Aber die objektive Assimilation ist vor allem eine Folge der wirtschaftlichen Zustände. Der Jude, der die Alleinherrschaft in gewissen ökonomischen Funktionen verloren hat, mußte sich assimilieren, oder aber — emigrieren. Das kann man noch heute in Posen beobachten, sowie in den Dörfern Süddeutschlands. Wenn fromme Eltern ihre Kinder in die Staatsschulen senden, so geschieht es nicht, weil sie an die Suprematie der fremden Kultur glauben, sondern aus rein ökonomischen Rücksichten. Sie handeln wie jener getaufte jüdische Professor, der, als man ihn frug, ob er aus Überzeugung sich getauft hat, die Antwort gab: „Jawohl! Ich bin nämlich überzeugt, daß es vorteilhafter ist, ein gut besoldeter christlicher Professor, als ein ewig hungernder jüdischer Melamed zu sein." Eben aus denselben Rücksichten wächst unter den Juden das intellektuelle Proletariat. Und erst nachdem diese objektive Assimilation ihre Wirkung ausgeübt hatte, kommen dann die schönen Phrasen von der „Enge des geistigen Ghettos", von der Rückständigkeit der jüdischen und von der Suprematie der fremden Kultur. Für Herrn Philippson existieren all diese Tatsachen nicht. Er hat sich ein sehr einfaches Schema zurechtgelegt. Da gibt es edle Christen, die die Judenemanzipation anerkennen, und - böse Christen, die den Antisemitismus verbreiten. Dann existieren gute, vernünftige Juden, die die „gemäßigte Reformation" mit Freuden begrüßen, und die bösen Orthodoxen, die mit aller Energie die Religion ihrer Väter in ihrer traditionellen Form bewahren wollen; außerdem gibt es noch unartige Stürmer, die den Judaismus in eine Parodie des Protestantismus oder des Katholizismus verwandeln wollen, — um sich den Weg zum Taufbecken zu erleichtern. Mit einem Worte, alles ist gar so einfach und klar, denn alles ist so gemäßigt, berechnet und eingeordnet, daß es nur ein paar Predigten guter *) Eben deshalb haben die Juden der freien demokratischen Schweiz am spätesten (in Westeuropa) ihre Emanzipation erreicht Und auf welche Weise! Gerade das Beispiel der Schweiz ist sehr belehrend. 1*