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Die Welt · 1910-08-19 · 33 (19.8.1910) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
33 (19.8.1910)
Date
1910-08-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Westler zur Genüge unsere Pflicht getan, wenn wir nur mateielle und durch unablässige Agitation Zeitopfer der zionistischen Bewegung bringen? Oder sollen wir mit Rücksicht auf die Tatsache, daß durch einen Grundstock aufopferungswilliger und inttllektuiller Kräfte eine Kräftigung unserer Organisation und unserer Positionen in Palästina resultieren würde, sollen wir in Erwägung dieser Momente bestrebt sein, bei weitestgehender Vernachlässigung der für diesen besondern Zweck unnützen europäischen Kenntnisse und bei möglichst vollkommener Aneignung der nötigen türkischen, hebräischen, arabischen Sprachkenntnisse das Land unserer Sehnsucht zu unserm Aufenthalts- und Existenzort zu machen? Spricht jedoch gegen solche Bestrebungen nicht der Umstand, daß Palästina noch keine Intelligenzberufe zu ernähren vermag? Oder darf das letzte Moment keine ausschlaggebende Bedeutung für sich beanspruchen, und ist es unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit, als wagemutige Pioniere gleich den ersten Einwanderern auch in den ungünstigsten Verhältnissen in Palästina uns niederzulassen? Soll, kurz gesagt, Jerusalem oder Paris das Zentrum unseres Geisteslebens sein, soll Palästina oder Europa der Ort unserer Energieanstrengungen sein? Wenn meine Ausführungen unpassend und aufdringlich sind und nicht meine hohe Bewunderung für Sie, unsern vielgeliebten Führer, erkennen lassen, wenn mein Brief nicht meine große Verehrung für Ihre staatsmännische Einsicht spiegelt, den Zionismus in keine noch so praktische Seitengasse verlaufen zu lassen, dann bitte ich, dies meiner abgeschiedenen Lebensweise und der daraus folgenden Unkenntnis der konventionellen Höflichkeiten zugute zu halten, obzwarich überzeugt bin, daß der Verfasser der „konventionellen Lügen" ohnedies über allen Formelkram lächelt. Geben Sie mir und allen jenen, welche gleich mir zweifeln, Antwort und jene Zielbewußtheit, welche die unerläßlichste Voraussetzung jeglicher politischer Betätigung ist. Wenn eine Unsicherheit in solchen Lebensnotwendigkeiten einer Partei besteht, muß Verwirrung und Fahrlässigkeit als letztes Ergebnis sich einstellen. Indem ich nochmals um eine gütige Antwort bitte und ich mich der Hoffnung hingebe, daß Sie~ mein Schreiben als den Ausdruck meiner tiefsten und wahrsten Gefühle betrachten werden, bin ich mit der Versicherung der ausgezeichnetsten Hochachtung Ihr ganz ergebener Jakob Landau. Max Nordaus Antwort Sehr geehrter Herr und lieber Gesinnungsgenosse! Ich bin mir meiner Verantwortlichkeit gegenüber ideal gerichteten, begeisterten Jünglingen, die meinen Worten Bedeutung beizumessen gewillt sind, zu tief bewußt, als daß ich es über mich gewinnen könnte, Ihre Fragen leichtblütig und obenhin zu beantworten. Ihr wertes Schreiben würde, um angemessen behandelt zu werden, als Erwiderung eine lange Abhandlung erfordern. Diese abzufassen habe ich hier und jetzt weder die Zeit, noch die nötige Sammlung und Ruhe. Alles, was ich augenblicklich tun kann, ist, einige kurze Andeutungen zu machen, in denen Sie unter Entschuldigung ihrer dogmatischen Form den Niederschlag langen, oft schmerzlichen Nachdenkens über den von Ihnen angeregten Gegenstand sehen wollen. Es wäre falsch und verhängnisvoll, jüdische und europäische Kultur als Gegensatz zu konstruieren und zu empfinden. Dieser Gegensatz besteht nicht. Es gibt keine jüdische und keine europäische, es gibt nur eine menschliche Kultur, unter der ich die Gesamtheit der bis heute erworbenen sicheren Kenntnisse von den Wirklichkeiten der Welt, zu der auch die Menschen und ihre Gesellschaften gehören, und deren Anwendungen auf die Lebensführung der Gesamtheiten und der Einzelnen verstehe. Das Judentum erwartet und fordert, daß seine intellektuelle Jugend sich diese Kultur möglichst gründlich aneignet. Strebende und begabte junge Juden sollen sich zu durch und durch gebildeten, in ihrem Fache tüchtigen Menschen ausbilden, so daß sie den Vergleich mit keiner andern Jngend zu scheuen haben, ohne sich zu fragen, ob sie ihre Wissenschaft oder Kunst hier oder dort auszuüben berufen sein werden. Die Mathematik, die Physik, die Chemie, die Logik, die Geschichte sogar, sind keine andern für den Wiener oder den Palästinenser. Daneben soll der junge Jude allerdings hebräisch in Wort und Schrift beherrschen lernen und eine solide Kenntnis seines Volkes in Vergang.nhe't und Gegenwart erlangen. Das genügt im Alter des Werdens. Den Alter der Reife bleibt die Ausbildung in SouJerfächern vorbehalten, wie es die Kenntnis des Türkischen und Arabischen wäre. Die Frage, ob die Jugend sich für die Auswanderung vorbereiten soll, ist eine hochernste. Sie ist nicht allgemein, nur individuell und konkret zu beantworten. Für Intellektuelle, für Angehörige der freien Berufe ist zurzeit noch kein Bedarf und also auch kein Boden in Palästina. Dort gehören heute Bauern, Industriearbeiter und Kapitalisten hin. Dort muß zunächst eine materielle Kultur aufgebaut, ein reges Wirtschaftsleben geschaffen werden. Sind diese vorhanden, dann wird auch Nachfragenach Geistesarbeitern entstehen und es wird die edle Aufgabe der jüdischen Jugend Europas sein, dieser Nachfrage zu entsprechen. An tatsächliche Auswanderung denke heute nur, wer entweder begeistert genug ist, um dem zionistischen Ideal mit Aufopferung jedes andern Ehrgeizes körperlich zu dienen wie Jakob für Rachel, das heißt als Arbeiter hinter dem Pfluge und im Viehstalle, oder wer die Mittel besitzt, um mit Aussicht auf Erfolg einen selbständigen Betrieb landwirtschaftlicher oder gewerblicher Art in Palästina zu gründen. Die ändern müssen damit rechnen, daß sie bestimmt sind, ihren Lebensweg in ihren Geburtsländern zu machen. Aber sie brauchen darum nicht schlechtere Zionisten zu sein, als die Auswandernden. Bedingung der Entstehung und gesunden Entwicklung eines neujüdischen Volkstums im Lande der Väter ist das Vorhandensein eines stark organisierten, gesinnungstüchtigen, wirtschaftlich blühenden Judentums in der Zerstreuung, das1 den palästinensischen Pionieren als sicherer Rückhalt und Baumschule dient. Seien Sie aufrichtigst gegrüßt von Ihrem ergebensten Karlsbad, 7. August 1910. Dr. M. Nordau. Neueste Geschichte des jüdischen Volkes Von Dr. Daniel Pasmanik, Genf Die sogenannte Wissenschaft des Judentums ist noch bis heute ein Monopol der deutschen Juden. Wohl fehlen heute die Jost und die Geiger, die Zunz und die Grätz, aber die Tradition ist geblieben. Und es ist kein Zufall, daß gerade die deutschen Juden es unternommen haben, einen „Grundriß der Gesamtwissenschaft des Judentums" herauszugeben, der Sprache und Religion, Geschichte und Wirtschaft, Philosophie und Literatur, Pädagogik und Synagogenkultus, Archäologie und Geographie, Chronologie und Numismatik, mit einem Worte alles, was das geschichtliche Leben Israels seit seinem Erscheinen bis zum heutigen Tage ausmacht, umfassen soll. Eine kolossale Aufgabe! Und wir müßten mit Freuden dieses Unternehmen begrüßen, wenn unsere Freude nicht von Zweifeln vergiftet wäre, von Zweifeln an der Art und Weise, wie diese ganze Arbeit gemacht werden wird. Diese Zweifel sind vor allem aprioristischer Natur. All die ganze Wissenschaft des Judentums, die hauptsächlich von deutschen Juden geschaffen wurde, verfolgte mit seltenen Ausnahmen apologetische Zwecke. Diese Wissenschaft war nicht ein Resultat des selbstschaffenden, absoluten, von keinen Nebenrücksichten geleiteten Lebens, nicht ein Produkt des organischen Wachstums, sondern sie befand sich immer in Beziehungen zu jemandem oder zu etwas. Am häufigsten wollte sie den Nichtjuden beweisen, daß das Judentum nicht das ist, wofür es die Antisemiten ausgeben, daß der Judaismus ein recht schönes und artiges Ding ist. Aber nicht selten hatte unsere Wissenschaft näher liegende Aufgaben: den entwurzelten und indifferenten Juden nachzuweisen, daß sie sich ihres Judentums nicht zu schämen brauchen, daß der Judaismus auf seine Werte stolz sein kann. Wer auch nur wenig mit der Geschichte der Wissenschaft des Judentums bekannt ist, wird wohl zugeben, daß eben diese Motive die Väter dieser Wissenschaft geleitet haben. Nun ist es klar, daß aus Apologetik keine Wissenschaft entstehen kann. Jedenfalls kann die aus apologetischen Rücksichten entstandene Wissenschaft keine Wiedefspiegelung der objektiven Wirklichkeit darbieten, sondern muß sich in eine mehr oder weniger geistreiche Publizistik verwandeln. Die echte Wissenschaft wurzelt im Absoluten, in dem Nicht-Rücksichtnehrnen.

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