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Die Welt · 1910-08-05 · 31 (5.8.1910) · page 16

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Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
– (sequence 16)
Language
German
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Die Schicksale russischer Auswanderer Wenn der Geschichtsschreiber der jüdischen Auswanderung aus Rußland die Leiden der Flüchtlinge dieses Landes der Unterdrückung schildern wird, so wird er sagen müssen, daß die Auswanderer ihre Leiden nicht hinter sich ließen, wenn sie sich einmal nach einem Land der Freiheit im Westen eingeschifft hatten. Die verschiedenen Gesetze, welche in Amerika, England und den britischen Kolonien zum Zweck der Einschränkung der Einwanderung geschaffen worden sind, sind zu gut bekannt, als daß man nötig hätte, sie zu wiederholen. Aber das Unheil, das oft durch eine rigorose Anwendung dieser Gesetze verursacht wird, ruft nicht nur Entrüstung gegen die Urheber solcher Bestimmungen hervor, sondern zeigt auch die Unrichtigkeit, in der ungesicherten Auswanderung ein Mittel, das jüdische Elend zu lindern, zu erblicken. Erst letzte Woche hatten wir Gelegenheit, über sieben jüdische Auswanderer verschiedenen Alters und Geschlechts zu berichten, die von der Einwanderungsbehörde in London ausgewiesen wurden und die als Gefangene in einer gesundheitsschädlichen Zelle an Bord eines kleinen Schiffes auf der Themse zurückgehalten wurden, bis das Schiff sie wieder nach dem Lande, von welchem sie geflohen waren, zurückbrachte. Eine weit ernstere Nachricht kommt jetzt aus den Vereinigten Staaten. Während der letzten Jahre wurde, wie bekannt, der Versuch gemacht, den Strom jüdischer Auswanderer von New York und den Nachbarstädten an der Ostküste nach dem südlichen Hafen von Galveston abzulenken, und zwar infolge der Überfüllung dieser Städte sowie auch wegen der ernsten sozialen und wirtschaftlichen Probleme, die hieraus resultierten. Der Schöpfer dieser Idee war Herr Jakob H. Schiff," der bekannte Philanthropist, der,, wie immer man sich zu seinen Ansichten über die jüdische Frage stellen möge, zweifellos von einem warmen Empfinden gegenüber unsern verfolgten Brüdern der östlichen Länder beseelt ist. Dank seiner Mildtätigkeit konnten sorgfältig ausgearbeitete Einrichtungen getroffen werden, die es den russischen Auswanderern ermöglichten, direkt nach Galveston zu reisen, so daß sie die ungesunden Zustände und den überfüllten Arbeitsmarkt in New York und Philadelphia vermeiden konnten. Nachdem diese Aktion schon einige Zeit in Wirksamkeit gewesen war, schloß die russische Regierung plötzlich die verschiedenen Bureaus, die in Rußland als Agenturen etabliert worden waren, und die Auswanderung nach Galveston wurde plötzlich aufgehalten. Infolge einer Intervention wurde das Verbot jedoch aufgehoben und die Auswanderung wieder aufgenommen. Man dachte nun aller weitern Schwierigkeiten enthoben zu sein. Aber jetzt kommt aus Galveston die Nachricht, daß 34 jüdischen Einwanderern die Erlaubnis von den Behörden verweigert wurde, in diesem Hafen zu landen, mit der Begründung, daß ihre Zulassung gegen das Gesetz betreffend die Kontraktarbeit verstoße. Nach diesem Gesetze, welches bereits in Kraft war, bevor mit dem Plan der Einwanderung in Galveston begonnen wurde, ist es ungesetzlich, der Einführung oder Einwanderung irgendeines Fremden durch Versprechungen von Beschäftigung in Ankündigungen, die in irgendeinem fremden Lande gedruckt und veröffentlicht werden, Hilfe oder Vorschub zu leisten, und Fremde, die durch Angebote oder Versprechungen von Beschäftigung veranlaßt wurden, nach den Vereinigten Staaten auszuwandern, wird nicht gestattet, zu landen. Das amerikanische Ministerium für Handel und Gewerbe hält daran fest, daß die jüdische Landorganisation und das jüdische Auswanderer-Informations-Bureau in Galveston in der jüdischen Presse Rußlands Ankündigungen veröffentlicht haben, die Versprechungen auf Beschäftigung für die enthielten, die direkt nach Galveston auswandern würden, und es erklärt dieses Verfahren als eine Verletzung des obigen Gesetzes. Diese Handlungsweise der Regierungsbehörden hat natürlich Erstaunen und Unwillen in den Kreisen der jüdischen Gemeinden der Vereinigten Staaten hervorgerufen, und es wurden bereits Proteste an das Ministerium für Handel und Gewerbe, das unmittelbar für die Ausschließung der Auswanderer verantwortlich ist, gesandt. Der geschäftsfühlende Sekretär dieses Ministeriums gibt in einem ausführlichen Schreiben, in welchem er seine Handlungsweise erklärt und rechtfertigt, zu, daß es ihm bekannt ist, daß das Gesetz in dieser Weise vorher nicht in Galveston angewendet wurde. Er bemerkt aber, daß es keinen Grund gäbe, „warum das Gesetz in diesem Hafen nicht in der Weise vollstreckt werden sollte wie in den andern". Dieser Brief bringt die Angelegenheit jedoch nicht zum Abschluß; denn die amerikanischen Vereine, deren Zweck es ist, die Interessen der Einwanderer zu wahren, werden natürlich alles versuchen, um eine Widerrufung der Entscheidung des Sekretärs zu veranlassen. Zurückweisung russischer Juden in Kanada Wie die Zeitungen in Montreal berichten, haben sich vor kurzem verschiedene europäische und amerikanische jüdische Kolonisationsgesellschaften an das kanadische Einwanderungsamt mit der Bitte gewendet, mehreren tausend russischen Juden, die infolge der jüngsten Vertreibungen aus Rußland auswandern müssen, einige Konzessionen zu gewähren. Die betreffenden jüdischen Gesellschaften erklärten sich bereit, für die Obersiedlungsspesen aufzukommen und dafür zu sorgen, daß die Einwanderer nicht mittellos in Kanada ankommen. Trotzdem die Petition der gedachten Gesellschaften von einflußreicher Seite unterstüzt wurde, wurde sie vom kanadischen Einwanderungsarnt abschlägig erledigt. Die Einwanderungsbehörde teilte nach reiflicher Überlegung mit, die gewünschten Konzessionen nicht gewähren zu können. Zangwill in Unterhandlungen mit der westaustralischen Regierung? Die englischen Zeitungen verbreiten folgende Nachricht: Mr. Zangwill steht jetzt in Unterhandlung mit der westaustralischen Regierung wegen eines Territoriums von über eine Million Acres. Die Lokalität des Territoriums ist einstweilen noch unbekannt, es soll aber groß und gut genug sein, um eine Million russischer Juden aufnehmen zu können. Sir H. Newton Moore, der Premier der australischen Regierung, soll dem Plane sehr geneigt sein, den er als einen ernsten Geschäftsvorschlag betrachte. Die Angelegenheit soll demnächst im westaustralischen Parlament behandelt werden. Mr. Zangwill scheint jeden Gedanken von Autonomie und dergleichen aufgegeben zu haben. Das Unternehmen soll einen rein philantropischen Charakter tragen. Mr. Zangwill erklärt daher, daß es nur ein Teil seines Landsuchens sei und daß er zu gleicher Zeit noch andere Territorien im Auge habe. Palästina Protestversarnmlung gegen die Boykottierung jüdischer Trauben durch Jerusalemer Rabbiner Am 24. Juli d. J. fand in Rischon Lezion eine durch die Organisation der judäischen Kolonien einberufene Versammlung statt, um gegen das Verbot, das einige Rabbinatsstellvertreter in Jerusalem gegen den Genuß jüdischer Trauben erlassen haben, zu protestieren. Die Versammlung war sehr zahlreich besucht. Aus allen Kolonien und auch aus Jaffa und Jerusalem waren Delegierte erschienen. Die Versammlung dauerte von 3 Uhr nachmittags bis über Mitternacht und hatte mitunter einen sehr stürmischen Verlauf. Einen besonders nachhaltigen Eindruck machten die Ausführungen zweier Kolonisten, Aron Eisenberg ausRechoboth und Elijahu Ostaschinsky aus Rischon Lezion, welche zusammen mit noch drei Kolonisten als Delegierte längere Zeit in Jerusalem weilten, um mit den Urhebern des „Issur" (Verbots) Rücksprache zu nehmen und sie nach Möglichkeit zur Rückziehung ihrer Erklärungen

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