Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 31 DIE^ELT 761 zu bewegen. - „Wir haben uns gleich überzeugen können", sagten beide Kolonisten übereinstimmend, „daß wir es nicht allein mit Vertretern einer bestimmten religiösen Richtung zu tun haben, die mitunter unserer Arbeit zuwiderläuft, sondern mit ausgesprochenen Feinden unserer ganzen Kolonisationsarbeit, mit erbitterten Gegnern des neuen, lebendigen Jischuw. Das Verhalten der Dajanim uns gegenüber war von Anfang an ein solches, daß wir sogleich jede Hoffnung, etwas auszurichten und die harten Herzen erweichen zu können, aufgeben mußten. All unser Reden, unsere Hinweise auf Jas Elend, in welches durch das Vorgehen der Rabbinatsvertreter so viele jüdische Familien gestürzt werden, und die Hindeutung Jarauf, daß doch die notwendigen Feldarbeiten auch in den frühern Schmittahjahren durch hervorragende Talmudautoritäten freigegeben vurden, halfen nichts. Ja,'es hat uns schon viel Mühe gekostet, überhaupt empfangen zu werden. Welch ein Empfang war dies! Fünf Mitglieder zählte unsere Deputation, zumeist greiseMänner, altbewährte \ämpfer aus den1 ersten Jahren der Kolonisation, auch als gottesürchtig und talmudbeflissen bekannt, und delegiert von allen judäi- ,chen Kolonien. Aber die Herren Rabbinatsvertreter haben es nicht ur nötig gefunden, uns Stühle anzubieten, oder die laufenden deinen Geschäfte mit Weibern und unmündigen Jungen für eine lalbe Stunde zu unterbrechen und uns separat anzuhören. Gleich als wir nach Jerusalem kamen, gelangten wir zu der Überzeugung, daß diese Angelegenheit keine Schmittah-Frage, ondern eine Frage des „Sesamöls" sei. In Jaffa nämlich erzeugt in jüdischer Fabrikant Sesamöl für Pessach, und stützt sich dabei luf das Gutachten des,Oberrabiners Kuk in Jaffa, ohne vorher die Genehmigung der Jerusalemer Rabbinatsvertreter eingeholt zu iahen. Nun haben die Jerusalemer Rabbiner die Gelegenheit .vahrgenommen, um gegen den Rabbiner Kuk einen Streich zu ühren und ihm ihre Macht zu zeigen. Die Pflanzer der Trauben lämlich, welche von den Syndikatskellereien nicht aufgenommen verden, haben bis jetzt den größten Teil ihrer Produkte (800—1000 <antar) in Jerusalem absetzen können. Nun konnten die Jerusalemer Dajariim zeigen, daß man ohne ihre Erlaubnis in .Jerusalem nicht verkaufen kann, und daß auch Oberrabbiner Kuk sich ihnen unterwerfen müsse. In Jerusalem verfügen die Rabbiner nämlich über eine bewährte Organisation und führen ihre Streiche ganz im Stillen aus. Die Ankündigung des Verbots ist eines Pages nur für kurze Zeit erschienen und ist bald wieder von den Urhebern selbst spurlos vernichtet worden. Als später unter dem Druck der öffentlichen Meinung das Verbot öffentlich zurückgezogen wurde, schickten sie bald darauf ihre Boten, die jedermann heimlich zuflüsterten, daß das Verbot aufrecht erhalten bleibt. Dies genügte, und die Folge ist, daß von unsern Trauben bis jetzt für 200 Frcs. verkauft wurde (der Redner zeigte hierbei das Geld, das grade bei ihm eingetroffen war: „Das ist für fünfzig Familien!")» während nichtjüdische Trauben bis jetzt für mehr als 4000 Frcs. verkauft wurden, . Viele Redner," die mit den Jerusalemer Verhältnissen vertraut sind, wiesen darauf hin, daß der Einfluß dieser Leute auf das Volk nicht etwa auf die innere Autorität, die sie beim Volke genießen, zurückzuführen sei. Im Gegenteil, die breiten Schichten des Volkes haben sich von diesen Rabbinern, die in keiner Beziehung als geistige Führer gelten, längst abgewandt und drücken sich über sie, wo sie furchtlos sprechen können, entschieden mißbilligend aus, aber sie sind infolge der Chalukah ökonomisch von ihnen abhängig und deshalb gezwungen, ihren Befehlen zu willfahren. Alle Versammelten stimmten daher darin überein, daß man auf die Chalukahspender im Galuth weit und breit einwirken müsse, damit diese edlen Gaben nicht zur Bedrückung der zahlreichen Jerusalemer jüdischen Bevölkerung, sondern zu ihrer Hebung verwendet werden. Die Jerusalemer Zeitungen veröffentlichen folgendes Schreiben, das der Oberrabbiner von Jaffa, A. J. Kuk, an den greisen Rabbiner, Chajim Berlin in Jerusalem unter dem 5. Tammus d. J. gerichtet hat: „Die Feder zittert in meiner Hand, wenn ich an das große Unrecht denke, das unsern Brüdern in den Kolonien zugefügt worden ist. Während es bisher allgemein eingeführt war, den nichtjüdischen Weinproduzenten keinen Hechscher zu erteilen, um unsere vielgeplagten jüdischen Brüder, die auf den Erlös der Weintrauben als auf ihre einzige Erwerbsquelle angewiesen sind, nicht zu benachteiligen, haben sich jetzt, nachdem die Streitfrage bezüglich der Schmittah im Interesse unserer Brüder in den Kolonien geschlichtet worden ist, einzelne Wühler gefunden, die insgeheim den Weinhändlern anrieten, ihren Bedarf bei Nichtjuden zu decken und unsere Feinde zu fördern, die über unser Unheil spotten, daß wir unsere eignen Brüder verfolgen. Wahrlich, dies ist himmelschreiend! Die Größe der Schmach, des Chillul-Haschem und der Ruchlosigkeit, die darin liegt, läßt sich gar nicht ermessen. Mein Herz krampft sich in tiefstem Schmerz zusammen angesichts dieser entsetzlichen Zustände, dieses tiefen Niederganges aller Gottesfurcht und alier echten Thoratreue. Mögen doch Euer Ehrwürden bestrebt sein, das Unrecht nach Möglichkeit gut zu machen, zumal bei den Weinbergen der Nichtjuden gegenwärtig mehr als in frühern Jahren religiöse Bedenken betreffs des Orlah- und Kilajim-Verbots bestehen. Da wir (das Jaffaer Rabbinat) nun die Weinberge unserer Brüder seit Jahren gründlich beaufsichtigen, wäre es nicht die höchste Verkehrtheit, die Erzeugnisse von Nichtjuden, die nicht unter Aufsicht stehen, vorzuziehen, bloß um unsere eignen Brüder aufs grausamste zu verfolgen?" . . . Der Pascha von Jerusalem in Rischon Lezion Vor kurzem besuchte der Pascha von Jerusalem, Osmi Bey, in Begleitung mehrerer höherer Beamten die Kolonie Rischon Lezion. Von seiteil der Regierung wird nämlich die Gründung einer Ackerbauschule in Aussicht genommen, die in der Nähe von Rischon Lezion an der von Jaffa nach Nebi-Rubin führenden Landstraße erbaut werden soll. Die Kolonisten von Rischon, die durch den Besuch des Pascha überrascht worden waren, hatten doch noch in aller Eile Zeit gefunden, dem Pascha einen feierlichen Empfang zu bereiten. Der Pascha und sein Gefolge besichtigten sämtliche Institutionen der Kolonie, u. a. die Schule, den Kindergarten und die Synagoge. Dem Vorstand der Kolonie gegenüber, der ihm seine Aufwartung machte, äußerte sich der Pascha mit großer Befriedigung über den Eindruck, den er von Rischon Lezion und seinen öffentlichen Einrichtungen empfangen habe. Er habe sich jetzt durch den Augenschein überzeugt, daß die jüdischen Kolonisten ein wahrhaft großes Werk geschaffen haben. — Der Pascha besichtigte auch mit lebhaftem Interesse die Pflanzungen, die die Kolonisten iiv den Dünen am Meeresufer angelegt haben und die sich sehr gut entwickeln. Den Abend verbrachte der Pascha im Gemeindehause. Die Schuljugend der Kolonie veranstaltete dem hohen Gast zu Ehren einen Fackelzug. Von Rischon reiste der Pascha tags darauf mit seinem Gefolge nach Mikweh-Israel und Jaffa. Dem Vernehmen nach beabsichtigt die Regierung, auch in Beer-Seba eine Ackerbauschule zu errichten, in die Schüler ohne Unterschied der Konfession aufgenommen werden sollen. Eine Spende von 500 £ für das hebräische Gymnasium Mr. Julius Ephraimsohn in Bradford, ein intimer Freund unseres ausgezeichneten Gesinnungsgenossen Jacob Moser, hat dem hebräischen Gymnasium in Jaffa den Betrag von 500 £ gespendet. Mr. Ephraim söhn hat auch dem von Herrn Moser zum Andenken an unsern verewigten Führer Herzl vor fünf Jahren gegründeten jüdischen Hospital in Leeds eine größere Zuwendung gemacht. NACHRICHTEN Die Juden und der Grundbesitz in Ungarn Die ungarische Regierung hat das königlich ungarische statistische Zentralbureau beauftragt, eine Statistik des Grundbesitzverkehrs in Ungarn seit dem Jahre 1880 auszuarbeiten. Das statistische Zentralbureau versendet nun Fragebogen, durch die ermittelt werden soll, wie viele Besitzungen in Ungarn in den letzten 30 Jahren ihren Eigentümer gewechselt haben und wer die neuen Grundbesitzer sind. Der betreffende Fragebogen enthält nun u. a. folgende