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Die Welt · 1910-08-05 · 31 (5.8.1910) · page 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 31 DIE^ELT 759 der Verleumdung nachweisen, und der Herr Rechtsanwalt würde vom Kreisgericht zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt. Dieser Tage traf nun vom Justizminister der Befehl ein, Witkowsky so'ort auf freien Fuß zu setzen, da ihn der Kaiser begnadigt hätte. Aus Jaroslaw wird mitgeteilt, daß die 16 Personen, die vor kurzem wegen des Pogroms vom Jahre 1905 verurteilt wurden, nunmehr begnadigt worden sind. Die Eisenbahnstation Fastow, Gouvernement Wolhynien, hat sich seit einiger Zeit dank ihrem berühmten Chef Rakowitzan einen großen Namen erworben. Dieser mustergültige Beamte hat als eifriger Pogromagitator und Vorsitzender der Ortsgruppe des Verbandes des russischen Volkes das besondere Wohlwollen seiner patriotischen Vorgesetzten erlangt. Im Bewußtsein dieser bevorzugten Stellung fühlte sich der edle Patriot so wohl, daß er sich manches erlauben zu dürfen glaubte, was selbst für einen russischen Beamten doch etwas zu stark ist. Schließlich wurde es der vorgesetzten Behörde etwas zu bunt, und sie sah sich genötigt, dem übermütig gewordenen Vaterlandsretter die Entlassung zu geben. Iii sein Dienstregister wurden folgende Leistungen eingetragen: Diebstahl von 45 Kopeken, Urkundenfälschung, Vergewaltigungsversuch an einer Passagierin, Verschulden einer Bahnkatastrophe infolge von Betrunkenheit und dergl. Die Verwaltung der südwestlichen Eisenbahnen scheint aber nicht erwogen zu haben, daß man mit einem verdienstvollen Vaterlandsfreund und Judenfresser über derartige Kleinigkeiten nicht rechten darf. Sie sollte bald durch den Eisenbahnminister Ruch low eines bessern belehrt werden. Wenige Tage nach der Entlassung des vielseitigen Beamten erhielt die Bahnverwaltung von Minister Ruchlow die telegraphische Anordnung, Herrn Rakowitzan wegen seiner segensreichen Tätigkeit sofort wieder in sein Amt einzusetzen. Der Sieg der „echtrussischen Sache" wurde in Fastow sehr geräuschvoll gefeiert. Die zu einem Bankette versammelten Patrioten gratulierten Ruchlow ielegraphisch zur „Vereitelung der Intrigen der Stammesfremden". Im Eisenbahnministerium war man aber etwas unangenehm berührt, als das Dienstregister des Herrn Rakowitzan, das ordnungsgemäß an sämtliche Ressortchefs und Abteilungsvorsteher versandt worden war, in der Presse erschien. Die Bahnverwaltung wurde telegraphisch angefragt, wer diese Indiskretion verschuldet hätte. — Wie dem auch sei, der bewährte Patriot wird seine „segensreiche Tätigkeit" zum Ruhme des Vaterlandes auch fürderhin ruhig fortsetzen können. Die Warschauer jüdische Gemeinde gegen das Sonntagsruhegesetz Die Verwaltung der Warschauer jüdischen Gemeinde hat sich telegraphisch an Abgeordneten Friedmann mit dem Ersuchen gewandt, bei der zweiten Lesung des Gesetzentwurfs bezüglich der Sonntagsruhe für Warschau die Erlaubnis der Sabbatruhe zu verlangen. Das Telegramm weist darauf hin, daß drei Viertel der Warschauer Kaufleute Juden sind. Die polnischen chauvinistischen Zeitungen, die diese Nachricht brachten, unterließen es nicht, bei dieser Gelegenheit zu betonen, daß die Warschauer jüdische Gemeinde sich an den „russischen" Abgeordneten Friedmann gewandt hat. Bekanntlich wurde die zweite Lesung der betreffenden Vorlage auf den Herbst verschoben. Bis dahin werden voraussichtlich auch andere jüdische Gemeinden Veranlassung nehmen, gegen dieses Gesetz, das man als national-religiöses Verhängnis und zugleich als wirtschaftliche Kalamität schlimmster Art bezeichnen muß, Verwahrung einzulegen. Kuriosa aus der Wohnrechtsfrage In Petersburg fand vor kurzem eine Konferenz für Kreditreform statt. Es waren 100 Vertreter verschiedener Institutionen für gegenseitigen Kredit erschienen, darunter 40 Juden, die sich über das Wohnrecht außerhalb des Ansiedelungsrayons nicht ausweisen konnten. Minister Kollege Kryshanowsky, der provisorisch den in der Sommerfrische weilenden Stolypin vertrat, verfügte die sofortige Ausweisung der jüdischen Delegierten. Die Einberufer der Konferenz entsandten eine Abordnung an Kryshanowsky, um den Widerruf dieser Maßregel zu erwirken, Kryshanowsky war aber unerbittlich. Die Eröffnungsstunde der Konferenz nahte heran, und die Polizei drang auf sofortige Abreise der jüdischen Delegierten. Ein einflußreiches Mitglied des vorbereitenden Komitees wandte sich sodann telephonisch an Stolypin und bat um die Annullierung der Verfügung Kryshanowskys. Stolypin gab ihm anheim, ein schriftliches Gesuch einzureichen. Das Gesuch wurde dann bewilligt mit der Bedingung, daß die Liste der betreffenden Delegierten dem Polizeidepartement eingereicht werde. Unter diesen befanden sich Männer von hervorragenden finanziellen Kenntnissen und Erfahrungen die nachher der Konferenz großen Nutzen brachten. Die Kuppel auf einer jüdischen Synagoge Man mag sich wohl noch der Verordnung des wahnwitzigen Odessaer Wüterichs Tolmatschew «Tinnern, man solle an dem Zarenemblem, das auf der großen Odessaer Synagoge prangt, ein Kreuz anbringen, damit das ZarenemMem keine Unvollständigkeit aufzuweisen hat. Tolmatschew macht Schule. Vor kurzem kam ein Beamter des Ministeriums des Innern nach Smolensk, um die dortigen Ämter zu inspizieren. Unverhofft entdeckte er nun ein großes Verbrechen. Während er nämlich durch die Stadt fuhr, bemerkte er zu seinem Entsetzen die hohe Kuppel, die über dem Neubau der jüdischen Synagoge emporragt. Er äußerte dem Gouverneur seine Entrüstung über die jüdische Chuzpe und ordnete die Abbrechung der allzu stolzen Kuppel an, was natürlich sofort geschah. ... Schließung einer jüdischen Ernigrationsgesellschaft Das Jekaterinoslawer städtische Vereinsamt verfügte die Auflösung der dortigen jüdischen Emigraticiisgesellschaft. Ausweisungen In Kiew haben 36 jüdische Kaufleute durch einen Federstrich der dortigen Kammer des Fiskus ihr langjähriges Wohnrecht verloren. Diese Kaufleute hatten nämlich s. Z. im Laufe von 10 Jahren einen Gildenschein ersten Ranges gelöst. Infolgedessen hatten sie bereits dem Gesetze nach das Recht, zur Gilde zweiten Ranges überzugehen, ohne ihres Wohnrechts verlustig zu gehen. Nun hat die Kammer erklärt, daß ihnen dieses Recht nichil zustehe. Die Betroffenen rekurrierten an den regierenden Senat. Dieser pflichtete der Ansicht der Kammern bei, und bereits erhielte« die 36 Familien von der Polizei die Ausweisungsorder. Durch die zurzeit herrschende rigorose Praxis in Wohnrechtsfragen wird die Existenz der bekannten ""Messe zu T j u m e n ernstlich in Frage gestellt. Die Messe hält sich nämlich in der Hauptsache auf dem Vermittlergeschäft, und es sind fast ausschließlich jüdische Kaufleute, die hier sibirische Rohprodukte für mehrere Millionen alljährlich einkaufen und nach dem Auslande entsenden. Jetzt wurde plötzlich die Aufenthaltsrechtsfrage angeschnitten und somit die ganze Messe überhaupt in Frage gestellt. — Im Gouvernement Jekateri noslaw wurden in letzter Zeit wiederum neue Massenausweisungen in die Wege geleitet. Die Gouvernementsbehörde ist eifrig an der Arbeit, neue Proskriptionslisten aufzustellen. Mit dem LandFlecken Popelnasty wurde bereits der Anfang gemacht, indem aus demselben elf Familien ausgewiesen wurden. — Eifrig wird das patriotische Reinigungswerk am Rigaer Strand betrieben. Alis. Bilderlingshof wurden 60 jüdische Familien ausgewiesen, dene-n zu Beginn der Saison ausdrücklich das Aufenthaltsrecht bewilligt worden war. Auf Grund dieser Bewilligung hatten sie die Miete, wie üblich, für die ganze Saison im voraus bezahlt. — Der Twerer Gouverneur hat vom Ministerium des Innern ein Rundschreiben erhalten, in welchem ihm vorgeschrieben wird, das Wohnrecht der Juden in seinem Gouvernement einer strengen Prüfung zu unterziehen und sämtliche wohnrechtslose Juden innerhalb eines Monats nach dem Ansiedlungsraypn abzuschieben. — Das Neueste auf dem Gebiete der Ausweisungspraxis ist die Leistung des berüchtigten Jaltaer Stadthauptmanns, General Dumbadse. Dieser energische Machthaber hat es einfach fertig gebracht, die jüdischen — Soldaten des Jaltaer Garnisonregiments aus dem Kreise Jalta auszuweisen. Hierauf erklärte er stolz: „Nun gibt es keine Juden ni&lir in der Jaltaer Garnison!" — Am 8. Juli begannen im Bezirke Syr-Darja Massenausweisungen von Juden. Es sollen ca. 500 Personen Befehl erhalten haben, den Bezirk zu verlassen. Von der Schulnot Der Allerhöchste Ukas vom 22. September 1909, der die Einführung der Prozentnorm bei der Aufnahme von Juden in verschiedene spezielle Lehranstalten anordnet, ist nunmehr für das neue Schuljahr in Kraft getreten. Danach werden von nun ab u. a. auch in die Schulen für Hebammen, Chirurgen u. dgl. jüdische Aspiranten nur nach folgender Norm aufgenommen werden: 5 Proz. in den Hauptstädten, 10 Proz. in den Städten außerhalb des Ansiedlungsrayons und 15 Proz. in denem des Ansiedlungsrayons. In diesem Jahre wurde bekanntlich die Gültigkeit der Prozentnorm auch für die privaten Lehranstalten proklamiert. Nun hat der Kurator des Wilnaer Lehrbezirlcs bereits die Durchführung dieser Verfügung angeordnet. Die Kiewer Handelsakademie, bis jetzt eine private Lehranstalt, erhielt dieser Tage den offiziellen Charakter einer Hochschule. Gleichzeitig wurde natürlich auf dieses Institut die Hochschulprozentnorm ausgedehnt.

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