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Die Welt · 1910-08-05 · 31 (5.8.1910) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
– (sequence 14)
Language
German
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758 DIE ELT No. 31 Turnsektionen und schließlich die Menge. Der Zug war herrlich und imposant und nahm mehrere Straßen ein. Abwechselnd spielte das Orchester und sangen die Konstantionpeler ihre; hebräischen Lieder, die, hier nie gehört, großen Enthusiasmus erregten. Endlich hielt der Festzug im Stadtgarten. Ironie der Geschichte: dort empfing ihn — das Standbild Ignatieffs. Der Inaugurätor der russischen Pogrom- und Austreibungspolitik von Angesicht zu Angesicht gegenüber diesen jungen freien und glücklichen Juden, die vielleicht nichts anderes als eben die Früchte seines bösen Willens geworden sind... Den Rest des Tages füllte nun ein fröhliches Treiben im Stadtgarten aus. Viele der Makkabäer jedoch eilten sofort in die Räume der neben dem Garten befindlichen Gemeindeschule, um der beginnenden zionistischen Vorkonferenz beizuwohnen. Abends gaben die Widiner im Stadtgarten ein Konzert, zeigten die Konstatitinopel unter dem Staunen und dem Jubel der Zuschauer ihre Turnkünst?, tanzten die Mädchenabteilungen Turnerreigen, trat die Rustsc.huker Gruppe mit Makkabäer-Deklamationen in spaniolischer Sprache auf. Mitten in das Fest hinein rückten die verspätet eintreffenden Schumioer mit ihrer Fahne an, denen das stark slawische Kostüm mit der Schafpelzkappe fast ein vollslawisches Gepräge gegeben hätte, wenn nicht das Magendawid auf der Kappentocke für ihre Art gezeugt hätte. — Wieder wurden mehrere Ansprachen gehalten, vor al em vom vorbereitenden Festkomitee in Warna. Der zweite Tag Am folgenden Tage fand die Eröffnung des zionistischen Landeskongresses statt. -Die Turner hatten rings den Wänden des Saales entlang Ehrenplätze erhalten. Die ernsten, würdigen und unermüdlichen Verhandlungen machten auf die jungen Konstantinopeler, die ottomanischen Pressevertreter miteingeschlossen, einen tiefergreifenden Eindruck. Sie schauten dem Gange der Beratungen geradezu mit Ehrfurcht zu, und in manchem stiegen, wenn er diese Art mit der noch unfertigen, oberflächlichen und unruhigen der türkischen Juden verglich, bitter wehmütige Gedanken auf, aber auch Gedanken froher Hoffnung, dieses Wesen einmal auch auf die einheimischen Brüder sich übertragen und dort ausbreiten zu sehen. Das Schauturnen Der Nachmittag des zweiten Tages brachte den Gipfelpunkt der Warnaer Veranstaltung: das große Schauturnen sämtlicher Turnvereine. Alle Sektionen taten natürlich ihr Bestes, es war ein wundervolles Bild junger jüdischer Kraft, Schönheit und Ausdauer. Die Bulgaren zeichneten sich durch hervorragende Einzelleistungen aus; die Konstantinopeler jedoch trugen unbestritten die Palme davon durch ihr stramm geschlossenes Auftreten, die tadellose Disziplin, das Systematische ihrer Leistungen. Unbeschreiblicher Enthusiasmus erweckte vor allem ihre hebräische Kommandosprache, die auf bulgarischem Boden zum ersten iWale erscholl. Die Turnerei unterbrachen verschiedene Reden, unter denen die des Direktors der „Aurore", Lucien Seinto, großes Aufsehen erregte. Von bulgarischer Seite sprach Herr Asseo. Im Gefolge des prächtig gelungenen Schauturnens, dem Tausende von Zuschauern, darunter viele bulgarische Offiziere und Beamte, beiwohnten, fand dieKonferenz der Turnvereine statt. Die beiden Hauptpunkte der Ausprache bildeten: der Anschluß der bulgarischen Turnvereine an die „Jüdische Turnerschaft" und die Übernahme der hebräischen Kommandosprache durch die bulgarischen Makkabäer. Alle Abteilungen ließen sich sofort die Kommandos geben, und so wird wohl bald auch die bulgarische Turnerorganisation hebräisch sein. Der letzte Tag und der Abschied Den Vormittag des letzten Tages brachten die Konstantinopeler Gäste wieder im Saale der zionistischen Konferenz zu. Mittags entführte sie ein Spezialschiff nach dem Ausflughause „Galata", wo eine fröhliche Geselligkeit unter Gesang und Tanz sich entfaltete. Der Abmarsch am Vorabend vollzog sich unter dem gleichen Zeremoniell wie der Einmarsch, nur daß der Zug jetzt noch bedeutend größer war. Beim Abschiede am Kai stieg die Begeisterung auf den Gipfel. Redakteur Maurice Cohen brachte den Dank der Scheidenden zum Ausdruck. Die Gäste, sagte er, seien Zeugen gewesen, entzückte Zeugen der herzlichen Beziehungen zwischen den Juden und dem bulgarischen Volke; er schloß mit einem Hoch auf das schöne gastliche Land. Von der andern Seite sprach Dr. A4arco Romano, der Präsident der zionistischen Tagung, dann wieder Redakteur Seinto und endlich der Sofiater Delegierte des Hamburger Zionistenkongresses und der Redakteur des neuen bulgarischen Zionfstenblattes „Jewrisky Preglat", Herr Farchi. Endlich mußte geschieden, sein. Der Dampfer wartete schon lange auf die Säumigen, die sich gar nicht trennen konnten. Die Hochrufe, die Lieder, die Umarmungen wollten kein Ende nehmen. Der Dampfer rollte vorn Stranle ab und bohrte sich in die-dunkle Nacht hinein. Aber weit, weit hinaus noch schollen ihm die brausenden Rufe, Beifallsalven und die Töne der Hatikwah, die letzten Grüße der Brüder nach. Rußland Ein literarisches Jubiläum Die hebräische Literatur hat in den letzten zwei Dezennien eine durchgreifende Umgestaltung erfahren. Mit' dem Auftreten der neuen Wortführer, der europäisch geschulten Publizisten und Kritiker, nahm unser Schrifttum einen europäischen Charakter an. Es ist nicht mehr die alte literarische Welt, wo der selbstgefällige Dilettantismus vorherrschte; die neue kritische Schule hat den literarischen Takt geschärft, den Geschtn ick veredelt und den Kunstsinn entwickelt. Dadurch wurde die hebräische Literatur zu einer modernen europäischen. Allerdings verlor sie dabei die ideale Seite des ehemaligen Schriftstellertums. Der Typus des selbstlosen Schriftstellers, der in der Liebe zu seiner „heiligen Arbeit" und vor allem zur hebräischen Sprache aufging, der aus seinem Beruf keinen materiellen Nutzen ziehen mochte, sondern ihn aus rein idealen Motiven ausübte, um die hebräische Sprache zu pflegen und dem jü ischen Volke „Aufklärung" zu bringen, gehört der Vergangenheit an. Und wie es bei den Erscheinungen unseres jüdischen Lebens gar häufig der Fall ist. war auch die Wendung in unserem Schriftwesen eine allzu schroffe und unvermittelte. Der Obergang vom alten zum „neuen Kurs;i war ein radikaler; die alte Richtung verschwand mit einem Male von der Bildfläche. So sehen wir, daß Schriftsteller, die noch vor nicht allzu langer Zeit Bedeutendes für die hebräische Literatur geleistet haben und in der Lesewelt sehr beliebt waren, jetzt fast in Vergessenheit geraten sind. Einer der Besten von der alten Garde blickt jetzt auf ein reiches 50jähriges Schaffen zurück. J. Brill — bekannt unter dem nom de plum Hiob aus Minsk — begann seine literarische Tätigkeit vor etwa fünfzig Jahren und schrieb seinerzeit fast für sämtliche hebräische Zeitschriften Artikel und Abhandlungen, die sich über die verschiedensten Stoffgebiete erstreckten. Seine Arbeitskraft war unerschöpflich. J. Brill war einer der ersten Schriftsteller, die das Hebräische durch die nachbiblischcn Wortschütze bereicherten und belebten; er hat sich um die Entwicklung des modernen hebräischen Stils sehr verdient gemacht. Er wirkte aus rein platonischer Liebe zum Schrifttum, und zur hebräischen Sprache; materielle Vorteile konnte er von seiner Arbeit nicht erhoffen und - erlangte sie auch nicht. Seinen Unterhalt erwarb er, wie fast alle Berufsgenossen seiner Zeit, durch Unterrichtsstunden, die er an Privatschüler erteilte. Außer den unzähligen Produktionen, die er während seiner langjährigen schriftstellerischen Tätigkeit im Druck veröffentlicht hat, befinden sich im Besitze des Jubilars noch viele handschriftliche Werke. An einem von diesen, einem groß angelegten talmudischen Lexikon, das nach dem Zeugnis von Sachkennern durch die Fülle des Stoffes und die eigenartige Bearbeitung desselben-alles bereits auf diesem Gebiete Geleistete überragen soll, hat dieser unermüdliche Schriftsteller zehn Jahre lang gearbeitet. Das Komitee,-das sich in Minsk, dem Wohnorte des Jubilars, gebildet hat, um dem verdienstvollen Schriftsteller zu seinem 70. Geburtstage und zum 50jährigen Jubiläum seiner schriftstellerischen Tätigkeit eine Ehrung zu bereiten, geht daran, eine Auswahl seiner Schriften herauszugeben. Das Beste von J. Brills literarischem Schaffen wird somit dem Hebräisch lesenden Publikum neu geboten, und dem verdienstvollen Schriftsteller soll wenigstens auf seine alten Tage eine gesicherte Existenz geschaffen werden, — wenn das jüdische Publikum seine Pflicht tut. Gegen die jüdischen Ärzte Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält aus Petersburg die Mitteilung, daß die dortige städtische Verwaltimg ihr Beamtenpersonal zur Bekämpfung der Cholera verstärkt, jüiische Ärzte als Beamte aber, ohne Rücksicht auf den bestehen Jen Ärztemangel und die Verschlimmerung der Epidemie, nicht einstellt. Entsprechende Nachrichten liegen auch aus andern russischen Städten vor. Begnadigung antisemitischer Verbrecher Der russische Rechtsanwalt Witkowsky in Kuna, Gouvernement Podolien, Vorsitzender der dortigen Ortsgruppe des Verbandes des russischen Volkes, hat sich vor mehreren Monaten die Niederträchtigkeit geleistet, einen Juden böswillig zu verleumden, daß er im Amtshause das Bildnis des Kaisers freventlich verunstaltet hätte. Glücklicherweise konnte der Jude seine Unschuld und die Böswilligkeit

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