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Die Welt · 1910-08-05 · 31 (5.8.1910) · page 13

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
– (sequence 13)
Language
German
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An diesem Punkte der Unterhaltung wurden wir durch den Besuch des Rabbiners von Baku Unterbrochen, und ich nahm Abschied von seiner Eminenz. Der Gipfel der Sklavenseligkeit Ein Smyrnaer Judenblatt bekommt es fertig, folgende Sätze niederzuschreiben und zu drucken: „Wir leben bis heute ruhig dahin, weil wir immer gearbeitet, uns geplagt und geschwitzt haben, so wie der Türke es wollte, wünschte und befahl. Wir trugen immer das Haupt gebeugt und den Mund verschlossen bei allem, was uns auferlegt und angeordnet wurde, und eben mit dieser niedrig-bescheidenen Art waren wir imstande, bis heute zu leben. Aber wenn wir hingegen uns einfallen lassen werden, den Kopf zu erheben, vor allem wenn die Realisierung des Zionismus unser Wunsch sein wird, dann wird das unser Ende werden. . . ." Das ist keine Parodie, sondern Ernst, wirkliche, traurige Wirklichkeit. Die „Makkabis" werden eine endlose Arbeit finden. . . . Rabbi Moses Halevy gestorben Donnerstag den 21. Juli starb hier der gewesene Großrabbiner der Türkei, Rabbi Moses Halevy. Er hatte das Amt des Ciroßrabbiners 32 Jahre lang bekleidet und mußte nach Einführung der Verfassung wie so viele Würdenträger des ancien regime in der Versenkung verschwinden. Mit dem Ableben des Rabbi .Moses Halevy hat eine charakteristische Epoche irr der Geschichte der türkischen Juden ihren Abschluß gefunden. Der Verstorbene w urzelte ganz in dem alten autokratischen Regime, dessen politische Maximen er auf das jüdische Leben übertrug. Durch besondere jüdische Gelehrsamkeit und allgemeines Wissen zeichnete er sich nicht aus. Die Stelle des obersten Würdenträgers der türkischen Judenheit erlangte er durch die besondere Gunst des ehemaligen Großvvesirs Fuad Pascha. Auch bei Abdul-Hamid und seinen iiofbeamten erfreute sich R. Moses Halevy großer Beliebtheit, dagegen war er der überwiegenden Mehrzahl der jüdischen Bevölkerung Konstantinopels und des Reichs während seiner ganzen Amtszeit entschieden mißliebig, um nicht zu sagen verhaßt. Als die jungiiirkische Partei zur Herrschaft gelangte, begann man ihn in der öffentlichkeit heftig zu bekämpfen und beschuldigte ihn aller möglichen Mißbräuche, an denen er, wenn man gerecht urteilen will, — zum allergeringsten Teil die Schuld trug. Es lag eben an dem ganzen alten System, daß die Zustände im türkischen Judentum so sehr verrottet waren, und R. Moses Halevy war nichts anderes als ein Kind seiner Zeit. Er besaß auch manche Vorzüge, denen eine spätere Zeit Gerechtigkeit widerfahren lassen wird. Das Leichenbegängnis des gewesenen Großrabbiners fand Freitag den 22. v. M. unter reger Beteiligung der Chacharnim und Notabein der jüdischen Gemeinde statt. Rabbi Haim Nahum ging bis 2um Friedhofe hinter der Bahre einher. Donnerstag den 28. v. M. fand in der Synagoge „Ez Hachaim" in Ortaköi eine Trauerversammlung statt, bei der Rabbi Haim Nahum die Trauerrede hielt. Der Minister des Innern im jiidischen Hospital Die Parlamentsverhandlung, in der der Minister des Innern sich bemüßigt sah, an Stelle der vier schweigenden jüdischen Deputierten die Interessen des Jüdischen Spitals zu vertreten, ist wohl noch in Erinnerung. Der Minister hat nunmehr aufs neue sein lebhaftes Interesse an der Institution bekundet, indem er dem Hause einen Besuch abstattete. Talaat Bej äußerte sich überaus befriedigt nach der Besichtigung; die Hauptstadt könne stolz sein auf den Besitz eines solchen Hauses. Auf die Ansprache eines Vorstehers der Anstalt erwiderte er, er wisse wohl, die Juden seien ein Grundpfeiler des ottomanischen Staates und nähmen regsten Anteil an allen Angelegenheiten, die das Reich zu höherer Entwicklung führen können. Die Konstantinopeler „Makkabäer" in Bulgarien Die Tage vom 16. bis 19. Juli 1910 werden mit goldenen Lettern in der Erinnerung der jüdischen Turner des Orients eingegraben bleiben. In diese Tage fiel gleichzeitig mit der Jahreskonferenz der bulgarischen Zionisten der Kongreß des bulgarischjüdischen Turnvereins in Warna, zu dem auch die Konstantinopeler eingeladen waren. Damit war eine schöne Revanche für die herrlichen Julitage des vergangenen Jahres gegeben, welche die bulgarischen Turner in Konstantinopel als liebe Gäste gesehen hatten. Die Ausfahrt Fünfundzwanzig auserlesene Turner der Konstantinopeler Jungmannschaft, einige begleitende Privatpersonen und mehrere Vertreter der hiesigen zionistischen Presse schifften sich am 16. an Bord des österreichischen Dampfers nach Warna ein. Die Überfahrt den Bosporus hinaus und über das strahlende Schwarze Meer hin war nicht ohne interessantes Erlebnis. Auf dem gleichen Schiffe befand sich eine größere Anzahl Teilnehmer des neoslawistischen Kongresses in Sofia, die auch Abstecher ans Goldene Horn gemacht harten und nun ihrer Heimat zufuhren: Polen, Tschechen und Ruthenen. Auf diese Herren machte die Schar der fröhlichen jüdischen Turner, die strammen, muskulösen Gestalten in ihren schmucken Uniformen, ihre selbstbewußte Haltung und ihre enthusiastischen hebräischen Gesänge einen großen Eindruck. Als sie erfahren hatten, wer die junge Truppe war, entspannen sich ernste, interessante Debatten an Bord des Schiffes. Die Ankunft und der erste Tag Unter solchen Gesprächen näherte man sich schließlich der bulgarischen Hafenstadt, deren Lage von einem wundervoll milden Reize ist. Schon weit draußen erblickte man ein dunkles Gewimmel am Strande, das von wehenden weißen Tüchern wie überflutet war. Schon im Hafeneingang vernahm man die weit übers Meer hinaushallenden getragenen Klänge der Hatikwah, mit der ein Militärorchester die jüdischen Ankömmlinge begrüßte. Die bulgarische Hymne folgte, dann legte das Schiff an. Hunderte weitgeöffneter Arme breiteten sich den jungen Gästen entgegen, die persönlich zwar noch ungekannt, doch wie endlich wiedergekehrte, langersehnte Brüder ans Herz geschlossen wurden. Am Kai wurden die Turner empfangen von dem Zentralkomitee der Zionisten Bulgariens, dem Zentralkomitee der bulgarischen Makkabäer, den verschiedenen Turnvereinen mit ihren wehenden Bannern und schimmernden Uniformen und einer mehrtausendköpfigen Volksmenge. Alle Turner formierten sich in Doppelreihe mit den Fahnen und dem Orchester en t6te, dann begannen die Begrüßungsansprachen. Den Reigen eröffnete der Präsident der bulgarischen Zionisten, Dr. Preciado Romano. Er gab dem Glücksgefühl aller bulgarischen Juden darüber Ausdruck, freie jüdische Kinder der freien Türkei zum ersten Male auf bulgarischem Boden begrüßen zu können. Es sei wie ein Traum, den man sich vor zwei Jahren noch nicht hätte träumen lassen, erstens eine freie Türkei, zweitens freie nationalgesinnte Juden der Türkei. Dieser Nationalismus beeinträchtige die Vaterlandsliebe nicht; er sei überzeugt, die jüdischen Nationalisten der Türkei würden ebenso gute Ottomanen sein, wie die nationalistischen Juden Bulgariens gute ergebene Bulgaren seien. Das zionistische Ideal"widerstreite nirgends dem Patriotismus, geschweige denn in der Türkei, in deren Zukunft der Zionismus sein Ideal erblicke und in der er die Juden etablieren wolle. Er schloß mit dem heißen Wunsche einer innigen Verbrüderung sämtlicher Juden des Orients. Nach ihm sprach der Präsident der bulgarischen Makkabäer- Zentrale, Raschomim Asseo, Hebräisch und endlich der Redakteur des „Haschofar" und Sekretär des zionistischen Zentralbureaus Bulgarisch. Er wies auf die Anstrengungen hin, die die Juden der Türkei gleich den andern Elementen zur Erringung der Freiheit auf sich genommen hätten; er hoffe auch, die Früchte davon für sie zu sehen. „Hier im freien Bulgarien, inmitten des großmütigen und toleranten, arbeitsamen bulgarischen Volkes, haben wir volle Möglichkeit zur Entfaltung unserer nationalen Ideale. Und wir sind überzeugt, daß auch ihr in eurem freien Lande ebenso eure nationalen Ideale entwickeln werdet. Die bulgarischen Zionisten sind glücklich, die ersten Pioniere des ottomanischen Zionismus bei sich zu sehen." Nach dieser Rede fiel das Orchester wieder mit der „Hatikwah" ein, der wieder die bulgarische Nationalhymne folgte. Nunmehr ergriff als Vertreter der Konstantinopler Makkabäer Heinrich Abraham das Wort. Die erste Hälfte seiner Rede war hebräisch, was einen ungeheuren Beifallssturm entfesselte, da bekannt war, daß dem Redner noch vor wenig Monaten unsere nationale Sprache gänzlich fremd gewesen war. Als der brausende Jubel über die zündenden Worte verklungen war, formierte sich das Ganze zum Zuge. Die Spitze nahmen die Konstantinopeler in ihren türkisch-militärischen Khaki-Uniformen und dem Fes, zwei von ihnen trugen das blaue Riesen-Magendawid, das Bannerzeichen des Vereins, hoch voran. Hinter ihnen schritt ein Trommler, der die Rustschuker Abteilung führte in ihren dunkelblauer, durch die bulgarische Schärpe belebten Jacken, ihren weißen Hosen und der schwarzsamtnen Kappe mit der Herzlkokarde. Ihnen folgten die wackern Wi&iner Musikanten, eine Turnersektion, die zugleich ein prächtig geschultes, dreißig Mann starkes, von einem christlichen Zionisten dirigiertes Mandolinen- Orchester bildet; alle schneeweiß mit blauem Gürtel. Es schloß sich eine Mädchenabteilung an, das Militärorchester, die übrigen

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