Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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proportionaler Wahlen in die Nationalversammlung zu entsendenden Delegierten nicht die nötige Autorität, ihre Gemeinden zu vertreten. Zweitens hatte ich mir in der Tat vorgesetzt, endlich den Parteihader im Zentrum des palästinensischen Lebens ein Ende zu setzen, der drohte, gefährliche Folgen nicht nur für die Stadt, sondern auch für das ganze Land zu zeitigen, und den aus der Welt zu schaffen ich, von verschiedensten Seiten des palästinischen Judentums eingeladen war. Drittens und endlich lag mir auch daran, mich aus eigenem Augenschein von dem gegenwärtigen Zustande der palästinensischen Judenheit zu üherzeugen, ihre Bedürfnisse kennen zu lernen und ihre Wünsche entgegenzunehmen." „Ist es das erste Mal, daß J. E. das heilige Land gesehen haben?" „Nein, ich lebte eine Zeitlang dort, in meiner Jugend, aber das ist lange her, Erinnerungen . . „Welche Eindrücke haben Sie nun von dem Dasein unserer Brüder empfangen, — wenn wir zuerst von der ökonomischen Seite sprechen wollen?" „Sie werden wohl wissen, daß der erste und stärkste Eindruck, den man in Jerusalem empfangen muß, der einer großen Misere ist. Und wenn auch schon Ansätze zur Besserung da sind, hoffnungsvolle Ansätze, so bleibt doch der betrübliche Gesamteindruck immer noch bestehen. Auch in Tiberias und Safed ist das Elend groß--" „Aber J. E. haben doch auch die Spuren eines neuen ökonomischen Lebens und die neuartigen Versuche zur materiellen Hebung der palästinensischen Juden bemerkt?" „Freilich, und was ich da gesehen habe, hat mich mit außerordentlicher Genugtuung erfüllt. Ich habe die neuen Stadtteile in Jerusalem, in Jaffa besonders, und in Caiffa in Augenschein genommen. Ich habe fast sämtliche Kolonien besucht, von Rechoboth angefangen bis nach Rosch-Pina hinauf, und habe erfreut die neuen Elemente an der Arbeit gesehen. Es ist bewunderungswürdig. Ich habe den „Bezalel" besucht, der sehr interessant ist, nicht so sehr durch die Zahl der Arbeiter, die noch eine recht beschränkte ist, oder durch die wenige Arbeit, die er produziert, als vielmehr durch die Anfänge einer neujüdischen Kunst, die er entwickelt. Ich habe mit Freuden die Handwerkerstätten der Jerusalemer Alliance-Schule gesehen. Ich habe das Wirken der jüdischen Bank in der Nähe bemerkt und die vielen Bestrebungen zur Besserung der Lage . . ." „Und die kulturelle Arbeit?" — „In dieser Beziehung wird Großes geleistet. Es ist erstaunlich, wie weit bereits die Ausbreitung des Hebräischen gediehen ist. Alle Welt hat es ja dort bereits als Zentralidiom anerkannt. Die Schulanstalten, die ich gesehen habe, sind bewundernswert." „Die haben Sie alle besucht?" — „Alle. Ich habe sämtliche segensreichen Institute des Hilfsvereins der Deutschen Juden gesehen, die Lämelschule, das Lehrerseminar, die Kindergärten, die eine so bedeutende Rolle spielen." „Haben Sie auch dem hebräischen Gymnasium in Jaffa einen Besuch abgestattet?" „Gewiß." „Haben Sie die Schüler geprüft?" „Jawohl." „Und wie fanden Sie das Niveau ihrer Erziehung, nicht nur bezüglich des Hebräischen, sondern auch im allgemeinen und jüdischen Sinne sonst?" „Ich habe sie über jüdische Geschichte befragt, und sehr zufriedenstellende Resultate gesehen. Der allgemein jüdische Geist läßt dort anscheinend nichts zu wünschen übrig. Auch das schöne Chowewe-Zion-Werk des Beth-Sefer-la-Banoth ist imponierend." „Ihre Eminenz hat bei-Ihrem Aufenthalte im Lande zweifellos mit allen Elementen und Führern des neuen Jischuw Berührung gewonnen?" „Jawohl, mit allen." „Herrn Dr. Ruppin haben Sie in Jaffa ebenfalls kennen gelernt?" Der Großrabbinner konnte sich darauf nicht besinnen; und das ist erklärlich, da Herr Dr. Ruppin zur Zeit wohl zur zionistischen Jahreskonferenz abgereist war. „Ich frage deshalb, weil Herr Dr. Ruppin der offizielle Repräsentant des zionistischen Aktionskomitees in Palästina ist." „So? Nein. Aber ich habe mit Herrn Levontin, mit Herrn Scheinkin, Dr. Chissin, Dr. Metmann und andern gesprochen." „Diese Herren sind im Namen der Gemeinden, und ebenso andere Instanzen mit Wünschen an Sie herangetreten?" „Ja. Alle haben ungefähr im gleichen Sinne an mich appelliert und mir die Wünsche der Bevölkerung in Memoranden übermittelt." „Welches sind diese Forderungen?" — „Es handelt sich bei allen wesentlich um zwei Klagen; um die Erschwerungen bei den Landankäufen und die Hindernisse beim Übertritt in die ottomanische Untertanenschaft." „Und der rote Zettel?" Seine Eminenz hatte eine leichte Bewegung der Ungeduld: — „Ach ja. Aber Sie wissen, daß ich in dieser Sache nicht gut weitergehen kann. Sie ist nicht von meiner Kompetenz. Das ist eine Frage lediglich der ausländischen Juden, die mehr die einzelnen Gesandschaften berührt als das Großrabbinat." „Aber die Gesandschaften nehmen ja die Verteidigung der Juden nicht." — „Das ist bedauerlich, aber ich kann da nicht eingreifen, es berührt mein Ressort nicht." „Erlaube mir zu bemerken: Der rote Zettel, den man den ankommenden Juden einhändigt —ö — „Man gibt keinen roten Zettel mehr. Man nimmt ihnen den Paß ab und trägt sie in eine Liste ein." „Also dasselbe in anderer Form. Man gestattet ihnen damit drei Monate Aufenthalt. Angenommen die Eingewanderten wollen ottomanische Bürger werden; dazu reichen aber diese drei Monate nicht aus, das Gesetz verlangt fünf Jahre. Die Frage des roten oder weißen Zettels hängt also eng mit der der Naturalisation zusammen, so daß vielleicht doch ihre Kompetenz durch sie berührt wird. — „In der Frage der Naturalisierung werde ich das meinige tun. Und ich werde hier sogar bis zum Äußersten gehen (je vais aller jusqu'au bout). Aber in der Frage des roten Zettels nicht. Ich könnte das nur dann, wenn es sich um eine religiöse Frage, eine Frage des Kultus handelte, wobei ich auch für auswärtige Juden der Regierung gegenüber kompetent bin. Das wäre dann eine Pilgerangelegenheit. Als solche hat sie auch die Regierung angesehen und gefunden, daß sie den das heilige Land besuchenden jüdischen Pilgern völlig loyal genüge leiste, indem sie ihnen drei volle Monate zur Besichtigung des Landes gewähre; diese drei Monate könnten genügen. Was aber die endgültige dauernde Niederlassung betreffe, so meinte sie, seien andere Staatsinteressen im Spiele. Und hier ist meine Kompetenz vollkommen ausgeschaltet. Was aber die andern beiden Klagen betrifft, so wiederhole ich, ich werde bis zum Äußersten gehen." „Das heißt, Eminenz, Sie werden für Erleichterung der Naturalisation eintreten und für volle Freiheit des Landankaufs. —" — „Jawohl —" „— seitens ottomanischer Juden." — „Gewiß seitens ottomanischer Juden. Für die andern kann ich nicht intervenieren. Ich habe sogar bereits die ersten Schritte unternommen. Ich habe mich lange mit dem Präsidenten der Kammer, mit Ahmed Risa Bej, darüber unterhalten. Wir sind aber noch nicht zu Ende gekommen; er versprach mir, mich demnächst zu besuchen und die Angelegenheit mit mir zu Ende zu besprechen." „Und wie zeigte sich Ahmed Risa in der Frage gestimmt?" — „Er bestärkte mich in meinen Vorsätzen. Er versprach mir entschiedene Unterstützung. Er schlug mir sogar vor, bei Beginn der nächsten Session, durch einen unserer — der jüdischen Abgeordneten natürlich, den Großwesir darüber interpellieren zu lassen. Ich habe ihm aber geantwortet, daß ich diesen Schritt noch vermeiden und es vorziehen möchte, die Erfüllung unserer Forderurigen auf administrativem Wege, durch Intervention beim Minister des Innern, zu erreichen. Sollten freilich diese Schritte resultatlos verlaufen, so werde ich in der Tat eine solche Interpellation veranlassen." „Noch eine Frage, Herr Großrabbiner. Sie haben, wie Sie früher sagten, in Palästina alle Elemente und Instanzen der auf die Neubesiedlung Palästinas gerichteten Bestrebungen, der Zionisten und Chowewe-Zion, kennen gelernt. Haben Sie unter all diesen Elementen irgend welche in politischer Beziehung ungehörige Tendenzen zu bemerken Gelegenheit gehabt?" Rabbi Nahums Gesicht nahm bei dieser Frage plötzlich einen steifen, strengen Ausdruck an. Eine bei ihm von mir noch nie gesehene Unruhe und Heftigkeit schien in dem regungslosen Körper sich zu verbreiten. „Im allgemeinen nicht . . ." „Das heißt .. . „Ich werde Ihnen sagen: ja!" Die bisher maschinenmäßig matt und klanglos fallenden Worte nahmen einen grellen gereizten Klang an. Die müden farblosen Augen bekamen Flämmchen. „Wo, bei wem haben Sie das bemerkt?" „Bei den Anhängern des Poal-hazair." „Ist das möglich! Und wie hat sich das geäußert?" „Man hat mir da von Seiten der „Poal-hazaTr" eine Rede gehalten . . . man hat sie mir sogar schriftlich gegeben . . Und Rabbi Nahum zitierte mir auf mein Drängen einen von ihm als politisch unpassend befundenen Satz, der jedenfalls schädlicher Auslegung unterworfen sein kann. „Die von den andern Instanzen, von den Städten und Kolonien mir übergebenen Schriftstücke sind auch durchaus politisch vernünftig gehalten. Aber solche Entgleisungen sind sicher gefährlich."