Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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da er sah, daß sie die Zwanzig schon überschritten hatten und immer noch in ihres Vaters Hause saßen, was nicht in Israel geschehen soll. So ging er denn eines Tages zu Samuel und sagte ihm, er möge ihm fünfhundert, Dukaten geben zur Verheiratung seiner Töchter, und er wüßte einen Weg, ihm einen Nachkommen zu erwirken. Samuel glaubte den Worten des frommen Rabbi und tat, wie dieser von ihm heischte. Nur Chawah war bestürzt, da sie es hörte, und dachte bei sich: Woher mag er mir Hilfe bringen? Und hierauf sammelte der Rabbi zehn von den Männern seines heimlichen Kreises und von denen, die mit ihm in seiner Jugend gelernt hatten, — und auch zwei seiner Schüler waren darunter, — und gebot ihnen, sie sollten beginnen, ihren Werken nachzuspüren, jede kleinste Schuld, deren sie in sich gewahr würden, wegzuschaffen, und sich zu einer großen Sache bereiten. Die Männer gehorchten, und er gab ihnen eine Ordnung des Tages und der Woche für all ihr Tun, Lernen und Beten. Sie fasteten "in je drei aufeinanderfolgenden Wochen drei volle Tage und hüteten sich an jedem Fasttage, von gemeinen Dingen zu sprechen, waren vorsichtig in bezug auf jede kleinste Bewegung, reinigten ihre Gedanken und läuterten alles Qedankenwogen; sie schliefen auf der Erde ohne Kissen, untersuchten, ehe sie schlafen gingen, alle Mesusot, ob nicht — Gott behüte — ein Buchstabe verletzt sei, daß der Samiel davon Besitz ergriffe. Und vor dem neunten Fasttage wachten sie die ganze Nacht, lernten im Sohar und bezwangen sich, nicht zü schlafen, denn also hatte der Rabbi ihnen befohlen. Frühmorgens gingen sie alle nach dem Quellbad, machten achtzehn Tauchungen, wie in den Kawanoth des „Ari" anbefohlen, und beteten den ganzen Tag, weinend und zerknirrschten Herzens. Vor dem Minchahgebet gingen sie abermals zum Tauchbad, legten wie vor Sabbatanfang frische Gewandung an, versammelten sich zum Minjan im Hause des Rabbi und beteten in heiliger Reinheit. Dann beteten sie zum Abend, alle in Tallis, weiß angetan, — wie am Versöhnungstage oder in der Sedernacht, schlössen dann das Zimmer, verhüllten die Fenster, entzündeten große Wachslichter und stellten sie auf die Erde, wie am neunten Ab gegeschieht. Und der Rabbi öffnete in bebender Angst eine Thorarolle, rollte sie vor ihnen auf, redete verhaltene Worte, hieß sie, ihre Gedanken von allem Schwanken zu reinigen und ihre Andacht in einen Punkt zu zwingen und sprach: Nun will ich meinen Mund auftun, und ihr sollt Wort für Wort mir nachsprechen und, Gott behüte, auch keinen Laut verfehlen. Und der Rabbi öffnete den Mund und beschwor Gott bei dessen heiligem Namen, daß er in diesem Jahre dem Samuel, Sohn der Sarah und der Chawah, Tochter der Zirel, einen Sohn beschere, — und sie sprachen Wort für Wort ihm nach. Und als der hochheilige Name deutlich aus ihrem Munde kam, befiel sie .ein gewaltiges Gotteszittern, es begannen die Wände des Zimmers zu schwanken, und ein mächtiger Sturm kam von Norden einhergebraust, — die Beschwörer fielen auf ihr Angesicht und lebte kein Hauch in ihnen. Die Erde bebte und die Stadt drohte in Trümmer zu sinken. Und alle Heere des Himmels fragten einander: „Wer stand auf, uns von der Stelle zu rütteln?" Und es war ein mächtig Tosen in den Heerscharen der Höhe und der Tiefe, das nicht seinesgleichen hatte. Engel packte die Bestürzung und heilige Tierwesen ein Beben. Und es war ein Sturm und Dunkelheit die ganze Nacht. Erst um den Morgen trat Ruhe ein. So hatten zehn Männer aus Irael den Namen des Herrn heruntefgesehworen, — und der Herr kam ihnen nach. Aber ein jeder der Beschwörer trug die Folgen seiner Schuld, daß sein Herz zu solchem Werke sich erkühnt hatte. Der eine fand nie mehr den Schlaf, der andere wurde vom Wahnsinn ergriffen, dem fiel sein Sohn vom Glauben ab, — alle waren Gottgezüchtigte. Schrecken des Herrn war unter ihnen, sie zu Schanden zu schlagen. Und ein Kriegshaufe drang in die Stadt und schleppte die Töchter des Rabbi mit sich fort, und keiner wußte, wohin sie gekommen und ob nicht Schändung ihnen widerfahre. Rührt nicht an den heiligen Namen, ihr Menschenkinder, und frevelt nicht mit euren Schwüren! Und Chawah ward schwanger und bekam eine schwere Geburt und gebar und starb. Aber das neu geborene Kind zuckte, als es ans Tageslicht kam, und schrie mit einer starken Stimme, wie ein erwachsener Mensch. Sie begruben die Mutter und suchten für die einen Tag alte Waise eine Nährerin, und diese nahm das Kind in seinen Windeln auf die Hand und reichte ihm die Brust. Allmächtiger Gott 1 Der Säugling öffnete den Mund und sprach den Segen über die Milch. Da zitterte das Weib und blieb kein Odem in ihr. Die Männer gerieten in Bestürzung, — die Sache ging durch die ganze Stadt und alle zitterten und sprachen: „Was hat uns Gott getan!" Und der Knabe wuchs auf unnatürliche Weise heran, — und sein Name war Michael. In drei Monaten redete er schon mit den Menschen, verrichtete des Nachts das Schmah-Gebet und morgens das Gebet des Dankes, — und die Leute mochten ihren Augen nicht trauen und sagten: „Dies ist keines Menschenweibes Kind!" Und als er ein halbes Jahr alt war, ging er schon umher, wusch die Hände vor der Mahlzeit, — ein Jahr alt wußte er alle Gebete, lernte aus Büchern, und sein Name ging im ganzen Lande um. Allerorten, wohin dieses Wunders Kunde drang, staunten die Männer, verwunderten sich und sagten: „Ist es nicht ein von oben Verhängtes, daß solch ein Menschenwesen auf die Erde geschickt wird?" Und als der Knabe zwei Jahre alt war, disputierte er schon mit dem Rabbi und wußte auf alle Fragen Bescheid. Zu drei Jahren war er des großen Talmuds kundig, mit allen Kommentaren, und das wurde zum Wahrzeichen und Rätsel. Man sagte: Dies kann nur eine sehr, sehr hohe Seele sein, von den Engeln der Höhe, und sie gedachten des „Ari" und all seiner Taten und Wunder, als er ein Kind noch war, denn auch dieser hatte mit fünf Jahren schon sich zur Kabbalah gewendet und kannte kein Hindernis in seiner Bahn. Damals begann der Knabe Tefillin zu legen, im Tallis zu beten, zum Volke zu predigen und Künftiges vorherzusagen. Wohl wußten die Leute auch ein Buch von ,Prophezeiungen des Kindes", — dennoch befiel sie große Angst, und alle, so ihn sahen und hörten, gerieten in Bestürzung. Sein eigner Vater begann sich davor zu fürchten, mit ihm in einer Stube zu schlafen, und dachte bei sich: Dies ist kein Menschenkind, sondern ein. Gotteskind, und es geht dies alles