Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nu. 31 DJE3^E LT 751 (□□.□□□□ °o A-;--O . FEUILLETON DIE BESCHWÖRUNG Aus dem Hebräischen des M. J. Berdiczewsky o □ □□□□□ Ii O <u o j Vor fünfzig Jahren oder früher geschah es, damals, als die Kinder Israels noch gottesfürchtig waren und in den Wegen des Herrn wandelten, seine Gebote hüteten, seine Thora lernten, mit Mitternachtsgebeten, Frühaufstehen und dem Sagen von Psalmen, Liedern und Benedeiungen sich befaßten, — damals, als die meisten sich vor der Sünde scheuten, und wenn einer sich schon \ erfehlt hatte, er gleichwiegende Buße tat, und wenn einer zwar nicht sündigte, aber durch des Hauses Bedürfnisse gezwungen war, sich mit weltlichen Dingen abzugeben, dann mühte er sich auf andere Weise, sich wieder an das Heilige zu heften, durch Mildtätigkeit an Arme, durch Unterstützung von Talmudgelehrten, durch Anzünden von Lichtern in den Bethäusern und durch das Schreiben von Thorarollen ... In jenen ruhsamen Zeiten nun lebte in einer Stadt Polens ein Mann, der Samuel geheißen war; dieser Mann war redlich in seinem Wandel, trieb seinen Handel in Ehrlichkeit und hatte Erfolg in seinen Werken, war weitherzig und guten Willens, sowie es ihm nur gut ergangen war. Nur Kinder hatte er keine, sondern der Herr hatte den Schoß seines Weibes verschlossen. Und auch sie war ein braves, herzensgutes Weib, betete jeden Morgen und befaßte sich mit Wohltätigkeit und Armendienst. Zu ihr kam jeder, der ein Leid hatte in der Stadt, und jeder, dem das Herz verwundet war, und alle fanden Beistand. Da kränkte es Samuel und sein Weib, daß sie keine Kinder bekamen und fanden kein Unrecht in ihren Taten, wofür sie der Herr gestraft hätte, — so nahmen sie diese Zucht nicht in Liebe, sondern umgekehrt: sie suchten nach Heilmitteln, hörten nicht auf, Ärzte und Wundertäter zu befragen, taten Gelübde für den glücklichen Ausgang, übten viele fromme Pflichten um des Kindersegens willen, um Gottes Herz zu bestimmen, daß er sich ihrer erbarme und sie am Ende doch eines Sohnes würdig befinde. Und Gott erhörte ihr Flehen nicht. Es vergingen fünf Jahre vom Tage ihrer Vermählung, und sie empfingen kein Kind, — es vergingen zehn und fünfzehn und endlich achtzehn Jahre, — sie aber hörten beide nicht auf, zu hoffen und zu bangen, — und noch trachteten sie in Worten und in Werken, das Verhängnis zu wenden, daß ihnen in üblicher Weise ein' Kind geschenkt würde, es in den Armen zu herzen. Jeden Sabbat, der dem Neumond voranging, weinte Samuel im Gotteshause in einer Ecke, und sie ergoß ihr Gebet in die Weiheschale oben, und jeden Vorabend des Neumonds hieltensie beide einen „kleinen Jom-Kippur" und sprachen alle Sühn- und flehenden Gebete, und nutzten so jede Stunde, geeignet zu Gebet und Willenserhörung, — und Gott willfahrte ihrem Wunsche nicht. Das verdroß Samuel sehr, und er begann im Herzen gegen seinen Schöpfer Klage zu führen, wie Job zu seiner Zeit, daß er ihn ungerechterweise gezüchtigt, daß er denen, die Gerechtigkeit üben, nicht nach Gerechtigkeit vergelte, — und auch Chawah, in all ihrer Redlichkeit und Einfalt, begann über Gott und seine Werke zu staunen, fand darin einen Anstoß des Lebens und dachte: Warum hört, der im Himmel wohnt, nicht auf ihre Stimme? Der Gott des Erbarmens, warum erbarmt er sich nicht? Und es sind doch viele der Seelen in dem Schatze der Seelen droben. Und jedes Weib, das einem Manne vermählt ist, gebiert Kinder, sogar wenn sie nicht gut und würdig war. In jeder Straße, in jedem Viertel hangen Säuglinge an der Brust der Mutter, und nur ihre Brust hat keinen Daseinssinn. Kein saugend Kindlein hängt an ihr. Da verwarfen diese ehrlichen Leute den Weg des Betens und der Frömmigkeit und begannen nach Zaubermitteln zu suchen. Gelang ihnen, was sie suchten, nicht auf dem. Wege der Reinheit, so versuchten sie es auf dem Wege der Unreinheit, hielten Flüsterungen und gaben ihre letzte Kraft, sammelten gewisse würzige Kräuter und hielten sogar Beschwörungen, in ihrer Weise, — aber alles umsonst. Und sie schlachteten vier schneeweiße Vögel, an denen keine dunkle Feder war, und sogar dies nutzte nichts. Und es gab ein Kraut solcher Art, daß, wer es berührte, in tiefen Schlaf verfiel und im Traume auf einen Berg kam; darauf lag ein großer Stein, auf dem man sitzen mußte, die Augen zum Himmel richten und warten, bis ein riesiger Adler geflogen kam. Dann sollte der dort Sitzende aufspringen und zwölfmal nacheinander sein Verlangen aussprechen. So würde es erfüllt. Aber auch dieser Versuch mißlang. Will Gott nicht, dann hat auch der Satan keine Macht, — und alle Tore sind verschlossen. _ Und doch öffneten sich die Tore, nicht durch den Geist der Unreinheit, sondern der Reinheit. Und eigentlich nicht durch Reinheit, sondern durch Selbstreinigung, und nicht durch diese allein, sondern durch Heiligung, und nicht eigentlich durch Heiligung, sondern durch die Verwebung eines Schwurs, eines furchtbaren Schwurs, eines Schwurs, daß dem, der ihn hört, beide Ohren tönen und sein Innerstes erzittert beim Anblick von Menschenmut und Menschenübermut. Und also hat sich die Sache zugetragen. In jener Stadt, in welcher Samuel mit seinem Weibe wohnte, lebte ein großer Kabbaiist, der immerfort fastete, Kasteiungen und Läuterungen oblag. Sein Körper war von Jugend auf gewöhnt an die „Wandlung zu schneegleicher Reinheit", an die achtzehn Tauchungen im Quellbad. Er trug seinen Körper in Sack gehüllt und hatte Asche auf das Haupt gestreut, — so trauerte er all seine Tage um die Verbannung der Schechinah. Und der Rabbi hatte zwei Töchter, die in den Jahren der Reife standen und keinen Gatten finden konnten, — und sie waren weder schön noch vermögend. War ja der Rabbi all seine Tage arm, wie jeder Gottesfürchtige sein muß! Doch tat es ihm wehe, 2*