Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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muß fremde Interessen verfechten; es ist ihm fast unmöglich, unsere nationalen Ideen zu vertreten, oder er muß auf die journalistische Betätigung verzichten. Vor diesem Dilemma steht er. Und nicht nur er, sondern alle jüdischen Künstler, wenn auch der Gegensatz nicht immer, infolge der Verschiedenheit des Stoffes, so kraß zutage tritt. Ich denke an Künstler ersten Ranges, wie Arthur Schnitzler, Liebermann, die wiederholt ihrem jüdischen Empfinden offen Ausdruck gaben. Aber sie konnten beim besten Willen (ohne natürlich in ihrem Namen zu sprechen) zu der Bewegung nicht in ein fruchtbringendes Verhältnis treten, weil wir ihnen keinen Wirkungskreis bieten können. Ich will daher im folgenden die Tätigkeit einer Gesellschaft näher schildern, die aus ähnlichen (wenn auch nicht denselben) Nöten geboren ist; es ist dies die Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen.**) Im Gefolge des raschen Aufstieges der tschechischen Nation traten zahlreiche tschechische Künstler' und Schrifsteller auf, die in Zeitungen, Schriften und Museen ihre Werke veröffentlichten. Man fing an, die tschechische Kunst zu achten und identifizierte sie mit der tschechischen Nation. Denn während die tschechischen Künstler stets geschlossen auftraten, von der tschechischen Öffentlichkeit wirksam unterstützt wurden, eigene Organe hatten, zerstreuten sich die Arbeiten der deutschen Künstler in den verschiedenen deutschen Zeitschriften, ohne daß es infolgedessen zu einer Gruppenbildung kam, und ohne daß die Deutschen Böhmens selbst ihre Künstler kannten. In diesen Zuständen sollte die obengenannte Gesellschaft einen Wandel schaffen, und es ist ihr auch in achtzehnjähriger Arbeit gelungen, wie der jetzt vorliegende Rechenschaftsbericht beweist. Wir wollen einige Seiten ihrer Tätigkeit herausgreifen. Die Gesellschaft wird seitens der Deutschen Böhmens in künstlerischen Fragen als Ratgeber und höchste Instanz angerufen. Soll in einem Orte ein Denkmal geschaffen werden, so schreibt die Gesellschaft den Wettbewerb aus und bestimmt die Preise. Das Budget der Gesellschaft verteilt sich folgendermaßen: für Publikationen wurden 30 800 Kr., für wissenschaftliche Zwecke 26 170 Kr., für künstlerische 24450Kr., für literarische Zwecke 9940 Kr. und für Tondichtungen 8783 Kr., zusammen 100 143 Kr. im Jahre 1909 verausgabt. Die Zahl der subventionierten Gesuchsteller belief sich auf III, hiervon waren wissenschaftliche Forscher 32, bildende Künstler und Kunstschüler 48, Dichter 18, Komponisten 13. Außerdem verwaltet die Gesellschaft eine Anzahl Stiftungen, deren Erträgnisse sie jedes Jahr verteilt. Sie unterstützt durch Stipendien die Lösung wissenschaftlicher, noch offener Fragen, z. B. die prähistorische Durchforschung des deutschen Teiles von Böhmen, ferner die geologische und biologische Forschung. Im Hirschberger Teiche wurde eine biologische Station errichtet, die auch von reichsdeutschen Studenten besucht wurde; die Publikationen der Station werden auf Kosten der Gesellschaft verlegt. Sie gibt ferner „Beiträge zur deutschböhmischen Volkskunde'' heraus. Im Berichtsjahre sind erschienen: Hndt, Sagen und Schwanke aus dem Erzgebirge; ferner ein Neudruck: Die Schriften vom Aberglauben von Karl Im Artikel in No. 19 bereits kiu\: erwähnt. Huß. In Vorbereitung ist eine Ausgabe von Weihnachtsspielen aus dem Böhmerwalde und eine Abhandlung über die Orts- und Flurnamen im westlichen Erzgebirge, die, wie es bereits für das deutsche Westböhmen geschehen ist, einen großen Teil des im Volkskunde- Archiv der Gesellschaft aufbewahrten handschriftlichen Bestandes der Sitten und Gebräuche und des Volksglaubens auch für den Böhmerwald und das deutsche Ostböhmen verarbeiten will. Von der Bibliothek Deutscher Schriftsteller aus Böhmen sind erschienen: Teile der gesamten Ausgabe der Werke Adalbert Stifter; ICaspar Josef Sternbergs ausgewählte Werke; Franz Graf Spork, ein deutsch-böhmischer Mäzen und seine Streitgedichte gegen die Jesuiten. Zum hunderstenGeburtstage Ludwig August Frankls bietet ein Band der Bibliothek eine Sammlung seiner teils zerstreut gedruckten, teils ungedruckten autobiographischen Essays. Im Drucke befindet sich die Fortsetzung der Stifter und Moritz Hartmann-Ausgabe und die Sealsfield-Ausgabe. Die Gesellschaft gibt, wie bereits erwähnt, eine Monatsschrift für das geistige Leben der Deutschen in Böhmen, „Deutsche Arbeit" heraus, die mit Vorlieb e Sonderhefte für das Wirken eines bestimmten Künstlers, für das deutsche Prag oder eine deutsch-böhmische Stadt, für bestimmte Fragen (Mäßigkeitsbewegung usw.) erscheinen läßt. Der Rechenschaftsbericht erwähnt, daß „das steigende Ansehen-der Zeitschrift in der zunehmenden Anzahl von Inseraten deutlich erkennbar ist'*. Unter den Stipendisten finden wir auch Juden. Nehmen wir an, unter ihnen befinden sich solche, die früher Zionisten waren oder es jetzt noch sind. Ihr Wirken wird von den eigenen Volksgenossen nicht beachtet; ihre Arbeiten finden keine Aufnahme, denn die bestehenden nationalen Wochenblätter müssen sich notgedrungen vor allem mit aktuellen Fragen beschäftigen; eine fremde Nation dagegen publiziert die Arbeiten und unterstützt sie materiell. Muß sich da nicht eine Wandlung in dem nationalen Empfinden dieser Künstler vorbereiten? Schon ganz automatisch, weil sich der Künstler Stoffe wählen wird, die dem fremden Kreise angehören. Ein sehr großes Maß von Charakterstärke muß vorhanden sein, um solchen Lockungen zu widerstehen, zumal wenn sie von einem Kulttirvolke von dem Range des deutschen ausgehen. Was das Schicksal der westlichen Judenschaft ist, kann man heute noch nicht sagen. Es gehört ebensoviel Kühnheit dazu, ihre schließliche Aufsaugung zu behaupten oder zu leugnen. Denn der Prozeß vollzieht sich sehr langsam. Der große Bruder im Osten, der so lange respektvoll zu uns Westlern aufgeblickt hat, beginnt bereits geringschätzig auf uns herabzublicken. Sicher ist eines: wenn nicht parallel mit der Arbeit in Palästina auch im Westen nationale Arbeitsplätze geschaffen werden, so kann der Sieg der Assimilation nur aufgehalten, aber nicht abgewendet werden. Aber ich glaube, daß es noch Zeit ist, an das Werk zu gehen. Wirtschaftliche und kulturelle Institute und Gesellschaften nach dem Muster anderer Völker sind die Voraussetzungen. Schaffen wir diese, so können wir über die Todesurteile unserer Kritiker zur Tagesordnung übergehen. So lange wir im Westen uns nicht selbst aufgeben, so lange sind wir noch nicht verloren.