Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 31 DIE JUBELT 749 bischer Wohltätigkeit und glücklicher Behaglichkeit geteilt. III. Moses Montefiores Biographie ist sozusagen die Geschichte rastloser Bemühungen um das Wohl seiner Stammesgenossen. Dies ist nicht nur darum begreiflich, weil sie ihm am nächsten standen, sondern auch darum, weil die Logik der Tatsachen für ihn sprach. Die Lage der Juden war eben eine sehr schlimme, und die bedrückte Rasse bedurfte dringend der. Helfer, deren sie ohnehin so wenige fand. Und Montefiore ist ein vahrer, echter, eifriger, selbstloser Helfer gewesen! Siebenmal im Laufe von 48 Jahren besuchte er Palästina. Als er zum fünften, sechsten und siebten lale dahinkam, gingen ihm die Bewohner ganzer tädte meilenweit entgegen. Die Hebräer umdrängten in allenthalben, um den Saum seines Qewandes zu aissen. Ebenso war es beim Verlassen des Landes. >er wackere Mann mochte den guten Leuten wie ein \itriarch vorgekommen sein, mochte sie an Abraham, saak und Jakob erinnert haben. Auf diese Pilgerfahrten ind hebräische Oden gedichtet worden, und nicht venige Predigten knüpften sich an sie. Ich erinnere nich genau des Tages, an dem ich, mit einem Empehlungsbrief an den ehrwürdigen Qreis versehen, zum rsten Male in London eintraf. Ich sollte seine Mitwirkung in einer alten, verwickelten, mit einer längst usgestorbenen Londoner Familie zusammenhängenden irbschaftsängelegenheit in Anspruch nehmen. Tags larauf dachte ich daran, ihn bald aufzusuchen; da, — velcher Zufall! — fand ich in der Zeitung die Nachricht, :r verlasse „morgen früh", — d. h. am 10. Juni 1875 England, um als einundneunzigjähriger Mann ein etztes Mal ins gelobte Land zu ziehen, und auf den ). seien in sämtlichen Synagogen Englands gottesdienstliche Feierlichkeiten anberaumt, bei denen für sein Wohlergehen gebetet werden würde. Welcher andere Mensch würde sich in einem solchen Alter zu einer solchen Reise entschließen? Selbstverständlich konnte ich ihn unter solchen Umständen nicht behelligen. Und als er nach einigen Monaten zurückkehrte, war meine Mission beendigt. Ihn aber, den ohnehin so vielfach Beschäftigten, mit einem bloßen Besuche zu belästigen, konnte ich mich weder damals noch auch seither entschließen. Solche Neugierbesuche, um hervorragende Leute „persönlich kennen zu lernen", haben keine Berechtigung. Nicht ohne Grund wurde Montefiore in Palästina so sehr in Ehren gehalten. Er hat dort Krankenhäuser und Armenasyle gestiftet, Synagogen und Grabdenkmäler erbaut, Gärten gepflanzt, Brunnen gebohrt, Wasserleitungen errichtet, landwirtschaftliche Unternehmungen ins Leben gerufen. Seine drei ersten Palästinafahrten machte er in Gesellschaft seiner Frau, und zwar unter ganz andern Reiseverhältnissen, als sie jetzt herrschen, wo solche Touren keine sonderlichen Schwierigkeiten mehr bieten. Er mußte zu exorbitanten Preisen Extraschiffe mieten und den Schutz englischer Schaluppen gegen die levantinischen Seeräuber in Anspruch nehmen. Einmal machte er ein Erdbeben mit, ein anderesmal wütete die Pest, so daß seine werktätige Hilfe doppelt willkommen war. Die erste Orientfahrt entsprang ursprünglich nur der Reiselust und dem religiösen Gefühl des Ehepaares, das einerseits gern fremde Länder sah, anderseits das bei frommen Juden traditionelle Bedürfnis empfand, das Land der Väter von Angesicht zu. Angesicht zu sehen. Aber der Anblick des Elends, das in den Ghettis der palästinensischen Städte herrschte, rief den Entschluß hervor, künftig die vorhandenen Mittel, — Geld, Zeit, Energie, — großenteils der Verbesserung des Loses der Juden zu widmen, namentlich der kleinasiatischen. Damals gab es keinerlei Vereine und Gesellschaften, die dieses Ziel verfolgt hätten, es sei denn, daß man die lächerlichen Juden-Bekehrungsanstalten hierher rechnen wollte, was wohl kein anständiger Mensch, der diesen Schwindel hinter den Kulissen gesehen hat, tun wird. Die Alliance Israelite Universelle entstand erst 1860, die Anglo-Jewish Association gar erst 1871. Zur Zeit der ersten Montefioreschen Palästinareise aber schrieb man 1826. Während der zweiten (Winter 1838) empfingen Sir Moses und Lady Montefiore auf Malta die Nachricht, daß in Jerusalem die Pest herrsche. Sir Moses wollte nun seine Frau heimschicken und die Reise allein fortsetzen. Wie aber aus dem Tagebuche der treuen, furchtlosen Frau hervorgeht, wollte sie hinter ihrem mutigen Lebensgefährten nicht zurückstehen. „Ich leistete energisch Widerstand. Die Sprache Ruths gab meinem Herzen die Worte ein, deren ich in diesem Augenblick am dringendsten bedurfte: „Bitte mich nicht, dich zu verlassen oder von deiner Nachfolge zurückzuweichen, denn wohin du gehst, will auch ich gehen, und wo du wohnst, will auch ich wohnen." _ (Schluß folgt.) Arbeit im Dienste des Volkes* Von Dr. L. Sofer, Wien Nation, Kunst und Literatur Es soll hier nicht davon gesprochen werden, ob es eine jüdische Kunst (das Wort im weitesten Sinne genommen) heute gibt; sondern davon, daß gewiß schon jüdische Künstler blühen, und daß es im ureigensten nationalen Interesse liegt, sie, wenn auch mittelbar, in den Kreis unserer Bestrebungen zu ziehen. Erwägen wir den heutigen Zustand. Nicht das ist das eigentliche Obel, daß ein großer Teil der jüdischen Künstler von assimilatorischem Geiste beseelt ist. Das ist das allgemeine Elend, mit dem wir einmal rechnen müssen. Besonders schmerzlich ist es aber, daß selbst jüdische Künstler, die national empfinden, hier kein Institut und keine Institution vorfinden, die ihnen die Möglichkeit bietet, diesen Qeist weiter zu entwickeln. Sie sind daher gezwungen, an fremden Altären zu opfern und gelangen so gegen ihren Willen in ein anderes Fahrwasser. Nehmen wir zum Beispiel einen jüdischen Journalisten, selbstverständlich einen Künstler der Feder und nicht einen beliebigen Zeilenreißer; denn der wirkliche Journalist ergreift diesen Beruf nicht, wenn er andere verfehlt hat, sondern aus Liebe zur Sache. Wir sind nun gewohnt, — und in unserer Presse begegnet man oft dem Vorwurf — über die jüdischen Journalisten in den verschiedenen deutschen, tschechischen und ungarischen Tagesblättern in der herbsten Weise abzuurteilen. Hat man aber schon einmal die Kehrseite der Medaille bedacht? Ein jüdisches Tageblatt in deutscher Sprache existiert nicht (ich habe in dieser Artikelserie vornehmlich westliche Verhältnisse im Auge); der jüdische Journalist muß also unter fremden Fahnen,dienen, er *) Vgl. Welt Nr. 13, 14 und 19. 2