Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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hüten und vermählte sich mit der Tochter Abraham Mocattas, des Begründers der weltberühmten Gold- und Silberbarrenfirma „ Mocatta & Goldschmid", längst die bedeutendste in diesem Zweige des Bankgeschäfts. Im Laufe des ersten Jahres seiner Ehe mußte Josef Elias Montefiore in Handelsangelegenheiten nach Italien reisen. Er nahm seine Frau mit, und während eines Aufenthalts in Livorno erfreute sie ihn durch die Geburt — in den Büchern der Livorneser Judengemeinde ist als Tag derselben der 24. Oktober 1784 angegeben — eines Sohnes (des ältesten von acht Geschwistern), dem der Name Moses Chaim gegeben wurde. Es war der Held unserer Darstellung. Seine Eltern kehrten mit ihm alsbald nach England zurück. Moses verließ die Schule früh und nahm in verschiedenen Geschäften Stellungen ein. Als man eine französische Invasion befürchtete, schloß er sich den Freiwilligen an und erreichte den Rang eines Hauptmanns. Er war ein hübscher, hochgewachsener — 6 Fuß 3 Zoll messender — junger Mann von gewinnenden Manieren, die ihm allgemein beliebt mächten, ein Umstand, der ihn auf der Laufbahn, für die er sich schließlich endgültig entschied, sehr zustatten kam. Er wählte die Börse, und dort hängt viel von der Meinung ab, die sich die Gesamtheit über den einzelnen bildet. Er wurde einer der zwölf konzessionierten jüdischen Makler. Zu achtundzwanzig Jahren ging er mit Judith, der Tochter des ebenso reichen wie wohltätigen Citykaufmanns Cohen, eine Ehe ein, die sich als wahrhaft glückliche Musterehe erweisen sollte. Aus Lady Montefiores gedruckten Reisetagebüchern geht hervor, daß sie eine hochgebildete, fleißige Dame war und ihren Gatten innig liebte. ,Sie starb, nachdem sie ihm fünfzig Jahre lang eine getreue Lebensgefährtin gewesen, am 25. September 1862, ein Verlust, den er außerordentlich tief empfand. Ihrem Andenken zu Ehren erbaute er in Ramsgate ein Kollegium, allwo noch' jetzt greise Rabbiner auf seine Kosten leben und den Rest ihrer Tage mit Gebeten und Talmudstudien verbringen. Ferner stiftete er Preise und Stipendien für Mädchen und Knaben, die die öffentlichen israelitischen Gemeindeschulen besuchen. Das Mausoleum, welches er der Genossin errichtete und das unmittelbar an die von ihm erbaute Ramsgater Synagoge grenzt, ist eine genaue Nachbildung des an der Straße von Bethlehem nach Jerusalem stehenden Grabmals Rachels. Im Innern brennt eine „ewige" Ampel. Die Londoner Judengemeinde gründete anläßlich des Todes der edlen Frau ein Rekonvaleszentenasyl für arme Israeliten in dem schönen Vorort Narwood. Durch mehrere Heiraten wurden die Montefiores mit den Rothschilds dreifach verschwägert, und der Begründer des Londoner Hauses der letztgenannten „Geld regiert die Welt"-Firma ließ Moses und seinen Bruder Abraham, der ebenfalls Börsenmakler war, an seinen ebenso kühnen wie großartig angelegten, umfassenden und wohldurchdachten Unternehmungen teilnehmen. N. M. Rothschild war der erste Mensch in England, der von der Flucht Napoleons aus Elba und von der Schlacht bei Belle-Alliance Kunde erhielt; seine in Dover organisierte Taubenpost vermittelte ihm eine möglichst rasche Kenntnis der wichtigsten festländischen Ereignisse, und er konnte daher oft Staatspapiere vorteilhaft kaufen, während andere, minder gut informiert, sie los zu werden trachteten. Die europäischen Kriege und die erste französische Kriegsentschädigung gaben geschickten Finanzmännern vielfach Gelegenheit, mit beispielloser Schnelligkeit ein großes Vermögen zu erwerben. Abraham Montefiore starb als ungemein reicher-Mann; er hatte sich viel tiefer in Spekulationen eingelassen als Moses, und hatte bis zum Schluß Glück gehabt, während dieser sich auf Anraten seiner klugen Gattin schon etwa fünfzig Jahre vor seinem Tode von dem gefährlichen Parkett des Mammontempels in Capel-Court zurückzog, freilich nicht ohne ebenfalls unermeßlichen Reichtum erworben zu haben. Nachdem er die Börse verlassen, fuhr er fort, sich an der Leitung einiger Unternehmungen zu beteiligen, deren Hauptgründer er gewesen war. Er blieb Präsident zweier Versicherungsanstalten sowie der in ganz Europa bekannten Imperial-Continental-Gasgesellschaft, welche die Gasbeleuchtung in vielen großen Städten des Festlandes einführte. Im Jahre 1837, dem der Thronbesteigung Viktorias, fungierte Montefiore, wie bereits erwähnt, als Sheriff und wurde in den Ritterstand erhoben. Drei Jahre später widerfuhr ihm seitens der Königin nach der Rückkehr von seiner dritten Orientreise in Anerkennung seiner außerordentlichen Philanthropie eine Ehre, die sonst nur den Mitgliedern der hohen Aristokratie und der Ritterorden zukommt: er erhielt die Erlaubnis, sein Wappen durch Stützen zu bereichern, Nach seiner Wiederkehr von einer russischen Winterreise im Interesse seiner Glaubensgenossen (1846) erfolgte seine Erhebung in den Freiherrnstand. Im Hinblick auf seine Liebe zum Heiligen Lande und auf seinen Namen wählte er zum Wappen eine Libanonzeder zwischen zwei Blumenbergen. Sein Wahlspruch: „Denke und danke", klingt bei einem Manne, der nicht nur dachte und betete, sondern auch sehr viel tat, eigentlich etwas befremdlich. 1847 war er Sheriff der Grafschaft Kent. Bis zu seinem Tode bekleidete er — bei seinem hohen Alter zuletzt freilich nur mehr nominell—verschiedene administrative Ehrenämter in London und den Grafschaften Middlesex und Kent; nominell blieb er auch Präsident der von ihm ins Leben gerufenen Aktiengesellschaften. Vor nunmehr achtzig Jahren kaufte er den Erben des Lord Keith die Besitzung East-Cliff in dem sehr gesund gelegenen Badeorte Ramsgate an der Seeküste ab. Das hochliegende, weiße gotische Haus ist im Norden durch Bäume und eine Anhöhe geschützt und rings von Wiesengründen umgeben, in denen Königin Viktoria sich als Mädchen viel zu tummeln pflegte. Der Kalkfelsen, auf dem es steht, ist mit unterirdischen Gängen versehen, die der Volksmund auf Schmuggler früherer Zeiten zurückführt. Seither verbrachte Montefiore in Rämsgate einen viel größern Teil seiner Zeit als in seinem Londoner Stadtpalais. Kurz nach Erwerbung von East-Cliff ließ er daselbst eine Synagoge bauen, die jedermann offen steht und bereits 1833 eröffnet wurde. Er erhielt sie aus eigenen Mitteln. Solange seine Gattin lebte, machte es ihm großes Vergnügen, an jedem Festtage einige Besucher seines Gotteshauses zu Tische mit nach Hause zu nehmen. An jedem Freitagabend mußte ein jüdischer Schulknabe bei dem gutherzigen Paare speisen, wobei der Hausherr es nicht an belehrenden und unterhaltenden Erzählungen fehlen ließ; sodann spielte Lady Montefiore mit dem Jungen Schach. Das Leben des edlen Mannes war in seinen letzten fünf Dezennien zwischen ener-