Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 31 DIE3^ELT 747 Nach Verrichtung der vorgeschriebenen Gebete und Gesänge ergriff Abg. R. v. Wassilkoim Namen des Ukrainischen Reichsratsklubs das Wort. Redner nimmt in warmen Worten Abschied von Dr. Heinrich Gabel, den ein grausames Geschick ereilte, und entbietet dem Toten den letzten Gruß der Bauern im Osten, die nicht seine Nationsgenossen sind, die ihn aber trotzdem in den Reichsrat entsendet haben, weil sie Dr. Gabel, als einem Mann der Oberzeugung, der Gesinnung, Vertrauen entgegenbrachten. Abg. Adolf Stand erinnerte daran, daß er vor wenigen Monaten der Trauung Heinrich Gabeis beigewohnt hatte. Nun ist er seiner heimgeführten, schwer geprüften Frau, seinem alten Vater, den er zärtlich liebte, jählings entrissen worden. Inmitten der Arbeit, wie ein Soldat auf dem Kampffelde, in Erfüllung seiner Pflicht, ist er gefallen. Ohne sich Ruhe zu gönnen, eilte er nach Sessionsschluß zu den Lemberger Kultuswahlen, um seine Pflicht zu erfüllen, dann erschien er in Podhajce vor seinen Wählern, um parlamentarischen Bericht zu erstatten. Und schon war er wieder in Wien, um im Sozialversicherungsausschuß rastlos zu arbeiten. Redner beweint einen Freund, einen Gesinnungsgenossen und einen Kollegen. Heinrich Gabel war ein treuer Gefährte, ein ergebener, selbstloser, charakterfester, opferwilliger Kämpfer für den Zionismus. Dem jüdischen Volke und dem Judenlande galt seine hingebungsvolle Liebe, all sein Sinnen und Danken. Als Kollege im Jüdischen Klub war Dr. Gabel ein Muster emsigsten Fleißes, unermüdlich und pflichtgetreu. Nun verläßt er alles, was ihm teuer war, sinkt ins kalte Grab. Der Name Heinrich Gabeis wird unter den besten Söhnen des jüdischen Volkes, unter den treuesten und hingebungsvollsten ZHonisten genannt werden! Herr Böhm, Obmann des westösterreichischen zionistischen Zentralkomitees, würdigte in bewegten Worten den Verblichenen im Namen der zionistischen Organisation, Als Dr. Gabel als gewählter teichstagsabgeordneter nach Wien kam, da kannten ihn die wenigsten. Nach drei Jahren ist er unersetzlich geworden. Seine Charakterfestigkeit, seine unerschütterliche ideale Hingebung, sein Arbeitseifer, seine Anspruchlosigkeit gewannen ihm alle Herzen. Er war einer der treuesten der Treuen! Ergriffen lauschten die Anwesenden den Trauerreden, es waren nicht nur Frauen, die ihre Tränen nicht bemeistern konnten. Das Begräbnis Dr. Gabeis erfolgt in Lemberg, wohin die Leiche überführt wird. Moses Montefiore Ein Charakterbild von Leopold Katscher. Zum 25. Jahrestag seines Todes — 7. Ab 1910. I. Der Name Montefiore war unstreitig einer der gekanntesten und genanntesten Namen des 19. Jahrhunderts. Er verdankte seinen wohlverdienten Ruhm seiner großartigen Wohltätigkeit und seinem hohen Alter. Er war Sheriff von London schon zu einer Zeit (1837), da die Katholiken-Emanzipation in England erst acht Jahre alt war, während die Zulassung der Juden zur Teilnahme an den Beratungen des Parlaments erst 21 Jahre später erfolgte. Nicht nur seine Taten ragen hervor, auch seine Langlebigkeit, und die damit verbundene Fülle von Ereignissen, deren Zeuge er war, fallen auf. Erst ein Jahr vor seiner Qeburt erkannte Großbritannien die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten von Nordamerika an. Pitt war damals erst 25 Jahre alt und an der Spitze seines ersten Ministeriums. Die Welt kannte noch nicht den Halsbandskandal; Polen bestand noch ats selbständiges, ungeteiltes Reich; die älteste Stadt des australischen Festlandes, Sydney, erschien noch auf keiner Landkarte. Bis zum Beginn der Großen Revolution fehlten noch fünf Jahre. Was hat der hundertundeinjährige verstorbene Menschenfreund nicht alles erlebt! Anno 1827 war er bereits ein reicher, beliebter Mann und durcheilte in einem vierspännigen Wagen Italien und Frankreich, um in London dem Herzog von Clarence — nachmals König Wilhelm IV. die die Schlacht bei Navarino betreffenden Depeschen des Admirals Codrington zu überbringen. Er war damals auf der Rückreise begriffen von seiner ersten Fahrt nach Palästina; nochmals sollte er vornehmlich durch ähnliche Reisen, unternommen im Interesse seiner unterdrückten Glaubensgenossen, bekannt werden. Als Montefiore ein jungerMann war, stand es in England so wie in W esteuropa um die Sache der Religionsfreiheit noch recht schlimm. Protestanten jüdischer Abkunft saßen im Parlament oder wurden zu Rittern geschlagen; aber die ihrem Glauben treubleibenden Israeliten mußten ihren Ehrgeiz oft verwinden, mußten auf manche Auszeichnung verzichten, deren sie, hätten sie sich taufen lassen wollen, teilhaftig geworden wären. Obgleich in der Ausübung von Wohltaten durchaus interkonfessionell, war Montefiore von jeher in Sachen der religiösen Frömmigkeit persönlich ein strenger Anhänger der strengsten Orthodoxie. Dieses Festhalten an alten Überlieferungen verhindert aber nicht, daß er in Gemeinschaft mit den Rothschilds, den Goldsmids, dem Dr. van Oven und andern begabten Glaubensgenossen das möglichste tat, um den Juden in England zur sozialen und politischen Anerkennung und Gleichstellung zn verhelfen. Die trefflichen persönlichen Eigenschaften der genannten energischen Männer trugen nicht wenig bei zur Besiegung der eingewurzelten konfessionellen Vorurteile der Briten. II. In der italienischen Provinz Ascoli Piceno, am östlichen Abhänge der Apenninen, gibt's ein Städtchen mit rund 2O00 Einwohnern. Sein Name „Montefiore" deutet auf die hübsche Lage zwischen blumenbewachsenen Hügeln. Die Londoner Montefiores leiten, ohne sich übrigens auf positive Beweise stützen zu können, ihren Ursprung von dieser Ortschaft her; wahrscheinlich hatten sich ihre Vorfahren aus Spanien geflüchtet und in dem genannten Nestchen niedergelassen, wie die ebenfalls aus Spanien vertriebenen Disraelis in Venedig. Die Familienüberlieferung reicht nicht über die Ansiedlung in Livorno zurück. Diese weise Toleranz der Mediceer hatte aus dieser einst obskuren Stadt einen der wichtigsten Häfen Italiens gemacht. Die Juden standen dort in hohem Ansehen, daß, wie ein im Anfang des 18. Jahrhunderts lebender Autor berichtet, selbst die christlichen Einwohner den Sonnabend als geschäftlichen Ruhetag hielten. Die mosaische Bevölkerung wurde schon zu Ende des 17. Jahrhunderts auf 10 000 geschätzt. Der Großvater unseres Helden, Moses Vita Montefiore, verheiratete sich 1752 zu Livorno, übersiedelte aber bald nach London, wo er mit Italien Handel trieb und als Vater von siebzehn Kindern starb. Von letztern ist am bekanntesten geworden Josuah Montefiore, der der britischen Armee angehörte, an der Sierra-Leone- Expedition teilnahm, sodann Notar wurde, ein „Handelswörterbuch" und verschiedene juridische Werke schrieb und sich schließlich in den Vereinigten Staaten niederließ. Ein anderer Sohn Vitas, Josef Elias, blieb in London, handelte hauptsächlich mit livornesischen Stroh-