Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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74b DIE3^0ELT No. 31 in Wien bewährte, konnte die Judenschaft, konnten seine Klubgenossen vieles und schönes von ihm erwarten. Da greift der unerbitterliche Tod mit seiner kalten Hand ein, zerstört ein glückliches Familienleben und entreißt dem kleinen Kreis des jüdischen Klubs den treuen Mitstreiter, ihn, der so wacker die große Last mitgetragen hatte, die für die Schultern der vier fast zu groß war. Und da türmt sich eben die Mauer! Wird es, kann es ohne ihn weitergehen, der so treu überall ausgehalten hatte? Noch einmal heften sich die Gedanken an all die einzelnen Stationen dieser gemeinsamen, fürwahr nicht leichten dreijährigen Pilgerschaft, und angesichts des frischen Grabes, das sich nun über einem blühenden, hoffnungs- und arbeitsreichen Leben geschlossen, haben wir nur eine Stimmung: „Wir weinen und wünschen Ruhe hinab, Dem treuen Genossen ins kühle Grab." Etretat, 31. Juli 1910. * Dr. Gabel als Parlamentarier Unser Wiener Berichterstatter schreibt uns: Dr. Heinrich Gabel war das jüngste Mitglied des Jüdischen Klubs; Fleiß und Gewissenhaftigkeit waren seine hervorragendsten Eigenschaften. Er war unermüdlich im Einbringen von Interpellationen und erfüllte voll und ganz seine Pflicht in den Ausschüssen. Im Sozialpolitischen Ausschuß des Abgeordnetenhauses kämpfte ermitErfolg gegen die Härten desHausiergesetzes, vom Jüdischen Klub in den wichtigen Sozialversicherungsausschuß entsendet, trat er für die Einbeziehung der Selbständigen in die Sozialversicherung und für das Proportionalwahlsystem ein. In überraschend kurzer Zeit überwand Dr. Gabel die sprachlichen Schwierigkeiten, und in den letzten Sessionen hielt er bereits einige bemerkenswerte Reden; in frischer Erinnerung sind noch seine Ausführungen über die Geschäftsordnungsreform, die gewalttätige Verhinderung der „jüdischen Kurie" in der Bukowina und über den Neoslavismus. Durch seinen Kampf gegen das antisemitische Regime des Dr. Uriel im militärärztlichen Korps hat er sich um die jüdischen Militärärzte verdient gemacht. Kein hinreißender Sprecher, kein Agitator großen Stils, aber ein ehrlicher, pflichtbewußter, arbeitsamer Volksvertreter, das war Dr. Heinrich Gabel. Und ein guter, programmtreuer Zionist, der seine Fahne niemals in die Tasche gesteckt hat. In seiner letzten Budgetrede hat er ein schlichtes, eindrucksvolles zionistisches Bekenntnis abgelegt und zugleich gezeigt, daß es nicht widernatürlich ist, bei der Besprechung des Kostenvoranschlags des österreichischen Staates über die jüdische Besiedelung Palästinas zu sprechen. Es darf nicht unerwähnt bleiben, mit welcher Rückhaltlosigkeit Dr. Heinrich Gabel an zionistischen Konferenzen, am jüdischen Gemeindetag in Wien und zuletzt auch im Parlament für die weiteste Demokratisierung der jüdischen Gemeinden, für das allgemeine, gleiche Wahlrecht eingetreten ist. Bezeichnend für seine Gewissenhaftigkeit und Gesinnung ist es auch, daß er bei der Beratung des neuen Handelsangestelltengesetzes im Sozialpolitischen Ausschuß mit den jüdischen Handelsangestellten-Organisationen in Fühlung getreten ist. Der linke demokratische Flügel der Zionisten Österreichs hat in Dr. Heinrich Gabel einen wertvollen Vertreter im Jüdischen Klub eingebüßt, die Juden Österreichs— einen freigewählten Abgeordneten, denn der Ersatzmann Dr. Gab eis ist ein Ruthene. Unersetzlich ist der Verlust für den Jüdischen Klub, der auf drei Mitglieder reduziert erscheint. Doch von den politischen Folgen dieser Todeskatastrophe wollen wir derzeit absehen. Die Tragik eines plötzlich unerwartet geknickten Menschenschicksals ist erschütternd. Als Vierunddreißigjähriger wurde Heinrich Gabel aus seiner stillen Amtsstube hervorgeholt lind in das Getriebe der Politik hineingezerrt. Nach drei kurzen Arbeitsjahren wird er zu Grabe getragen. Tückisch überfiel der Tod den Ahnungslosen. Als völlig Gesunder verließ er seine junge, vor einem Jahre gefreite Frau, um zur Sitzung zu eilen, und kehrte nicht mehr zurück. Der vom Unheil so unerwartet betroffenen Gattin des Verblichenen wendet sich vor allem unser tiefes Mitgefühl zu. Das Andenken des dahingerafften Abgeordneten Dr. Heinrich Gabel bleibe geehrt! Extraausgabe der „Jüdischen Zeitung" Die Wiener „Jüd. Ztg." hat aus Anlaß des Ablebens Dr. Gabeis eine Extraausgabe veranstaltet. Dr. Gabel im Sozialversicherungsausschuß Von einem Mitglied des Sozialversicherungsausschusses des österreichischen Parlaments erhält die „Neue Freie Presse* folgende Mitteilungen : Dr. Gabel hat sich in den letzten Tagen in sehr eifriger Weise an den Arbeiten des Sozialversicherungsausschusses, dessen Mitglied er war, beteiligt. Er hatte zu den Beratungen ein ungeheures Material mitgebracht und fehlte nicht einen Augenblick während der Sitzungen. Unter seinem Material befanden sich auch zahllose Abänderungsanträge zu den Beschlüssen des Subkomitees; es gelang ihm jedoch nicht, für seine Anschauung Anhänger zu gewinnen. Dieser Umstand mag ihn wohl verstimmt haben, bildet jedoch absolut keinen Grund zu der Annahme, daß die Aufregung über die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen im Sozialversicherungsausschusse sein Ende beschleunigt hätte. Nur einmal, im Laufe der gestrigen Sitzung (Freitag), kam es zu einem etwas erregteren Zwischenfall. Dr. Gabel hatte an der Sitzung von halb 10 Uhr vormittags bis 7 Uhr nachmittags, mit Ausnahme4er etwas über einstündigen Mittagspause, ununterbrochen teilgenommen. Als nun ein Abgeordneter zu einem Antrag des Dr. Gabel die Bemerkung machte, dieser Antrag hätte im Unter - ausschusse eingebracht werden sollen, erwiderte Dr. Gabel erregt: „Wie kann ich denn .das tun, da ich nicht Mitglied des Unterausschusses bin." Im übrigen ließ jedoch nichts in seinem Benehmen darauf schließen, daß Dr. Gabel unv/ohl sei oder sich durch die Verhandlungen des Ausschusses überanstrengt habe. Dr. Gabel pflegte mit den Abgeordneten wenig Verkehr. Er galt als ein bescheidener, zurückgezogen lebender Mann. Das Mandat Dr. Gabeis Dr. Heinrich Gabel, der am 12. April 1873 geboren war, hatte im Jahre 1902 in Lemberg eine Advokaturkanzlei eröffnet. Bei den allgemeinen Wahlen zum Reichsrat im Mai 1907 wurde er vom 60. galizischen Wahlkreis in der Stichwahl als Abgeordneter der Minorität mit 14 537 von 23 750 abgegebenen Stimmen in das Parlament gewählt. Nach dem Reichsratswahlgesetz muß in Galizien zugleich mit den Minoritätsabgeordneten ein Ersatzmann gewählt werden, der im Falle des Mandatsverzichtes oder des Ablebens des betreffenden Abgeordneten ohne weitere Wahl das Mandat antritt. Der Ersatzmann des 60. Wahlkreises (Buczacz) ist der Jungruthene Longin Cegielski. Dr. Qabels letzte Minuten Über den Tod Dr. Gabeis berichten die Wiener Abendblätter vom 30. Juli folgendes: Dr. Gabel, der im Hause Nr. 6 der Landesgerichtsstraße wohnte, war Samstag gegen 7*2 Uhr morgens auf dem Heimwege begriffen. Als er durch die Rotenturmstraße ging, wurde er plötzlich von heftiger Atemnot befallen. Er trat noch atemringend in das Cafe Maendl und brachte mühsam die Worte „Hilfe! Hilfe!" hervor. Man geleitete ihn zu einem Stuhl und wollte ihn mit Wasser und Cognac laben. Ein SicherheitsWachmann wurde berufen, die Rettungsgesellschaft verständigt. Doch nach wenigen Sekunden verfärbte sich Dr. Gabel und sank um. Die Ambulanz der Rettungsgesellschaft kam mit Dr. Mittler. Er stellte bloß den Eintritt des Todes fest. Wahrscheinlich liegt Lungenödem, verursacht durch ein Herdeiden vor. Eine polizeiliche Kommission mit Kommissär Dr. Leinweber und Polizeiarzt Dr. Kien erschien im Cafe und nahm den Tatbestand auf. Die sanitätspolizeiliche Obduktion der Leiche wrurde veranlaßt. Kondolenzen Im zionistischen Zentralbureau in Köln sind zahlreiche Depeschen eingetroffen, in denen dem Aktionskomitee das Beileid zum Ableben unseres Gesinnungsgenossen Dr. Gabel, der bekanntlich seit dem Haager Kongreß dem Aktionskomitee angehörte, ausgesprochen wird. Die allgemeine Teilnahme, mit der die Öffentlichkeit in Österreich die Nachricht von dem Tode Dr. Gabeis aufgenommen hat, gibt sich in zahllosen Beileidszuschriften an die schwerbetroffene junge Frau Dr. Gabeis kund, deren ungemein glückliche Ehe so jäh geendet hat. Trauerfeier in Wien Montag, den 25. Tammus, um 3 Uhr nachmittags, fand am Zentralfriedhof in Wien die Einsegnung der Leiche des Abgeordneten Dr. Gabel statt. Zur Trauerfeier waren Vertreter sämtlicher zionistischen Organisationen Wiens, des Ruthenischen und Jüdischen Reichsratsklubs, der Vorstand des jüdischen Nationalvereins für Österreich, der Vorsitzende der Exekutive der jüd. soz. Partei Poale-Zion Österreichs und zahlreiche Wiener Zionisten erschienen.