Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE JäELT KÖLN AH RHEIN, KAROLINGERRING 31 NvV/ ERSCHEINT JEDEN FREITAG — ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG XIV. JAHRG. - KÖLN» 5. August 1910 NO'Wtf TOP 0*3 No« 31. | Reichsratsabgeordneter Dr. Heinrich Gabel | «(»»■■■■BMnBgaBaH Unser Gesinnungsgenosse Dr. Heinrich Gabel, Mitglied des großen Aktionskomitees und des österreichischen Reichs« rats, ist Samstag den 23. Tammus 5670 30. Juli 1910, plötzlich in Wien verschieden. Er stand im 37. Lebensjahre. * Dr. Heinrich Gabel gestorben Vom Reichsratsabgeordneten Dr. Arthur Mahler Wer den Entwicklungsgang, sei es eines Volkes, sei es einer Partei, aus räumlicher oder zeitlicher Distanz betrachtet, wer aus der sichern Ferne des Blickes in die Vergangenheit das Hinstreben nach einem Ziele sieht und dann die zahlreichen Um- und Irrwege überlegt, die da gegangen wurden, kommt nur allzu leicht dazu, sich zu fragen: wie ist es möglich, daß die Menschen damals so kurzsichtig waren, daß sie nicht sofort den richtigen Weg fanden, wie konnten sie nur so oft zweifelnd und zaudernd stehen bleiben? Und so wird ein späteres Geschlecht gar oft ungerecht einem früheren gegenüber, der Fernstehende dem Kämpfenden. Beide vergessen so leicht, daß es dem im Gewühl des Kampfes Stehenden, eines Kampfes, dessen Folgen für dasSchicksal Tausender bestimmend ist, geht, wie dem Wanderer in in einer fremden Stadt: da kreuzen sich die Wege, die Straßenzüge laufen durcheinander, dem vor ihm Stehenden wächst der Turm zu gigantischer Höhe; der Wanderer — er kennt wohl das Ziel, kann aber die Gasse, die er wandeln will, nicht eine Sackgasse sein? und dann sieht er wieder einen Mauerzug, der den Weg überhaupt zu sperren scheint, — all diese Hindernisse dünken aus der Ferne klein, kaum beachtenswert — und doch hat oft eine ganze Generation sich an ihnen die Köpfe blutig gerannt. Dies. Empfinden der aufsteigenden, absperrenden Mauer hat wohl manch einer gefühlt, der die Schreckenskunde las, daß Dr. Heinrich Gabel plötzlich dahingegangen sei. Es ist, als ob das Schicksalsich nun heimtückisch dafür rächen wollte, daß im Jahre 1907 die Judenschaft Galiziens in heroischem Kampfe gegen alle Mächte eines grausamen Geschicks gesiegt und eine eigene Vertretung ins österreichische Parlament entsendet hatte. Der dornenreiche Pfad, er mußte noch härter, noch schwerer werden, das kleine Häuflein, das da stand, vier unter 516, es war noch zu groß, — und so wurde auch Heinrich Gabel uns entrissen. Für niemanden ist es wohl schwerer die Rolle des kühl registrierenden Historikers zu übernehmen, sine ira et studio zu berichten, als für den Mitkämpfenden. Als Heinrich Gabel 1907 ins österreichische Parlament als Minoritätsvertreter des Landgemeindebezirks Buczacz einzog, war er im jüdischen öffentlichen Leben Galiziens kein Neuling. Schon als junger Student hatte er sich mit glühender Begeisterung dem Zionismus in die Arme geworfen, hatte jahrelang treu und aufopfernd jede Stelle ausgefüllt, auf die ihn das Vertrauen, zuerst seiner studentischen Genossen, dann der bürgerlichen Organisation gestellt. So kam es, daß er mit den feinsten und geheimsten Regungen der Volkspsyche im Osten wohl vertraut war, daß er sozusagen jede ihrer Schwingungen genau kannte. Eine flammende Liebe für dies leidende, harrende und doch hoffende Volk erfüllte ihn, und gleich so vielen mit ihm war aus diesem Wesen heraus der Zionismus ihm nicht Partei, selbst nicht Bewegung, — er war sein ganzes Sein. Man braucht nur Gabeis Parlamentsreden nachzulesen, um in jeder derselben diesen Ton als den allerprägnantesten zu finden, zu sehen, wie neben diesem einen dominierenden Gedanken, der doch ureigentlich ein Gefühl war, alles andere zur vernachlässigenswerten Kleinigkeit herabsank. Von seinem Wirken im Lande, in der Partei will ich hier nicht sprechen, nur von dem Parlamentarier. Anfangs hatte der mit seiner parlamentarischen Tätigkeit verknüpfte Aufenthalt in Wien fast betäubend auf ihn gewirkt. Er fand dort ein Judentum, auch in den nationalen Kreisen, das vielfach von dem seines Heimatlandes verschieden war. Manch innern Kampf hat er damals mit sich durchgefochten, bis endlich durch seine Ehe mit einer jungen und liebenswürdigen Berlinerin, der denkbar glücklichsten, er zu der Erkenntnis kam, daß das Gesamtjudentum nur in der Synthese von Ost und West bestehe. Man konnte ihm die Veränderung förmlich ansehen, er war innerlich gewachsen, sein Gesichtskreis hatte sich geweitet, er war über sich hinausgekommen. Zusammen mit seiner Pflichttreue und dem Ernst seiner Auffassung, die er beide auch als Obmann des jüdischen Nationalvereins l