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Die Welt · 1910-07-29 · 30 (29.7.1910) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
– (sequence 12)
Language
German
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736 . . . ... . .. . . ... — DIE J verbündet, und die Nationaldemokraten werden aus Überzeugung und um nicht judenfreundlicher zu erscheinen als ihre Widersacher gewiß jede judenschädigende Maßnahme fördern. Das weiß jeder mit den politischen Verhältnissen Galiziens Vertraute. Wie soll man also die Behauptung des ehrenwerten Abgeordneten von Drohobycz verstehen? Entweder die Polen wollen die Erhaltung des bisherigen Zustands, dann haben Kolischer-Löwenstein im Auftrag des Polenklubs gesprochen, oder aber sie meinen es ernst mit ihren Anträgen im Landtag, dann durften die Polenklubsjuden alles andere verlangen als die Erhaltung des Statusquo. Es entsteht somit die Frage, was die Herren Kolischer-Löwenstein tatsächlich von der Regierung verlangt haben. Aufklärung dieses Zwiespalts und dieses Widerspruchs tut dringend not. Emigrationskongreß Der für Mitte September in Wien geplante Allgemeine jüdische Emigrationskongreß wird im Laufe dieses Sommers kaum abgehalten werden. Einige Organisationen haben bereits die Verschiebung der Tagung um 2—3 Monate in Vorschlag gebracht. Parteitag der Poale-Zion Die Exekutive der Jüdischen sozialistischen Arbeiterpartei Poale- Zion Österreichs hat den V. Parteitag für Ende Oktober nach Lemberg einberufen. Gleichzeitig soll ein jüdischer Handelsgehilfentag abgehalten werden. Rußland Wohnrechtsschikanen Im kaukasischen Mineralbadeort Pjatigorsk wurde bekanntlich eine spezielle Medizinalkommission eingesetzt, die die Aufgabe hat, die jüdischen Kurgäste zu untersuchen und je nach Befund ihnen das Aufenthaltsrecht einzuräumen oder zu verweigern. Nun haben dieser Tage zwei Mitglieder dieser Kommission, die Ärzte Hausknecht und Rzaksilsky, ihr Entlassungsgesuch eingereicht, da die Polizeibehörde es ihnen unmöglich machte, ihr Amt gewissenhaft auszuüben, und sie sich nicht dazu hergeben wollten, die unsinnigen Vorschriften dieser Behörde blindlings zu befolgen. Roditschew über die angestrebte Aufhebung des Ansiedlungsrayons Auf der Durchfahrt nach Krakau zur Grunwald-Feier empfing der bekannte Führer der Kadettenpartei Roditschew in Warschau den Vertreter einer jüdischen Tageszeitung, mit dem er ein Gespräch über die Judenfrage hatte. Roditschew äußerte sich im Allgemeinen sehr pessimistisch über die Lage. Was speziell die Gesetzesvorlage wegen Aufhebung des Ansiedlungsrayons betrifft, glaubt Roditschew, daß keine Aussicht auf Annahme der Vorlage bestände, jedoch hätte Nisselowitsch gut daran getan, diesen Entwurf einzubringen. Roditschew erklärte sich als entschiedener Gegner der Verschweigungs- und Abwartetaktik in der Judenfrage. Mit großer Anerkennung sprach Roditschew von der Tätigkeit der zwei jüdischen Abgeordneten in der Duma. Die Misere der jüdischen Hochschulaspiranten In diesem Jahre wird nicht eine einzige technische Hochschule Rußlands jüdische Abiturienten inskribieren, und auch die Universitäten werden nur eine sehr geringe Anzahl von jüdischen Aspiranten zur Immatrikulation zulassen. Damit sollen die Vergehen der Hochschulverwaltungen aus der Epoche der Freiheitszeit geahndet werden. Damals hatte mit Wissen des Ministeriums jede Prozentnorm aufgehört, weswegen die Zahl der jüdischen Studierenden bald das gesetzlich statuierte Verhältnis wesentlich überstieg. Jetzt soll die alte Methode aufs strengste durchgeführt werden, ja es soll noch strenger als in der Vorkonstitutionszeit zugehen. Auch in der schlimmsten Zeit des autokratischen Regiments pflegte das Unterrichtsministerium häufig auf Einzelgesuche Rücksicht zu nehmen; Schwarz hingegen kennt kein Mitleid, und bestimmt, daß seine Prozentnormforderungen rückwirkende Kraft besitzen sollen. So werden viele Hunderte jüdischer Jünglinge mit russischen Reifezeugnissen in der Tasche vergebens an die Tore der russischen Hochschulen pochen. Dabei ist auch bis dahin der Weg der russisch-jüdischen Jugend voller Dornen. Die Juden, welche in Rußland akademische Grade erlangen wollen, müssen eine doppelte Filtrierung durchmachen: einmal bei der Aufnahme in die höhere oder Mittelschule und dann bei der Aufnahme in die Hochschule. Wie viele daran zugrunde gehen, kann man [ELT........................___________.....-.................~. No. 30 sich denken. Nicht wenig hat aber dies System auch zur Demoralisierung des einen wie des andern Lagers beigetragen. Denn bei der Aufnahme in ein Gymnasium oder in eine Realschule gilt schon recht häufig das in andern Verwaltungszweigen so beliebte^ jedoch im Unternchtswesen früher unbekannt gewesene Mittel der Bestechung. Eine drollige Geschichte war darüber neuerdings in den Zeitungen zu lesen: Eine Mutter, deren Sohn infolge Überschreitung der Prozentnorm an einem Gymnasium keine Aufnahme finden konnte, schlug dem Gymnasialdirektor eine Wette vor, daß ihr Sohn die Aufnahmeprüfung nicht bestehen würde. Der Gymnasialdirektor ging auf die Wette ein und verlangte nur, daß sie nicht nach dem Vorschlag der betreffenden Mutter um 500, sondern um 1000 Rubel ginge, und mit 800 Rubeln wurde man handelseinig. Natürlich bestand der Knabe das Examen und fand trotz der Prozentsätze Aufnahme, während der Direktor seine Wette gewann. — So wird die ganze Atmosphäre des Schullebens vergiftet. Jeder jüdische Knabe hat Höllenqualen auszustehen, wenn er in die Vorschule gelangen soll. Er wird gewöhnlich mit Kenntnissen vollgestopft, daß ihm das Gehirn platzt, und Kinder gleichen infolge dieser Dressuren nicht selten Halberwachsenen. Und doch pflegt alle Mühe nieist umsonst zu sein. In neuerer Zeit ist die Lage noch verschlimmert worden, da selbst die Handelsschulen, die im Gegensatz zu den andern Unterrichtsanstalten Juden bis zu 50°/o aufnehmen durften, jetzt auch im jüdischen Ansiedlungsrayon mit seiner 40—70prozentigen jüdischen Stadtbevölkerung für die Aufnahme von jüdischen Kindern eine Norm von 15 % erhalten haben. Es sei noch erwähnt, daß jüngst selbst für die Hebammen- und Feldscherschulen Prozentsätze eingeführt worden sind . . . Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die;;Ben§=Jisrael" und das türkische Nationalfest Daß die gut nationalen Juden zugleich die best patriotischen sein können, beweist die vor kurzem gegründete nationale Organisation „Ben6-Jisrael". Sie veranstaltete aus Anlaß des Konstitutionsfestes eine große Feier in der Synagoge „Malern" zu Hasköj, bei der der Deputierte Masliach Effendi eine türkische und einer der Leiter der Organisation, M. Kamchi, eine hebräische Rede hielten. Das Fest stellte zugleich die Eröffnungsfeier der Gesellschaft „Bene-Jisrael" dar. Die Rückkehr des Chachambaschi Am Montag den 18. ds. Mts. ist Rabbi Chaim Nahum von seiner Palästinareise wieder in der Hauptstadt eingetroffen. Einige Mitglieder des Konsistoriums und der Gemeindeleitung begrüßten ihn im Hafen. Wenige Stunden später begab sich der Großrabbiner ins Sultanspalais, um aus Anlaß seiner Ankunft dem Herrscher seine Ehrerbietung zu beweisen. Der Sultan ließ ihm durch seinen Sekretär seine Grüße übermitteln. Bei seiner Anwesenheit in Jaffa hatte bekanntlich die jüdische Einwohnerschaft der Stadt dem Großrabbiner ein Memorandum überreicht, in dem die dringenden Wünsche der Bevölkerung des heiligen Landes zum Ausdrucke gebracht waren. Ein weiteres Memorandum, das dem Sinne nach in denselben Wünschen gipfelt, ist dem Chachambaschi auch von der Leitung der Gesellschaft „ChowSwS Zion", gez. Dr. Chissin und Dr. Scheinkin, zugegangen, und ein analoges Dokument hat schließlich auch die jüdische Turnerorganisation des heiligen Landes dem Großrabbiner übermittelt. Alle Forderungen vereinigen sich darauf, daß der Chachambaschi alles daransetzen solle, um die Einwanderungs-, Ansiedlungs- und Naturalisierungsschwierigkeiten, die den Juden seitens der Behörden bereitet werden, insbesondere den roten Zettel, zur Abschaffung zu bringen. Das Ende der Adrianopeler Affäre Am Samstag den 16. Juli hat die Verhandlung gegen die des Aufruhrs und des Widerstands gegen die Staatsgewalt angeklagten Adrianopeler Juden stattgefunden. Der Prozeß hat leider, das sei vorweg gesagt, traurige Dinge ans Licht gezogen, die von keinem guten Omen für die kommende Geschichte der Juden unter den Türken sind, wenn sie nicht als verspätete Nachläufer der abgewirtschafteten absolutisiischerj, vorkonstitutionellen Praktiken aufgefaßt werden sollen. Wir möchten das letztere annehmen und hoffen, daß ähnliche Vorkommnisse in der Ära der Freiheit immer seltener und seltener die Ruhe der jüdischen Bürger stören und bald gänzlich verschwinden mögen.

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