Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 30 DIE LT 737 Einigermaßen mag uns das Urteil der Richter über die enthüllten Brutalitäten der Polizei, die an Rußland gemahnen, hinwegtrösten; denn sämtliche jüdischen Angeklagten wurden freigesprochen. Aber der Gerechtigkeit wird voll erst dann Genüge geschehen sein, wenn der eigentliche Anstifter des ganzen Unheils, der Polizeipräfekt von Adrianopel, vor den Schränken stehen und seine Bestrafung erhalten wird. Die „Boz de la Verdad" berichtet: Die Angeklagten waren durch zwei türkische Anwälte und einen jüdischen vertreten. Die Anklage behauptete, die Angeschuldigten hätten zum Teil das Publikum geg^n den Polizeidirektor aufgereizt, andere hä'ten ihn geschlagen, die übrigen beleidigende oder staatsgefährliche Äußerungen getan. Die Vernehmung förderte schöne Dinge zutage. Einer der Beschuldigten war die Treppe hinuntergeworfen und vom Polizeidirektor mit der Peitsche gesehlagen worden, ein anderer bei vorgehaltenem Revolver gezwungen worden, Geständnisse über Dinge m machen, von denen er keine Ahnung hatte, ein dritter war von dem türkischen Hooligan grausam geprügelt, ein anderer eingekerkert worden, weil einer seiner Freunde nicht rechtzeitig zum Verhör beim Kommissar erschienen war, usw. Dem Angeklagten Benaroya, der ohne zu wissen warum, 25 Tage im Gefängnisse zubrachte, war bei der Verhaftung die Todesstrafe in Aussicht gestellt worden. Ein zweiter, Mordo Behar, urde, nur notdürftig mit dem Schlafrock bekleidet, gewaltsam abgeführt, ohne daß ihm gestattet worden wäre, sich anzukleiden,;alomon, der an mehreren Teilen des Körpers böse verwundet ist, .agte aus, er wäre zu Tode geschlagen worden, wenn der Groß- <ibbiner Bidgerons nicht dazwischen gekommen wäre. Der Kapuk-;naia, Stellvertreter des Großrabbiners, Isaac Effendi, ist verhaftet orden unter der Beschuldigung, einen der Angeklagten, Canetti, it Gewalt der Justiz haben entreißen zu wollen, obwohl er dem ^treffenden just geraten hatte, sich ruhig dem Untersuchungsrichter stellen, und hat 28 Stunden im Gefängnis zugebracht, bis der ali persönlich seine Freilassung verfügte. Am Nachmittag begannen die Plaidoyers. Der Advokat Scheref i stellte den Vorfall dar und bewies, gestützt auf offizielle »kumente, daß der Polizeichef der Provokator gewesen sei. Er )e das Märchen der „Rebellion* erfunden. Der Polizeichef hatte n zu dem General Jawer Pascha, der ihm Ruhe und Mäßigung -.empfahl, folgendermaßen geäußert: „General, ich habe das Wort „Revolution" erfunden, um mich i den Juden zu rächen und sie zu malträtieren, weil sie ganz iiträtabel geworden sind. Ich nehme die Verantwortung dafür nuf mich." Der Advokat schloß mit der Aufforderung zum Freispruch der Angeklagten und zur Anklageerhebung gegen den Polizeichef. Im gleichen Sinne sprach Advokat Chajim Behmoira Effendi, der den Staatsanwalt beschuldigte, die Anklagen gegen den Polizeichef wissentlich unberücksichtigt gelassen und zurückgewiesen zu haben. — Am Sonntag nahm die Verhandlung ihren Fortgang. Gendarmeriekommandant Assim Bej sagt aus, daß die Ansammlung der Leute auf dem Platze eine ganz gewöhnliche, durchaus nicht beunruhigende gewesen sei, und daß vier Gendarmen genügt hätten, um Ruhe zu schaffen. Plötzlich sei aber geschossen worden. Auf seine erregte rrage an die Gendarmen, wer ihnen das gestattet hätte, erwiderten;ie, der Polizeichef habe die Order gegeben. Er hat dann den Befehl sofort widerrufen. Schließlich zog sich der Gerichtshof zur Beratung zurück, um "ine halbe Stunde später folgendes Urteil zu verkünden: „In Anbetracht dessen, daß keine Bewegung dem Gesetze über die Vereine und Versammlungen zuwider vorliegt, „daß das Publikum sich in gewöhnlicher Weise angesammelt hat, „daß nicht festgestellt ist, von wem die Schläge und Schüsse ausgingen, „daß der Polizeidirektor sich nicht in Ausübung seines Amtes auf dem Platze befand, „befindet der Gerichtshof auf Freisprechung der Angeklagten." — Die Begeisterung der anwesenden Juden über den gerechten Urteilsspruch war groß. Nun aber wird abzuwarten sein, ob dieses 3nde der Affäre wirklich schon das Ende ist, oder ob nicht doch ndlich der famose Polizeichef vor die Schranken gezogen wird. Auch die schier vergessene Affäre des zu Unrecht eingerissenen iauses bedarf der Aufklärung. .Übergriffe gegen Juden in Istip Der „Progres de Salonique" schreibt unter dem 18. Juli: Gestern Abend spielte sich in Istip ein bedauerlicher Vorgang ab, der ein Pendant zu dem von Adrianopel bildet. Zeigte er auch nicht den gleichen Umfang und die gleiche Schwere, so bezeichnet er doch die Gesinnung gewisser Beamten gegenüber den Juden., Der Fall ist um so charakteristischer, als es hier Militärs sind, die in roher Weise mit Peitschenhieben nicht nur Männer, sondern auch Damen geschlägen haben; und der Gendarmerieoffizier, der sie gegen die Angreifer hätte schützen sollen, beging sogar Hausfriedensbruch, indem er einen der Juden bis in sein Zimmer hinein verfolgte. Und warum dieser ganze Aufruhr? Ein jüdischer junger Mann brachte beim Mondschein seiner Braut ein Ständchen gegenüber dem Cafe, wo die jungen Offiziere zu sitzen pflegen. Einer von diesen hatte ein Auge auf das Mädchen geworfen, hatte bereits früher einmal den jungen Mann geschlagen und ihm verboten, vor dem Hause der Braut wieder zu erscheinen. Der Angegriffene hatte den Offizier verklagt. Dieser warf sich nun gestern voll Wut und Rachedurst wieder auf ihn. Daraus entstand eine allgemeine Schlägerei, in deren Verlauf die Militärs sich bedauerliche Roheiten auch gegen Damen zuschulden kommen ließen. — Der „Jeune Türe" fügt diesem Bericht hinzu: Wir begreifen solche Vorgänge nicht und beklagen sie im Interesse des guten Rufs^ unseres Landes. Diese Neuauflage des Adrianopeler Zwischenfalls in anderer Form muß uns beunruhigen, und wir lenken ernstlich die Aufmerksamkeit der Regierung auf diese Situation, die entschieden unerträglich ist. Ein Exempel muß statuiert werden. Und wie in Adrianopel Gerechtigkeit geübt werden wird, indem der Polizeichef vor Gericht gezogen wird, so zweifeln wir auch nicht, daß die Regierung mit Energie gegen die Urheber der Unruhen von Istip vorgehen wird. Antebi verläßt Jerusalem Wie die Jerusalemer Blätter berichten, ist zwischen dem Pariser Zentralkomitee der Alliance Israelite und dem Vertreter der Alliance in Jerusalem Herrn Antebi ein Übereinkommen getroffen worden, wonach letzterer seinen Jerusalemer Posten demnächst verläßt und sich nach Mesopotamien — wahrscheinlich nach Bagdad — begibt, um dort als Vertrauensmann der Alliance und der Ica zu fungieren. An Stelle Ant6bis kommt höchstwahrscheinlich der ehemalige Direktor der Ackerbauschule Mikweh Israel, Herr Niego, nach Jerusalem. jy NACHRICHTEN ^Tj Antisemitische Wahlen in Algier Aus Algier wird gemeldet: Bei den Gemeinde wählen, die am 24. Juli stattfanden, siegte seit sieben Jahren wieder zum ersten Male die antisemitische Partei mit bedeutender Mehrheit über die gemeinsame Liste der Gemäßigten und Progessisten. Empörende Behandlung jüdischer Immigranten in London „Jewish Chronicle" berichtet in seiner letzten Nummer über einen empörenden Vorfall, der sich dieser Tage unter den Auspizien der Londoner Einwanderungsbehörde abgespielt hat. Am letzten Mittwoch wurden nämlich von der Einwanderungsbehörde sieben Immigranten nach Anhörung der Berufung zurückgewiesen. Die sieben Ausweisungen umfaßten einen Mann und seine Frau (ausgewiesen, weil sie nicht ihren Heiratsschein vorweisen konnten), zwei Schwestern, von denen die eine verheiratet ist und ein kleines Kind mit sich führte, einen jungen Mann von 28 Jahren und einen Knaben von 16 Jahren. Sie kamen letzten Sonnabend mit dem Schiff „Nerissa" der Kirstenlinie von Hamburg an und wurden von den Hafenbeamten angehalten und zur Berufung an die Einwanderungsbehörden verwiesen. Zu diesem Zweck wurden die sieben Personen, — die Männer, die Frauen, der Bursche und das Kind, — zusammen in eine kleine Zwischendeckkabine eingepfercht, in die weder frische Luft noch ein Lichtstrahl, ausgenommen wenn die Türe geöffnet wurde, und diese wurde fast immer geschlossen gehalten, dringen konnte. In diesem engen, licht- und luftlosen Gelasse wurden die sieben menschlichen Wesen gefangen gehalten, und es wurde ihnen nicht einmal erlaubt, ihr Gewahrsam zur Verrichtung ihrer Notdurft zu verlassen, bis sie vor die Behörde gebracht wurden. Nachdem diese sie endgültig ausgewiesen hatte, wurden sie in ihren Kerker zuiückgebracht, um die Abfahrt des Bootes abzuwarten, die erst tags darauf erfolgte. Der Besitzer des Fahrzeuges erklärte, er sei gezwungen, die Bedauernswerten in dieser Weise in Gefangenschaft zu halten, weil er, — nach dem Fremdengesetz, — einer schweren Strafe ausgesetzt wäre, wenn ihm einer von ihnen entkäme. Ein anderes Schiff, welches derselben Linie an-