Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 30 DIEa^KELT 735 zionistischen Charakter trägt, ist sie nicht als eine rein zionistische Institution zu betrachten. Die Statuten schließen nicht aus, daß auch Nichtzionisten an der Verwaltung teilnehmen und es ist auch gelungen, einen bekannten Pädagogen dazu zu bewegen, einen Sitz im Verwaltungsrat anzunehmen. Ferner besteht auch das Kuratorium teilweise aus Zionisten und teilweise aus Nichtzionisten. Die neue Gründung ist in der jüdischen Presse mit großer Sympathie aufgenommen worden und scheint überall freundlichem Wohlwollen zu begegnen. Bulgarien Aus Sophia wird uns gemeldet: Auf Intervention ies Groß-Rabbinats hat das Ministerium des nnern ein Zirkular an die Behörden gerichtet, in velchem sie aufgefordert werden, jede antisemitische Ausschreitung sogleich im Keim zu ersticken. Das Zirkular ist in sehr energischem Tone gehalten und wird, wie man erwartet, seine Wirkung nicht verfehlen. Brief aus Österreich (Von unserm Berichterstatter) Hochwasser Man wird an das Herzische Wort von den „überschwemmten stenzen" erinnert, wenn man die letzten Ereignisse im Wirt- ^laftsleben der Juden Österreichs beobachtet. Es ist freilich nichts -ues zutage getreten, es ist nur ein Prozeß sichtbar geworden, r seit Jahrzehnten im Werden und unaufhaltsam darauf gerichtet die wirtschaftliche Lage großer Schichten des jüdischen Mitteilendes zu erschüttern, zu untergraben. Das Grundwasser hat nach : relanger Wühlarbeit das Brdreich gelockert, nun dringt es in die Her Wohnungen, steigt höher, und jüdische Existenzen werden erschwemmt. In Wien werden einige hundert jüdische Hausierer drosselt, in Galizien und in der Bukowina stehen Tausende jüdischer chänker vor dem Untergang. Die (von uns bereits besprochene) Verordnung des Handels- ■nnisters Dr. Weißki rchner, die allen Hausierern, die nach dem ■ fahre 1907 nach Wien eingewandert .sind, ab 1911 den Handelt" verbietet, ist eine gegen die jüdischen Hausierer gerichtete laßregel Das unterliegt keinem Zweifel. Denn die judenreinen Gebiete Österreichs und Ungarns dürfen nach wie vor ihre schiffbrüchigen Mittelständler, die zur armseligen Hausiererei greifen, nach Vien entsenden. Es ist kein Trost für uns, daß sich die Wiener gewerbetreibenden sehr bald überzeugen werden, daß nicht der lungernde und gehetzte jüdische Hausierer ihr Feind ist. Auf dem Piaster liegen wieder einige brotlose, obdachlose, hoffnungslose üdische Familien. Ist niemand da, der eine Hilfsaktion ins Werk etzen wollte! Der österreichische Gemeindebund, die jüdische Gemeinde Wiens, der Galizische Hilfsverein? Wir werden sehen,;as uns nach den Erholungsferien der Herbst an Tatkraft und iilfsbereitschaft bringen wird. Schwieriger ist die Lösung der alizisch-bukowinischen Schänkerf rage. Die Zahl der jüdischen 'astwirtschaften läßt sich nicht feststellen. Von der „Industrie der Jetränke, der Genußmittel, der Beherbergung und Erquickung", — ie Rubrik der österreichischen Berufsstatistik, die auch den „Auschank geistiger Getränke" umfaßt, — leben 7,2% aller Juden des Meiches, also mehr als 86 000 Seelen, davon nahezu 70 000 Judeu n Galizien. Es läßt sich nicht feststellen, weichen Teil dieser Beufsschicht die Inhaber von Schankkonzessionen bilden, aber es ist on vornherein klar, daß es sich um die Existenz und den Brotrwerb von Zehntausenden handelt. Die jüdischen Gastwirte, denen er Entzug der Schankkonzessionen durch das Land droht, stehen or einer Katastrophe. Sie haben sich organisiert und die Wahrehmung ihrer Interessen einem Komitee übertragen, das in Fühlung Md Obereinstimmung mit dem Jüdischen Klub und der disch-nationalen (zionistischen) Partei Galiziens eine ziemlich rege ätigkeit entfaltet hat. In letzter Stunde vor Eintritt der Sommerrien legten auch zur größten Verwunderung der gesamten jüdischen Öffentlichkeit die Polenklubsjuden großen Eifer an den Tag nd intervenierten beim Ministerpräsidenten und dem galizischen tatthalter. Die Aktion der jüdischen Schänker und des Jüdischen Jubs geht dahin, Bürgschaften zu erlangen, daß bei der Neuverteilung der Konzessionen in erster Linie die bisherigen Schänker berücksichtigt werden sollen. Sollte es nicht gelingen, dann sollen, nach den Äußerungen des Abg. Dr. Löwenstein, die brotlos gewordenen jüdischen Gastwirte staatlich subventioniert, entschädigt werden. Wir glauben, es wäre gut und der Wahrheit am nächsten, wenn wir den ungünstigsten Fall ins Auge fassen. Der ausschlaggebende Faktor bei der Lösung dieser Brotfrage von Zehntausenden Juden ist der Landtag, der galirische und der Bukowinas. In beiden Körperschaften herrscht jedoch eine den jüdischen Schänkern ungünstige Stimmung. Polnische Volksparteiler unter Jan Stapinskis Führung sowie die radikalen Ukrainer verlangen die Abtretung der Schankkonzessionen in erster Linie an die Dorfgemeinden und die Bauerngenossenschaften, die „Kolka rolnicze" der Polen und die „Narodna torhowlas" (Volkshandlungen) der Ruthenen. Einen ähnlichen Beschluß hat jüngst auch der Landesausschuß der Bukowina gefaßt, der die Schankwirtschaften in Eigenbetrieb übernehmen will. Während in Galizien erwogen wird, ob die Gemeinden oder Genossenschaften die jüdischen Schänker verdrängen sollen, will in der Bukowina die autonome Landesbehörde selbst diese Aufgabe übernehmen. Es ist müßig, die Frage aufzuwerfen, ob wir Juden wirklich Grund haben, uns danach zu sehnen, daß das Übergewicht der Juden im Schankgewerbe Galiziens erhalten bleiben soll. Es entspricht gewiß nicht den zeitgenössischen Begriffen, dieses oder jenes Gewerbe als minder ehrenvoll zu betrachten. Weinausschenken ist gewiß ebenso sittlich wie die Führung von Geldgeschäften oder das Einsacken des Profits einer Kohlengrube. Aber das Schankgewerbe hat in unserer Geschichte, insbesondere in der Ukraine, eine verhängnisvolle Rolle gespielt, es war der Vorwand zu fürchterlichem Blutvergießen. Wir hätten keinen Grund, zu bedauern, wenn der Herzenswunsch der polnischen „Volksmänner" erfüllt wird und die Bauern selbst den Verkauf der Spirituosen übernehmen würden. Es ist unklug und unrichtig, die Forderung als einen Akt der Judenfeindschaft hinzustellen. Der Beweggrund mag nicht die reinste Volksliebe, sondern brutaler Judenhaß sein, das Verlangen an sich ist kein Gewaltstreich, es ist das Ergebnis einer natürlichen Entwicklung. Besitzen einmal die Bauern Galiziens ihre Ein- und Verkaufsgenossenschaften, ihre Konsumorganisationen, so ist es vorauszusehen, daß sie früher oder später den Ausschank geistiger Getränke übernehmen werden. Da ist es zwecklos, über Antisemitismus zu jammern. Die wirtschaftliche Entfaltung und die moderne Produzenten-Assoziation ist nun einmal gegen den jüdischen Mittelstand gerichtet. Er wird erbarmungslos zermalmt. Es soll gerettet werden, was gerettet werden kann. Das Los der von der Entwicklung und dem schweren Erbe des Ghettos Niedergetretenen soll gemildert und erleichtert werden. Die Aufgabe einer weitblickenden Politik ist es aber, dem Unvermeidlichen ins Antlitz zu schauen und Mittel zu ergreifen, um den existenzlos gewordenen jüdischen Schänkern den Übergang zu einem andern produktiven Arbeitszweig zu ermöglichen. In der Bukowina diskutiert man über die Möglichkeiten einer innern Kolonisation. Von der Durchführbarkeit nnd Zweckmäßigkeit des Vorschlages soll hier abgesehen werden. Der Grundgedanke ist richtig und wahr. Wie anders wäre es, wenn das Judenland schon jetzt Tausenden Hin weggeschwemmter Brot und Erwerb bieten könnte! Die leitende Idee der Hilfsaktion muß immerhin die produktive Berufsänderung sein. Judennot Wir meinen die Not der Juden des Polenklubs. Sie konnten das Notgeschrei der jüdischen Schänker nicht mehr ruhig anhören. Denn in unserer Zeit des allgemeinen Wahlrechts ist auch das Elend eine Ware, eine politische Ware,, Die Herren Dr. Löwenstein, Dr. Kolischer und der Volksfreund Dr. Gold konnten sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, ihren politischen Wert zu erhöhen. Sie intervenierten zugunsten der Schänker. Nichts ist bezeichnender für das Verhältnis der jüdischen Öffentlichkeit zu seinen polentreuen Vertretern als die allgemeine Verblüffung, die ihre politische Geschäftigkeit hervorgerufen hat. Es ist den Herren wirklich hoch anzurechnen, daß sie trotz der Grunwaldfeier noch Zeit gefunden haben, mit Baron Bienerth über eine jüdische . Angelegenheit zu plaudern. Doch ein Umstand trübt die allgemeine Freude. Herr Dr. Löwen stein behauptet, der ganze Polenklub stehe wie ein Mann hinter seinen Juden. Nun wollen die israelitischen Polen den jüdischen Schänkern die Konzessionen erhalten, die Volksparteiler wollen das Gegenteil. Auch wenn die andern Fraktionen des Kolo polskie neutral bleiben wollten, erscheint es uns unwahrscheinlich, daß die vier Juden im Polenklub mehr bedeuten als die 16 Bauernvertreter von der Stapinskischar. In der Wirklichkeit sind die Konservativen mit den Volksparteilern