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Die Welt · 1910-07-29 · 30 (29.7.1910) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
14 (1910)
Issue
30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
– (sequence 7)
Language
German
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No. 30 DIE3^ELT 731 Staatsbankerott erklärte, dessen Budget ein ständiges Defizit von ca. 60 Millionen Mark jährlich aufweist, für die Feier seiner Unabhängigkeit (nach Goltz) 70 Millionen Mark auf einmal ausgibt, so dürfte er damit wohl kaum den Beifall seiner Bürger wecken. Diese Unzufriedenheit führte nun Mitte Mai zu großen Kundgebungen der eingeborenen Arbeiterschaft. Die Regierung beantwortete diese Demonstrationen — davon weiß ja Goltz nichts — nach russischem Muster. Am 14. Mai abends, als die Polizisten sich „zufällig" nicht auf ihren Posten befanden, drang in Buenos Aires eine tausendköpfige Menge von Bürgern, Studenten und Lumpenproletariern in das jüdische Viertel, steckte einige Häuser (natürlich nachdem sie ausgeplündert worden waren) in Brand, vernichtete eine jüdische Bibliothek, schlug jüdische Passanten blutig, kurz, man hauste, so wie etwa irgendwo in Kiew oder in Jassy. Um die Ähnlichkeit zu einer noch verblüffendem zu machen, ereigneten sich diese „Manifestationen" unter der Herrschaft des Belagerungszustandes, der ja dem verstärkten Schutz in Rußland entspricht. Was tat der Polizeipräsident? Er ließ 150 Russen und Italiener festnehmen, — wie Goltz erzählt, — und drohte ihnen für den Fall, daß sich etwas ereignen werde, mit dem Pöbel. Nun hat, wie man aus andern Zeitungsmeldungen erfährt, der italienische Gesandte sehr kräftig protestiert und für seine Landsleute interveniert. Es blieben also die „Russen" übrig. Und das Volk verstand seinen Polizeipräsidenten sehr gut. Argentinien ist eine freie Republik, die in den Jahren 1810—1813 für ihre Unabhängigkeit gegen Engländer und Spanier kämpfte. Im Wappen führt sie die französische Jakobinermütze auf einem Stab, den zwei verschlungene Hände halten. Zur Feier der Unabhängigkeit legte man die Mütze weg und schlug mit beiden Fäusten auf die paar Juden los.... Und dieses Argentinien galt und gilt noch heute , in gewissen Kreisen des Judentums als eine Zufluchtsstätte, ja sogar als ein Dorado. Hoffentlich ist dieser Glaube jetzt endgültig gebrochen, und auch diejenigen, die auf der Suche nach Wohnländern für die jüdischen Heimatslosen die ganze Welt mit Ausnahme eines Landes in Kleinasien bereisen, werden jetzt einsehen, daß sie ein Experimentierfeld verloren haben. Die Juden in Buenos Aires aber mögen bei Vergleichung ihrer Lage mit der der italienischen Steinbrucharbeiter bitter lächelnd gefragt haben: für die Italiener hat ihr Konsul interveniert; wer kümmert sich um die „Russen"? O ifü □ □ □ □ □ o o VS —O FEUILLETON o O CV O SCHIMSCHON DER GREIS Aus dem Hebräischen des Jehudoh Steinberg, deutsch von E. M. Weder Neumond noch Sabbat ist es heute, — und doch brennen im Hause Schimschons des Alten große Kerzen in Silberleuchtern, die nicht aus der Lade genommen waren seit jenem Tage, da ihm Zirele, sein Weib, gestorben war. Ober den Tisch ist eine weiße Decke gebreitet und über alles etwas wie ein Schatten von Festlichkeit. Seine verheirateten Söhne und Töchter samt seinen Enkeln haben sich bei ihm versammelt, dazu einige Bekannte und Leute, die ihm nahestanden. Nur er allein sitzt einsam an dem Kopf des Tisches, in Sabbatkleidern angetan, und blickt wie in Verwunderung auf seine Umgebung. „Ist es ein Scherz, den diese Menschen treiben?" Er will den Versammelten ins Angesicht schauen, aber er fühlt, wie er sich schämt. Lang ist's her, seit er solch „kindisches" Fühlen gekannt! Ein Greis, der sich schämt! Vor Jünglingen! Vor Kindern! Er wendet seine Augen von ihnen und schließt sie von Zeit zu Zeit, damit jene ihn nicht ansehen. Und wie er seine Augen schließt, kommt ihm eine Nacht gleich dieser ins Gedächtnis, aus weiter Vergangenheit her. Damals aber war das etwas ganz anderes. Damals hat seine „Zirele" noch gelebt. Er war noch ein Knabe, hatte seinen ständigen Aufenthalt in der „Klaus" und kam ins Haus seiner Ritern nur mittags, um zu essen, und nachts, um zu schlafen. Aber er wußte, daß er einen „Mechutan" und eine ^Mechutenet" hatte, die zuweilen in den Wohnort seiner Eltern kamen und ihm Geschenke brachten. Und er verstand, daß er dort, im Hause des „Mechutan" und der „Mechutenet" auch eine Braut haben müsse, — es scheint ihm, daß sie „Zirele" heiße. Und er erinnert sich, daß er um ihretwillen oft schon einen Kampf der Triebe auszufechten hatte, — .weil ihm nämlich Gedanken über sie mitten im Lernen und Gebet den Kopf verwirrten ... Er sitzt zum Beispiel am Freitagabend bis nach Mitternacht in seines Vaters Hause und liest „Schir Haschirim". „Mit mir, komm, o Braut, vom Libanon", — sofort denkt er an sie, sieht sie mit all jenen Merkmalen, die er der Braut aus „Schir Haschirim" gegeben hat. Oder er sitzt in der sechsten Nacht der Woche wach in der „Klaus", wie es bei den Jüngern der „Klaus" Brauch ist, wandelt den „Raschi" des Wochenabschnitts durch und ist mit der Wertmessung der Schönheit unserer Stammesmutter Sarah beschäftigt. Und sofort stellt sich jene, die Zirele heißt, vor seine Augen hin in der vollen Schönheit der Sarah, unserer Stammesmutter. Und manchmal ging er ganz unschuldig an dem Hause des Dieners vorbei, der neben der „Klaus" wohnte, blickte in das Zimmer hinein und strauchelte an einer Versündigung des Blicks: denn er sah die Tochter des Dieners mit entblößten Armen stehen, die in einem Troge Wäsche wusch. Dann meinte er, daß Zirele an Schönheit der Tochter des Dieners gleichen könnte. Und nachher wieder, als er bei Ephraim, dem greisen Schächter, aus- und einging, der nach, dem Tode seines ersten Weibes ein ganz junges Mädchen zur Frau genommen hatte, (und bei ihm lernte er die Kunst des Schächtens) dann stellte er sich, —

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