Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Spaltungen und Meinungsverschiedenheiten in der von ihm mühsam gegründeten Organisation aus. Die wankelmütigen Elemente schieden aus, eine zweite Gegenorganisation wurde gebildet. Und es dauerte einige Jahre, bis wieder in Gotha eine Versöhnung der Vertreter aller Richtungen und eine Vereinigung aller sozialistisch gesinnten Arbeiter zustande kam, die zur Konsolidierung und zur Macht der heutigen sozialdemokratischen Partei Deutschlands führte. Auch uns sind leider nach dem frühen Hinscheiden unseres Führers Krisen und Zwiespälte, Anfeindungen der Abtrünnigen und Meinungsdifferenzen im eigenen Lager nicht erspart geblieben. Glücklicherweise sind wir in den letzten Wochen in Berlin zum Punkte unserer Einigkeit wiedergelangt, — und diese Einigkeit möge die Basis unserer Macht bilden, für die der Grundpfeiler von Theodor Herzl gelegt wurde. Ein türkisches Nationalfest Am 24. Juli jährte sich zum zweitenmal der Tag, da der Türkei die Freiheit erschlossen wurde. Diese Tatsache an sich ist von Bedeutung. Es gab ernster Pessimisten genug, die hartnäckig voraussagten, daß die Konstitution so lange nicht leben werde. Sie irrten, denn sie lebt, sie besteht noch immer wirklich. Und es sieht ganz so aus, als sei ihr Bestand gerade jetzt gesicherter als jemals. Vielleicht gerade die nächsten Tage, die bevorstehende Zusammenkunft der Leiter der deutsch-österreichischen Politik mit dem Großwesir Hakki Pascha kann die entscheidende Befestigung und eine neue aussichtsreiche Garantie der Zukunft des ottomanischen Reiches bringen. Man spricht sogar von einem Anschlüsse der Türkei an den Dreibund. .. Wir grüßen aufrichtigen Herzens den Ehrentag der freien Türkei. Wir wissen wohl, daß die Konstitution in den zwei Jahren ihres Bestandes noch nicht alle innern Verhältnisse des Landes mit ihrem wahren Geist hat durchdringen können, wissen wohl, daß selbst ihre besten Vorkämpfer ihn noch in manchen Stücken mißverstehen. Aber das ist menschlich und historisch begreiflich, und es wird sich wandeln. Wenn nur die Grundlagen zur freien Entwicklung erhalten bleiben, und das ist eben die Akte der Verfassung selber, so ist alles Beste von der Zeit zu erhoffen. Auch für die türkischen Juden, die gerade in letzter Zeit sich über manche unkonstitutionellen Übergriffe und Mißverständnisse ihrer guten Gesinnung zu beklagen hatten. Auch sie lassen sich durch solche trüben Einzelerscheinungen nicht entmutigen; sie vertrauen getrost auf die eminente Lraft der konstitutionellen Ideen, die früher oder später sie wie die andern Reichselemente zu voller Gleichheit und zu uneingeschränkter Entfaltung ihrer nationalen Kräfte erheben muß. Man hat gesagt, dem Zionismus, habe die Konstitution nicht gebracht, was er erhofft hatte. Im Gegenteil, sie sperre seinen Weg dichter, als es der Absolutismus getan. Das ist nicht richtig. Es begreift sich, daß die neue Regierung des Landes am Begiune der verantwortungsvollen Bahn, die sie das Geschick des Reiches führen soll, noch unsicher tastend Umschau hält und vorsichtig, ja mißtrauisch da ist, wo wir wünschten, daß sie — auch zu ihrem Besten — Vertrauen zeigen sollte. Das ist nur natürlich und stellt No. 30 der Gewissenhaftigkeit der neuen Männer das beste Zeugnis aus. Aber es kann nicht sein, daß die Zeit sie nicht lehren sollte, klarer und besser zu sehen, den Zionismus zu erkennen und Vertrauen zu ihm zu gewinnen. Die Gewähr dafür liegt eben in der konstitutionellen Freiheit, die den freien Ideenaustausch und damit den Sieg der rationellen Gedanken verbürgt. Und früher oder später: auf dem Wege der rationellen Selbstbestimmung seiner Geschicke wird der türkische Staat dem Zionismus begegnen, und er wird sich dann seiner als eines der besten konstitutiven Elemente des Reichsbestandes bedienen. Denn der Zionismus ist für die Türkei im besten Sinne staatserhaltend. Auf der andern Seite hat die Konstitution an sich schon eine ganze Reihe von Teilverwirklichungen unserer Bestrebungen gebracht. Die größere Freiheit im Lande kann ja nicht anders als den Aufschwung des zionistischen Werkes in Palästina beschleunigen. Und je mehr konstitutionelle Gesetze werden geschaffen werden, um so fühlbarer, um so rapider wird sich das beweisen. Darum sind wir Zionisten von Herzen der türkischen Freiheit Freund. Ihr Geburtstag ist ein Freudentag auch für uns, ein frohes Wahrzeichen für unsere Zukunft. Argentinien Der deutsche Generaloberst Freiherr v. d. Goltz, der bekannte Reformator der türkischen Armee, ist dieser Tage aus Argentinien zurückgekehrt, dessen Unabhängigkeitsfeier er als Vertreter des Deutschen Reiches beiwohnte. In einem Interview hat er über seine Reise verschiedene interessante Daten mitgeteilt,-denen wir folgendes entnehmen möchten: „Die argentinische Regierung", — sagt er, — „verdient volles Vertrauen. Sie versteht es vor allem sehr gut, mit den anarchistischen Elementen im Lande fertig zu werden. Allerdings sind ihre Mittel nicht immer ganz „europäisch". Vor dem Unabhängigkeitsfest ließ der Polizeipräsident von Buenos Aires etwa 150 bekannte Anarchisten, zum großen Teil Russen und Italiener, festnehmen und eröffnete ihnen, daß sie beim geringsten anarchistischen Zwischenfall der Völkswut preisgegeben würden. Diese amtliche Drohung hat ihren Eindruck nicht verfehlt. Die Feste sind ohne jede Störung verlaufen, obgleich anarchistische Kundgebungen angekündigt worden waren. Die eigentliche argentinische Bevölkerung ist den Anarchisten, die ausschließlich Fremde sind, sehr feindlich gesinnt und billigt die schärfsten Maßregeln zu ihrer Unterdrückung. So hat es im Volk überall Beifall gefunden, als die Regierung während der Feste zur Sicherheit der vielen fremden Gäste den Belagerungszustand erklärte." Es ist also, wenn man sich diese Äußerung genauer besieht, eigentlich nichts vorgefallen, wras eine Verfolgung der sogenannten Anarchisten hätte rechtfertigen können. „Was einem unangenehm ist," hat Bismarck einmal gesagt, „erklärt man für Sozialismus." In Argentinien scheint der Anarchismus diese Blitzableiterrolle übernommen zu haben. Sicherlich herrscht in der südamerikanischen Republik eine arge Unzufriedenheit in der Bevölkerung, die besonders in der jährlich steigenden Auswanderung ihren sinnfälligen Ausdruck findet. Und wenn ein Staat, der 1890, also vor 20 Jahren, den