Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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732 -----......,,rr:::^,^.,.^,:, , DJE^ denn auf beide stieß er viele und viele Male, — Zireje einmal in der Art der mannbaren Jungfrau vor und ein anderesMal in der Gestalt der jungen Frau des Schächters. So kämpfte er immer mit seinen Gedanken und obsiegte dem bösen Trieb. Nur eines beschloß er fest bei sich: wenn er Zirele zum Weibe nehmen wird, dann wird er sie lieben. Und nach der Thora ist es doch erlaubt, sein Weib zu lieben. . Und er erinnert sich, daß, als er einmal nachts nach Hause kam, sein Vater ihm kundtat, daß seine Hochzeit — so Gott will — am nächsten „Trostsabbat" stattfinden werde. Er freute sich ausnehmend darüber. Nur schämte er sich vor sich selber und strengte sich an, etwas Trauriges in seine Gedanken zu bekommen, damit man ihm nicht anmerke, wie er sich der Nachricht freut, — doch gelang es ihm nicht. Was ihm nur einfiel, war Spaß und Fröhlichkeit. Und dann der Sabbat der Vollendung! Und wieder jene Reise, die er nie vergessen wird! Wieviel überschwengliche Wonne und wieviel Sorge und Angst empfand er auf jenem Wege. Er sorgte und ängstigte sich, es könnte am Ende auf dem Wege etwas passieren, um alles zunichte zu machen. Es könnten sie Räuber überfallen, — es könnte ein Unwetter kommen, das sie zur Rückkehr zwingt, — es könnte, — wer weiß es? — am Ende einer der Schwägersleute Reue bekommen. Und dann, wie er vor dem Schreiten unter den Trauhimmel auf sie blickte, wie es so sein soll, da sah er, daß sie wirklich sehr schön war. Dann unter dem Trauhimmel wurde er plötzlich zum Mittelpunkt aller Blicke, — Greise standen vor ihm auf, — die Reichen der Stadt taten ihm Ehre an! Das war wirklich des Glückes zu viel! . . . Und dann begann er mit ihr zu leben. Er hielt sein Gelöbnis und liebte sie. Sie war auch ein musterhaftes Weib. Um ihretwillen war er gewürdigt, gottesfürchtige, vollendete Söhne in die Welt zu setzen und Töchter, wert, an Talmudgelehrte vermählt zu werden. Sein Herz klopfte ihm manchmal: man könnte dafür seinen Lohn im Jenseits verkürzen. Er wußte und fühlte bei sich, daß er in dieser Welt zu viel des Glückes genoß . . . Die Leute redeten ihm nach, daß er ein „Geizhals" sei, weil er nicht, wie es einem richtigen Mann seines Standes ziemt, „Gäste ins Haus nahm". Wer aber Verborgenes weiß, kennt die Wahrheit, daß er nicht aus Geiz Gäste von seinem Tische fernhielt, nur darum, weil er sich vor ihnen schämte, mit ihr zusammen bei Tische zu sitzen. Und sie den Gästen zuliebe vom Tische zu vertreiben, vermag er gewiß nicht. Wie wird er seinen Sabbat entweihen und allein mit den Gästen zu Tische sitzen? Und sie soll in der Küche speisen? Dann aber — der Todestag! Ach! Er zweifelt, ob jene ganze Wonne gleichkam dem bittern Schmerze jenes Tages und dem Schmerze der ganzen folgenden Jahre! Das erste Jahr, erinnerte er sich, war er wie vom Wahnsinn befallen. Er blickte auf seine zwei jung- £ELT — No. 30 fraulichen Töchter, die ihm geblieben waren, und weinte; er blickte auf sein kleines Mädchen und weinte; er setzte sich %u Tische und weinte; er ging an der Küche vorbei, warf einen Blick hinein — und weinte; er suchte ein Buch in der Lade, stieß auf Zireles Gebetbuch und weinte. Er weinte das ganze Jahr. Und dann begannen die Leute hinter ihm 211 reden: Ist es möglich? Ein „Schächter und Aufseher" in Israel, und bleibt ohne Weib? Und damals stand die Sache in Gefahr: er war fast von der Notwendigkeit gedrängt: „die Würdenträger der Gemeinde gegen den Schächter und Aufseher" — keine Kleinigkeit! Aber jedesmal, wenn es zur Ausführung kommen sollte, empfand er eine Art Ekel. Sein Herz bäumte sich mit aller Macht dagegen. Und er fing an, durch eine Ausrede zu entschlüpfen: „Ich will zuerst meine älteste Tochter verheiraten.* Und als er sie vermählt hatte, begann er sich mit seiner zweiten Tochter zu entschuldigen. Inzwischen wuchs auch das kleine Mädchen heran, und er begann vor den Würdenträgern zu klagen und wies mit dem Finger auf das Kind, das schon in seine Jahre gekommen war. Und als er das „Kind des Alters" vermählt hatte, versprach er seinem Schwiegersohne die Kost an seinem Tische, solange er lebte, in der Absicht, eine neue Ausrede zu haben gegen jene, die über seinen ledigen Zustand redeten. Indes verjährte sich die Sache; er wurde immer älter, kam in die Jahre des Greisentums und war vor der bittern Versuchung gerettet. Jedenfalls achtete er nicht mehr dessen, was die Würdenträger über ihn redeten, weil er sich überhaupt nicht mehr mit dem Schächten befaßte. Er übergab sein Amt dem Schwiegersohne, der an seinem Tische speist. Dieser ist ein rechter „Schächter und Aufseher", gottesfürchtig, fromm und stellt die Gemeinde zufrieden. „Was aber wollen diese Narren jetzt?" „Können sie die Jahre erneuern? Mir sie wiedergeben, Sie, Zirele?" Und er weiß doch, daß nicht jene ihn dazu drängten, sondern er selbst hatte seinen Kindern die Absicht kundgetan, nach Erez Israel zu gehen, und er selbst hatte gestanden, daß er zu diesem Zwecke ein Weib nehmen müsse; denn, die W7ahrheit zu sagen, wie kann ein Mann aus Israel, und gar einer, der schon in die Jahre kam, nach Erez Israel gehen ohne Weib? Er weiß dies alles und kann keine Schuld auf einen andern lasten. Nur wenn er auf diese närrische Feier blickt, wenn er den Schadehen sieht, den Vorbeter, den Gemeindediener, mit eben dem nämlichen Trauhimmel, unter dem er damals gestanden hatte, — vor vierzig Jahren, — dann faßt ihn ein heftiges Verlangen, aufzuspringen, die Lichter auszulöschen, all diese geputzten. Gäste, — sie einbegriffen — aus dem Hause zu jagen und ihnen nachzuschreien: „Verräter! Was wollt ihr, Kinder, Narren?" . „Was aber wird mit Erez Israel sein?" —