Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 14 (1910)
- Issue
- 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 30 DIE^ELT 729 Hören sich nicht etwa all diese Geschehnisse so an, als wenn wir — mutatis mutändis — das erste schwungvolle Stadium des Herzischen Zionismus wiedergeben würden? Wir dürften nur die Namen der handelnden Personen und der entsprechenden Orte ändern, die Handlung bleibt genau dieselbe. Was jedoch noch bei weitem mehr, als die innere Größe beider Persönlichkeiten und die Ähnlichkeit ihres Parteischicksals einen Vergleich gebieterisch hervorruft, ist die Konzeption ihrer Ideen in bezug auf die Art, wie sie denselben zum Siege verhelfen wollten. Wir wissen, daß die Vorwürfe, die zu Lebzeiten Herzls von manchen Seiten gegen ihn erhoben wurden, darin gipfeln, daß er in seinem allzugroßen Optimismus die Lösung der Judenfrage, — zumindest der Golusfrage, — auf kurzatmige Frist in Aussicht stellte, daß er ferner diese Lösung nicht bloß durch das Judentum selbst sondern durch Unterstützung der offiziellen Mächte herbeizuführen gedachte. IsL es nicht da sonderbar, daß derselbe optimistische Glaube an die rasche Er--!5sung des Arbeiterstandes den Vorkämpfer des Sozialismus kennzeichnet? Lassalle hoffte anfangs, wie es Herzl in seinem .. Judenstaät" und dann noch in den Flitterwochen seiner Führerschaft erwartete, daß Hunderttausende von Beirückten auf seinen Ruf sich unter die Flagge der?reiheit scharen werden. In diesem Punkte erlitt er, jbenso wie der Apostel des Zionismus,eine Enttäuschung. Anstelle der ersten 100 000 Arbeiter meldeten sich als Mitglieder kaum 4000; aber dennoch gab sich der sozialistische Reformator weiter der Hoffnung hin, die Lösung der Arbeiterfrage zwar nicht durch Umsturz der Gesellschaftsordnung, aber durch „Umgestaltung des Lohnarbeiters zu seinem eigenen Unternehmer" in kurzer Zeit zu verwirklichen. Beide waren sie ungeduldig, oder beide wollten sie die Ungeduld ihrer Anhänger rasch befriedigen, und sie glaubten ernten zu können, bevor es noch zur Genüge gesät war. Und beide konnten sich ihr Ziel nicht anders zurechtdenken, als mit Hilfe der Regierung. Geheime Konferenzen fanden statt zwischen Lassalle und — Bismarck, demselben Reichskanzler, der später die Ausnahmegesetze gegen die Sozialisten einführte. Konferenzen, die einerseits viel angefeindet, anderseits ebensoviel bejubelt wurden; Konferenzen, an deren Ersprießlichkeit Lassalle selbst nicht wenig glaubte, an denen der Vertreter der Arbeiter dem größten deutschen Diplomaten — wenn auch nicht direkt — Lobesworte ob seines „klugen und kulturellen Auftretens" abzulocken verstand, und die im ganzen und großen an die Konferenzen unseres Wortführers mit den Mächtigen Europas erinnern. Dieser Vergleich zwischen beiden Repräsentanten zweier Ideen ließe sich bis in die kleinsten Details fortspinnen. Sie hatten beide dasselbe faszinierende Wesen, das ihnen die Sympathie und Achtung ihrer kulturellen Zeitgenossen zusicherte; sie besaßen denselben erhabenen Stolz, dieselbe Kühnheit in ihren Ansichten und ihren Handlungen. — Georg Brandes, der in seiner Würdigung Lassales ihm sonst vollkommen gerecht wird, erklärt diese unerschütterliche Sicherheit Seines eigenen „Ichs" als „jüdische Chucpa". Tatsächlich jedoch ist es nichts anders, als die Uberzeugung, daß man einer unsterblichen Idee dient und daher auch selbst der Unsterblichkeit angehört. Und wenn Lassale in seiner Verteidigungsrede den Herren Räten von den „Ergebnissen seiner Nachtwachen" erzählt, die „zur Wissenschaft übergehen werden, wie er zur Geschichte", so erinnert uns diese „Chucpa" sein sollende vornehme Selbstschätzung unwillkürlich an das Auftreten Herzls bei Baron Hirsch, und es durchschauert uns mit derselben Bewunderung wie das hohe Selbstbewußtsein, mit dem unser Staatsmann den weisen Philantropen warnt, über das jugendliche Alter des „utopischen Ratgebers" ignorierend zu lächeln, denn „bei dreißig Jahren war Napoleon Kaiser". Im Unterschiede zu Marx, nach dessen Anschauung „der Arbeiter kein Vaterland habe", war Lassalle durchweg Nationalist. Er wollte dem deutschen Arbeiter und dem nationalen Staate dienen, aber — ebenso wie der Verfechter der jüdisch-nationalen Ideale, — war auch er überzeugt, daß er trotz seines exklusiven Nationalismus „um die Sache der gesamten Menschheit" sich verdient mache. — Und wie Herzls maß auch er die Grenzen seines Könnens durch den Willen ab. Als Handelsgehilfe schon, nachdem er die Schule verlassen hatte, „traute er seinem festen Willen, sich mehr mit den Musen, als mit den Haupt- und Strazzabüchern zu beschäftigen." Die Stärke des Willens legte er auch als Hauptmaßstab an die Verwirklichung seines politischen Programmes an. „Arbeiter ist — seiner Ansicht nach — wer den Willen hat, sich der Menschheit nützlich zu machen." Und wenn der Verfasser „Altneulands" als Motto niederschreibt: „Wenn ihr wollt, dann ist es kein Märchen", so schloß der Verteidiger des „ehernen Lohngesetzes'' eine seiner Reden mit der Mahnung: ,,Dieser Gedanke muß ihre Seele erfüllen und beschäftigen .... und um so schneller werden sie die Erfüllung dieser Aufgabe herbeiführen." Und endlich wie hoch das Glück, so rasch und jäh war das Ende beider, wiewohl es bei dem einen mehr abenteuerlich, bei dem andern auf natürliche Weise erfolgte. Der eine war da nicht ganz vierzig, der andere nicht viel über vierzig Jahre alt; und als der Leichnam Lassalles von Genf nach Köln und von da ab nach Breslau übertragen wurde, da gab es unter der Arbeiterschaft Deutschlands eine so unendliche Trauer, wie sie ihresgleichen nur vier Jahrzehnte später in der Verzweiflung der zionistischen Gemeinden des Erdrundes an der Bahre Herzls findet. * * Was soll uns diese Parallele? Nietzscheaner würden vielleicht zur Schlußfolgerung gelangen, es sei das Übermenschtum, das sich durch einzelne übermächtige Gestalten von Stufe zu Stufe Bahn bricht; Fanatiker der Seelenunsterblichkeit und Gläubigen eines polnischen Towianski würden beweisen, wie der „König-Geist" von der einen Individualität in die körperliche Hülle eines zweiten Sprößlings derselben Nation übergeht, um allmählich die ganze Nation königlich zu adeln. — Wir wollen uns in derartige mystische Enthüllungen nicht einlassen. Es galt uns bloß, heute am Gedenktage des Todes unseres ungekrönten Kölligs einmal ausnahmsweise nicht das hervorzuheben, was ihm allein und ausschließlich eigen war, sondern das, was er mit einem andern „Diener am Licht" gemein hatte, um zu zeigen, wie trotzdem und vielleicht eben deswegen seine epochale Erscheinung über uns allen emporragt. Nach Lassalles unerwartetem Abgang brachen 2*